Kreuzfahrtschiff ARD-Magazin misst hohe Abgaswerte auf "Aida Prima"

Die "Aida Prima" soll das Vorzeigeschiff der deutschen Kreuzfahrtbranche sein. Doch nun muss sich die Rostocker Reederei erklären: Das ARD-Magazin "Plusminus" hat Abgasmessungen an Bord durchgeführt.

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Nun ist passiert, was Aida Cruises bisher versucht hat zu verhindern: An Bord eines ihrer Kreuzfahrtschiffe wurden stichprobenartige Abgasmessungen durch Dritte durchgeführt - vom ARD-Magazin "Plusminus". Und das auch noch auf dem neuen Flaggschiff der Flotte, der "Aida Prima".

Das Ergebnis: Die Luft ist zum Schneiden. Die auf dem Deck und wohl auch im Reedereigebäude in Rostock. Die Konzentration der als besonders gesundheitsgefährdend geltenden ultrafeinen Partikel, der Crew und Passagiere an Bord ausgesetzt sind, sei alarmierend, kommentierte der Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes (Nabu), Leif Miller, in einer Mitteilung: "Die Abgaswerte auf der 'Aida Prima' sind erschreckend hoch."

Reporter vom Saarländischen Rundfunk sind in einer kühlen Februarwoche an Bord gegangen, berichteten sie im ARD-Magazin "Plusminus". Auf der Nordsee testeten sie mit ihrem Kondensationspartikelzähler die Luft vor dem Schornstein. Das Ergebnis: unauffällig. Die Seeluft war so frisch, wie es sich der Urlauber wünscht.

An der Kunsteislaufbahn jedoch, in der Abgasfahne hinter dem Schornstein, zeigte das Geräte-Display plötzlich andere Werte: Im Durchschnitt hätten sie bei der halbstündigen Messung bei 68.000 Partikel je Kubikzentimeter gelegen, einzelne Ausschläge um ein Vielfaches höher. Zum Vergleich: An einer belebten Stuttgarter Bundesstraße wurden Werte zwischen 25.000 und 30.000 gemessen. "Plusminus" kam im Rostocker Berufsverkehr auf 21.300.

Aida zweifelt ARD-Messmethode an

Aida Cruises wehrt sich gegen die Vorwürfe und zweifelt die Messmethode der ARD-Reporter an. "Einzelne Zufallsmessungen, die nicht nach wissenschaftlichen Standards und Methoden (...) und ohne die erforderlichen Messgeräte stattfinden", stellten "keine tragfähige Tatsachengrundlage für Behauptungen dar, die in Ihrer Anfrage zu Ausdruck kommen", schreibt Hansjörg Kunze, Vice President Communications & Sustainability Aida Cruises, in einer Stellungnahme an die Autoren des TV-Beitrags.

"Wir möchten beim Verbraucher (...) mit wissenschaftlich belegbaren Fakten überzeugen", so Kunze. Diese jedoch sind bisher noch nicht veröffentlicht worden. Die Reeder lehnten nach wie vor ab, mit dem Nabu und unabhängigen Gutachtern offizielle Messungen auf ihren Schiffen durchzuführen, sagt Dietmar Oeliger, Nabu-Leiter der Verkehrspolitik. Auch das Helmholtz Zentrum in München erhielt Absagen auf derartige Anfragen, berichtet "Plusminus".

Bereits im Januar hatte der französische Sender France 3 in dem Magazin "Thalassa" über verdeckte Luftschadstoffmessungen an Bord eines Kreuzfahrtschiffes auf einer Mittelmeerreise berichtet. Dort ergaben Messungen an der Joggingstrecke 307.000 ultrafeine Partikel pro Kubikzentimeter. France 3 hatte weder Schiffsnamen noch Reederei genannt. Ein Abgasreinigungssystem hatte das Schiff vermutlich allerdings nicht.

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Im Schiffsbauch: "Aida Prima" und ihre Umwelttechnik

Die ultrafeinen Partikel, die sowohl die "Thalassa"- als auch nun die "Plusminus"-Reporter untersucht haben, sind im Durchmesser weniger als 0,1 Mikrometer groß und daher besonders gesundheitsgefährdend: Während größerer Feinstaub nur bis in die obere Atemwege gelangt und dann wieder ausgeschieden wird, können die winzigen Teilchen bis in die Lungenbläschen und den Blutkreislauf vordringen. Die Folgen bei Dauerbelastung reichen von Atemwegsentzündungen bis hin zu Lungenkrebs, wie das Umweltbundesamt angibt.

Helge Grammerstorf, Direktor des Dachverbands der Reeder CLIA in Deutschland, hielt die Ergebnisse im Januar für nicht aussagekräftig: "Die Messungen von France 3 sind nur punktuell erfolgt. Um eine Aussage über eine Belastung zu treffen, müsste über eine längeren Zeitraum gemessen werden", sagte er damals dem SPIEGEL. Messungen von Redereien und Werften auf ihren Schiffen hätten keine außergewöhnlichen Belastungen der Passagiere ergeben.

Abgasreinigungssystem noch nicht vollständig in Betrieb

Mit der gerade erst im Mai 2016 getauften "Aida Prima" hat sich die ARD-Redaktion das Vorzeigeschiff der deutschen Kreuzfahrtindustrie ausgesucht. Mit dieser neuen Schiffsgeneration wollen die Rostocker in eine sauberere Zukunft starten: Immerhin kann die "Prima" als erstes Hochseepassagierschiff überhaupt auch das umweltfreundlichere Flüssigerdgas LNG verbrennen - dies allerdings nur im Hafen und nicht in Fahrt.

