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"Aida Prima": Zwischen Currywurst und Champagner

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Erste Fahrt mit der "Aida Prima" Meer Champagner, bitte

Die "Aida Prima" ist das erste Kreuzfahrtschiff, das auch umweltfreundliches Flüssigerdgas nutzt. Während die alte Aida-Flotte sich eher an Prosecco-Publikum richtete, hat man jetzt auch die Champagnertrinker im Visier.

Wasser hat keine Balken, heißt es. Heute aber doch. Über 40 Meter hoch über der Meeresoberfläche, vier Meter über Deck 16 schweben sie - und die mit Seilen verbundenen Holzbretter schwanken unter jedem Tritt. Im Klettergarten der "Aida Prima" auf dem Sportdeck besteht zwar nicht unmittelbar die Gefahr des Ertrinkens, aber definitiv die des Absturzes.

Vorwärts in kleinen Schritten, langsamer als erhofft, keine Garantie, dass man sicher ankommt - das könnte auch das Sinnbild der Entstehung des neuen Flaggschiffs der Reederei Aida Cruises sein. Nach drei Jahren Bauzeit und ein Jahr später als vereinbart hat die "Aida Prima" ihre Überführung aus der japanischen Werft Mitsubishi in Nagasaki Richtung künftigem Heimathafen Hamburg angetreten. Dort wird sie am 7. Mai getauft. "Die vielen neuen Technologien an Bord haben mehr Zeit gekostet als geplant", sagt Aida-Cruises-Chef Felix Eichhorn.

Das sei längst vergessen. "Was ist schon ein Jahr, wenn das Schiff 30 Jahre fahren soll?", fragt der 35-Jährige rhetorisch, der im September Michael Ungerer an der Spitze der Rostocker Reederei ablöste. Leichthin gesagt, dabei hatten die Rostocker einiges zu bewältigen: mehrfach verschobene Termine und eine abgesagte Jungfernfahrt, die Kunden bis zum Anwalt trieb. Die Euphorie ist rauszuhören, endlich mit dem elften Schiff der Flotte und dem - wenn alles klappt wie geplant - saubersten Kreuzfahrtschiff der Welt an den Start gehen zu können.

Ein Schritt zur saubereren Kreuzfahrt

Wenn Chefingenieur Eckbert Schuster in den Tiefen der "Prima" die schwere Tür einer Luftschleuse aufstemmt, betritt er einen Raum mit Unterdruck - und einen Raum, der eine emissionsfreie Zukunft der Kreuzschifffahrt verheißt. Eine, in der Schwefeloxide und Rußpartikel nicht mehr aus dem Schornstein quellen und Häfen, Küsten und Meere verschmutzen.

Der 57-Jährige aus Rostock, Brille, weißer Overall, steht zwischen gelb gestrichenen Rohren. Die grelle Farbe signalisiert, dass hier LNG (Liquified Natural Gas) durchfließt, das als der umweltfreundlichste fossile Brennstoff gilt. Das Erdgas wird hier vom flüssigen Aggregatzustand in den gasförmigen umgewandelt, wie Schuster erklärt, und dann in den Dual-Fuel-Motoren verbrannt. Die "Aida Prima" ist damit das erste Kreuzfahrtschiff weltweit, das - neben Schweröl und Marinediesel - auch LNG nutzen kann. Dies allerdings nur während des Hotelbetriebs im Hafen: Am Kai werden Tank-Lkw das Flüssigerdgas über Schläuche in den Bauch der "Aida Prima" pumpen.

Die "Aida Prima" schippert daher auf ihrer künftigen Route durch die Nordsee nach wie vor entweder unter Marinediesel, mit einem von den Behörden vorgeschriebenen niedrigen Schwefelgehalt. Oder mit dem billigeren, aber giftigeren Schweröl: Dann aber muss das Schiff seine Abgase Emissionen von Schwefel säubern - dies soll mit Hilfe eines neuartigen Filterkatalysatorsystems gelingen, das auch Rauchpartikel und Stickoxide weitgehend reduziert. Erst die beiden für 2019 und 2020 bei der Papenburger Meyer Werft bestellten Schiffe 13 und 14 sollen LNG-Tanks an Bord bekommen - dann werden auch während der Fahrt Schwefeloxide und Rußpartikeln gar nicht mehr und Stickoxide um 80 Prozent weniger ausgestoßen.

