Alkohol in der Bahn Wohl bekomm's, Herr Weselsky!

Kein Wein mehr im Bordrestaurant? Das fordert eine Eisenbahnergewerkschaft. Absolute Schnapsidee, meint Holger Dambeck.

DPA

Der umtriebige Chef der Lokführergewerkschaft GdL ist wieder da. Dieses Mal plant Claus Weselsky ausnahmsweise mal keinen bundesweiten Streik - er will vielmehr den Alkohol aus den Bordrestaurants verbannen. Seine Begründung: die Fürsorgepflicht fürs Bahnpersonal. Dieses werde häufig beleidigt und immer wieder von Betrunkenen körperlich angegriffen.

Weselskys Vorstoß ist purer Populismus. Denn er müsste eigentlich wissen, dass man mit solch plakativen Maßnahmen die Probleme kaum lösen kann, um die es hier geht.

Von einem Alkoholverbot halten Manager der Deutschen Bahn übrigens kaum etwas. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass das Unternehmen mit dem Verkauf von Bier und Wein gute Geschäfte macht. Und ausschließlich den Alkohol verbieten, den Reisende in ihrer Tasche dabei haben, wäre kaum vermittelbar.

Daher bedeutet Weselskys Forderung letztlich, den Alkohol komplett zu verbieten. Einige Betreiber von Regionalzügen, etwa Metronom in Norddeutschland, haben genau das schon vor Jahren getan. Und haben seitdem alle Hände voll zu tun, das Verbot durchzusetzen.

Wer mit einem Metronom fährt, erinnert sich hinterher vor allem an eins - die ständigen Ermahnungen per Lautsprecher, bloß keinen Alkohol zu trinken. Auch wenn man eigentlich gar kein Verlangen nach einem Bier hatte, spätestens nach der dritten Erwähnung von Alkohol fühlt man sich irgendwie unterhopft.

Noch absurder ist die Situation bei jedem großen Fußballspiel in Hamburg: Der Verkehrsverbund HVV hat Alkohol in Bahnen und Bussen zwar schon 2011 verboten. Doch ausgerechnet wenn Tausende zugleich zum Stadion fahren, ist das Verbot faktisch aufgehoben. Wer will schon einen Waggon voller Fußballfans kontrollieren, solange die sich halbwegs benehmen?

Der Pegel sinkt langsam

Das gewichtigste Argument gegen ein Verbot aber hat weniger mit dem Trinken als mit dem Alkoholabbau zu tun. Nach einem Fußballspiel oder zum Karneval steigen die Menschen nämlich betrunken in den Zug ein. Und sie bleiben noch ziemlich lange betrunken, weil der Pegel bekanntlich eher langsam sinkt. Und in diesem Zustand fängt der eine oder andere auch mal an zu randalieren. Wie im Oktober 2016 die 300 Hannover-96-Fans in einem ICE, der sie von Nürnberg nach Hause bringen sollte.

Wollte man solche Exzesse vermeiden, könnte man die Fahrgäste beim Einsteigen in den Zug ins Röhrchen blasen lassen. Wer mehr hat, als sagen wir mal 2,0 Promille, darf nicht mitfahren. Im schlimmsten Fall steigen die Leute dann aufs Auto um. Obwohl sie sturzbetrunken sind. Deshalb sind auch Verkehrsminister skeptisch, was den Nutzen eines Alkoholverbots in Bussen und Bahnen betrifft.

Und weil das mit den Röhrchen womöglich ganz schön kompliziert werden könnte, müsste man den Alkohol eigentlich gleich noch aus den Bahnhöfen und allen umliegenden Geschäften verbannen. Und das Biertrinken auf der Bank vorm Bahnhof gehörte dann genauso verboten. Wie auch das offene Herumtragen von Bierflaschen - die Puritaner lassen grüßen.

Damit hier kein Zweifel aufkommt: Alkohol ist ein großes Gesundheitsproblem. Der Missbrauch macht sehr viele Menschen krank und lässt viele früher sterben.

Aber das Feierabendbier abends im Zug schadet der Gesundheit vergleichsweise wenig*, solange es bei einem oder zwei Gläsern bleibt.

Gegen randalierende Betrunkene wiederum hilft kein Ausschankverbot, sondern nur das eigene Sicherheitspersonal der Bahnbetreiber und die Polizei.

Korrektur: In der ersten Fassung dieses Kommentars hieß es, moderater Alkoholkonsum sei in der Regel gesundheitlich unbedenklich. Das stimmt so nicht. Fakt ist allerdings, dass moderater Konsum statistisch mit einem geringeren Sterberisiko einhergeht.



insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
Putin-Troll 25.02.2017
1. Gute Idee
Ich würde mich über weniger betrunkene Mitreisende durchaus freuen. Es muss wirklich niemand während einer Zugfahrt Bier trinken...
allessuper 25.02.2017
2. Der Mann hat Recht.
Es gibt keinen Grund, Personal zu gefährden. Da die Umgangsformen immer schlimmer geworden sind, was ich bei jeder Bahnfahrt erlebe, dürfte es dem Personal gegenüber auch entsprechend schlimm aussehen. Ein Verbot ist absolut richtig. Betrunkene sollten sofort beim nächsten Halt aus dem Zug entfernt werden. Ebenso wie im städtischen Bus-und Bahnverkehr. Es gibt keinen Grund, Pöbeleien zu dulden. Das gefährdet übrigens alle. Am Bahnsteig passieren oft genug Prügeleien aufgrund von Alkoholkonsum. Wir müssen der Verrohung der Gesellschaft etwas entgegensetzen. Übrigens fahren viele nicht mit Bus und Bahn, um sich nicht solchen Situationen auszusetzen. Also wäre es außerdem ökologischer.
zuperzoom 25.02.2017
3. Alkohol Konsum überdenken
Ich mag es trotzdem nicht wenn neben mir direkt nach dem Einsteigen die erste Dose Bier aufgemacht wird. "Wer mit einem metronom fährt, erinnert sich hinterher vor allem an eins - die ständigen Ermahnungen per Lautsprecher, bloß keinen Alkohol zu trinken. Auch wenn man eigentlich gar kein Verlangen nach einem Bier hatte, spätestens nach der dritten Erwähnung von Alkohol fühlt man sich irgendwie unterhopft."
w.schley 25.02.2017
4.
Bei den Preisen im Speisewagen ist ein Besäufnis sehr auffällig. Wenn werden die alkoholischen Getränke mitgebracht. Da nützt natürlich dieses Verbot gar nichts. Das wäre wieder mal ein Gesetzt Zuviel.
bretthoven 25.02.2017
5. Lösung des Problems
Eine einfache Lösung wäre, ein paar Wägen als Alkoholfrei zu deklarieren und einige als Alkoholfreundlich. Das ging doch früher auch problemlos, mit Raucher- und Nichtraucherwägen. Eine strikte Kontrolle ist nicht notwendig, empfehlungscharakter genügt. Alkoholgenuss vollständig zu verbieten ist tatsächlich eher kontraproduktiv da dann mehr Leute betrunken autofahren. Und für Fussballhooligans braucht es eben andere Methoden, zb Plastikgarnituren und zerstörungsresistente Sonderwägen. Da können sie dann ihre Bierkästen trinken und anschliessend zum Kegeln verwenden.
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