Zudem hatte die Rostocker Reederei zur Taufe ein "neuartiges, dreistufiges System zur Abgasnachbehandlung" versprochen, das "alle drei Komponenten, die man zur Verringerungen der Emissionen von Rußpartikeln sowie von Schwefel- und Stickoxiden benötigt", verbindet. So steht es auch im Nachhaltigkeitsbericht "Aida Cares 2016".

Die Krux dabei: Aufgrund dieser "Neuartigkeit" lagen bei der Taufe im Mai 2016 die notwendigen Genehmigungen für den Betrieb des Abgasreinigungssystems noch nicht vor. Der Neuling musste in See stechen, ohne seinen Dampf vorbildhaft säubern zu können. Kritisch beäugt vom Nabu, der prompt an der Elbe sein Messgerät in die Luft hielt, als die "Prima" vorbeizog und eine erhöhte Konzentration an Rußpartikel gemessen haben will.

Und auch jetzt, zehn Monate nach der Indienststellung, ist die Anlage noch nicht vollständig in Betrieb, "zurzeit laufen noch Optimierungen", schreibt Kunze. Zudem fehle die Erlaubnis, sie auf deutschen Gewässern zu einzusetzen. Und so verfeuert die "Prima" während der Fahrt vorerst noch den gesetzlich auf Nord- und Ostsee, auf der Elbe und in den Häfen vorgeschriebenen Marinediesel, ohne die Emissionen zu säubern - so wie die meisten Kreuzfahrt- und Containerschiffe.

Branche wächst weiter

Mit der Wahl seines Stichprobenortes hat sich die ARD-Redaktion dennoch nicht den größten Stinker der Branche vorgenommen - eher im Gegenteil. Mit erheblichem Aufwand bemühen sich die Rostocker, auf Landstrom und den saubereren Treibstoff LNG umzusteigen, zwei neue Schiffe sollen 2018 und 2021 ausschließlich mit dem Flüssigerdgas betrieben werden. Auch andere Reedereien wie Costa oder MSC setzen bei ihren Neubestellungen auf diese Technik.

Doch die schon bestehenden Urlaubsdampfer-Flotten werden nur zögerlich - wenn überhaupt - mit Abgasreinigungssystemen nachgerüstet, der Einsatz von Rußpartikelfiltern ist nicht in Sicht.

Die Euphorie der deutschen Kreuzfahrtbranche beirrt das nicht - sie feiert für 2016 einen neuen Rekord: 2,02 Millionen Gäste waren an Bord, so das Ergebnis der neuen Marktstudie von CLIA und Deutschem Reiseverband. Das waren 11,3 Prozent mehr als im Vorjahr, was den Reedern wiederum einen enormen Umsatzzuwachs von 17,8 Prozent auf 3,38 Milliarden Euro bescherte.

"Das Wachstum fiel deutlich stärker aus als in den Jahren zuvor", heißt es in der Studie, dies habe an den zusätzlichen Kapazitäten am Markt gelegen. Also an dem Schwung an neuen Schiffen.

insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
jujo 09.03.2017
1. ...
Nun der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er lebt in der Platte, an hoch belasteten Verkehrswegen. Das gleiche Umweltmilieu muß es denn eben auch im Urlaub sein. Der Unterschied für mich ist nur das er in der Platte leben muss? den Urlaubsort sucht er sich freiwillig aus.
Harry Callahan 09.03.2017
2. LPG als Treibstoff
Fragt man Katastrophenschützer nach einem Szenario, vor dem sie Angst haben, so wird vielen die Explosion eines mit LPG beladenen Schiffs in einem Hafen einfallen. Soll es wirklich eine Alternative sein, dass wir schwimmende Bomben in die Kreuzfahrthäfen einfahren lassen?
sven2016 09.03.2017
3.
Man macht Werbung für umweltfreundliche(?) neue Schiffe, obwohl das Reinigungssystem noch gar nicht in Betrieb ist? PR ist immer schneller als alles andere. Ehrlich wäre es, Messungen von externen Fachinstituten zuzulassen und danach evtl nachzubessern. Und mal ehrlich: umweltfreundlicher Dieselbrenner, der zig Tonnen pro Tag verheizt? Wohl kaum
Verschwörungspraktiker 09.03.2017
4.
Als Kreuzfahrer wäre mir das egal. Es sollte sich jeder selbst überlegen dort einzusteigen. Jeder, der auch nur halbwegs Ahnung von Seemannschaft hat, tut sich sicher mit Bauchschmerzen, den eine Havarie möchte ich dort nicht erleben. Ich weiß was zu tun,ich komme von der Seefahrt, der Durchschnittstourist nicht. Aber das Thema wäre viel wichtiger in meinen Augen. Die Umwelt natürlich auch.
Räuber Hotzenplotz 09.03.2017
5. Wieso gilt die Grüne Plakette eigentlich nicht für Schiffe, ...
...die in Innenstädten vor Anker gehen? Höchste Eisenbahn, hier die Dreckschleudern zu verbannen. Landstrom (komplett vom Schiff zu zahlen) oder eigener Gasgenerator, beste Filtertechnologie, Verbot von billigem Schweröl. In Oslo ist man schon aufgewacht, hier wird munter weiter gepennt und inhaliert. Übrigens, lt. norwegischer Studie geben die Alptraumschifftouris an Land weniger Geld aus, als jeder Camper oder Rucksacktourist. Ist ja auch logisch: an Bord haben die alles inklusive, wozu dann doppelt an Land extra zahlen? Auf die paar verkauften Becher mit Elbphili-Logo u.a. drauf kann man denn auch getrost verzichten...
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