Ein Drittel größer als die jüngsten sieben Schiffe der Aida-Flotte, größer als alle TUI-Cruises-Schiffe, ist die "Aida Prima" ein Gigant und mit einer Kapazität von 3300 Passagieren eines der größten auf dem europäischen Markt. Eichhorn rechtfertigt die Größe, die vielen Nicht-Kreuzfahrern aufstößt: "Mehr Platz bringt mehr Vielfalt", und dafür wird es nach sieben sehr ähnlichen Schiffen der Sphinx-Klasse auch wirklich Zeit. Vieles erkennen erprobte Aida-Kreuzfahrer schnell wieder - die Farben Rot und Orange, die das immer noch dreistöckige, aber nun doppelt so große Theatrium in der Mitte des Rumpfs bestimmen, oder das Brauhaus mit schiffseigener Brauerei und Kunstbäumen zu Beispiel. (Mehr dazu in der Fotostrecke)

Die Spannbreite der Angebote ist nun größer geworden: die pur weiße Champagnerbar am Schiffsbug und eine bis nach Mitternacht geöffnete Currywurstbude, eine 115-Quadratmeter-Suite mit Sonnendeck und die Zwölf-Quadratmeter-Innenkabine. Selbst Service-Roboter namens Pepper und den Spiel-Roboter Nao, der von Jugendlichen in Workshops programmiert werden kann, gibt es. Und für Partywütige den Nachtclub Nightfly mit Pole-Dance-Stange.

In ihrem 20. Jahr ist Aida Cruises damit erwachsen geworden: vom Revoluzzer-Jungspund, der damals die verschnarchte Kreuzfahrtbranche aufmischte und die Seereise für viele bezahlbar machte, zum gesettelten Twen, der auch erfolgreiche Konzepte anderer akzeptiert - wie etwa Edelkabinen mit "Seeyacht-Feeling", mit exklusivem Zugang zu einem Pooldeck samt Bar.

Neue Zielgruppen für das Wachstum

Mit der neuen Vielfalt will Felix Eichhorn neue Zielgruppen gewinnen und ebenfalls mit der einwöchigen Route über die Nordsee, die sommers wie winters immer samstags in Hamburg startet. "Wir wollen auch Städtereisende und Zweit- oder Dritturlauber ansprechen", sagt der Aida-Cruises-Chef, Menschen also, die sich das leisten können und höhere Ansprüche haben. Noch wächst der Kreuzfahrtmarkt weiter, 1,8 Millionen Deutsche gingen im vergangenen Jahr an Bord, davon 800.000 bei den Rostockern. Die Nachfrage übersteigt die Kapazitäten, sagt man in der Branche. Neue Schiffe wie die "Prima" und ihre für 2017 geplante Schwester "Perla" würden die Zahlen weiter nach oben bringen.

Wenn der Boom sich aber nachhaltig fortsetzen soll, müssen Urlauber aktiviert werden, die zwar nicht ihren Haupturlaub auf einem Schiff verbringen wollen, aber nichts gegen einen Kurztrip ab einem Hafen in der Nähe hätten. "Das Ziel steht auf der 'Prima' nicht so im Fokus wie bei den Reisen der kleineren Aida-Schiffe", sagt er, "eher das Schiff selber." Wiederholer könnte die Route Hamburg-Rotterdam-Southampton-Le Havre-Hamburg langweilen - wenn sie weder Party- noch Klettersteigfans sind oder keine Woche unter der UV-durchlässigen Dachfolie des Beach Clubs auf dem Achterdeck zubringen wollen.

Damit setzt Aida Cruises auf den Kurs, den US-amerikanische Unternehmen wie etwa Royal Caribbean 2007 mit der "Oasis of the Seas" in der Karibik vorgegeben haben: Diese Art von Kreuzfahrtschiff wurde zum schwimmenden Unterhaltungsresort. Dutzende Restaurants und Bars, dazu Theater, Wasserrutschen, Aussichtsgondeln, Schlittschuhbahnen lassen kaum mehr Zeit für die Ziele, die angesteuert werden. Jene Häfen jedenfalls, in denen die "Aida Prima" anlegt, könnten vom Ansturm auf die Fußgängerzonen verschont bleiben.

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