Alles automatisch Nürnbergs U-Bahn verzichtet auf Fahrer

Sich in Nürnbergs neuer U3 beim Fahrer zu beschweren ist jetzt noch aussichtsloser als zuvor: Statt eines Menschen steuern Computer die U-Bahnzüge. Das könnten die auch viel besser, hieß es beim offiziellen Startschuss für Deutschlands ersten vollautomatischen Regelbetrieb.


Nürnberg - Die erste fahrerlose U-Bahn Deutschlands im regulären Fahrbetrieb hat am Samstag in Nürnberg offiziell ihren Betrieb aufgenommen. Den Testbetrieb hatten die fahrerlosen Wagen bereits erfolgreich hinter sich gebracht: Seit über einem Monat waren die fahrerlosen Züge der Linie U3 bereits testweise unterwegs.

Ein Kleine-Jungen-Traum: In Nürnbergs U3 darf man sich fühlen wie ein U-Bahnfahrer. Schade, dass der Beruf offenbar ausstirbt
DPA

Ein Kleine-Jungen-Traum: In Nürnbergs U3 darf man sich fühlen wie ein U-Bahnfahrer. Schade, dass der Beruf offenbar ausstirbt

In den vergangenen Wochen hatte die Verkehrs-Aktiengesellschaft Nürnberg (VAG) die neuen Züge immer weiter in den Fahrplan integriert. Zunächst wurde an Wochenenden getestet und dann schließlich auch im Schülerverkehr unter der Woche. Dabei habe die automatische U-Bahn alle Belastungsproben bestanden, sagte eine VAG-Sprecherin.

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) gab am Samstag für die mit Mitteln des Bundes und Bayerns umgerüstete U-Bahn den offiziellen Startschuss. Der Minister demonstrierte sein Vertrauen in die Technik an vorderster Front: Gemeinsam mit Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) und Bayerns Europaminister Markus Söder (CSU) stellte sich Tiefensee an das große Panoramafenster an der Spitze der U-Bahn. Dort, wo normalerweise der U-Bahn-Fahrer sitzt, befinden sich ganz normale Passagierplätze. Die Auftaktfahrt dauerte zwölf Minuten. Nach der Eröffnung durch Tiefensee wurde die Strecke für die Allgemeinheit freigegeben.

Die von Siemens entwickelte Bahn ist die weltweit erste, die vom konventionellen Betrieb auf Automatik umgerüstet wurde. In den 32 neuen U-Bahn-Zügen übernehmen vier Technikschränke die Aufgaben des Fahrers. Durch die Computersteuerung soll der Energieverbrauch der U-Bahn um zehn Prozent gesenkt werden, außerdem sollen die Züge schneller auf Gefahren reagieren können. Auch andere deutsche Städte haben schon Interesse an der Technik gezeigt.

Einen fahrerlosen Probetrieb hatte es vor Jahren bereits in Berlin auf der Linie U4 gegeben. Hier wurde aber auf die Einführung eines regulären fahrerlosen Betriebs verzichtet. Hingegen verkehren etwa in Lyon, Kuala Lumpur, Paris oder Kopenhagen solche Linien.

"Von Nürnberg aus in die Welt"

Auf der neuen Strecke verkehren führerlose und bemannte Züge zu einem Gutteil nebeneinander, was bislang einzigartig auf der Welt ist. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee sagte bei der offiziellen Eröffnungsfeier, die Stadt schreibe an diesem Tag Verkehrsgeschichte.

Nürnberg warte mit einer Technologie auf, die weit über Deutschland hinaus ihren Siegeszug halten werde. "Dieses Projekt muss weiter auf den Weg gebracht werden", fügte der SPD-Politiker hinzu. Die Verschränkung des alten U-Bahn-Systems mit dem neuen vollautomatischen bezeichnete Tiefensee als kleine technologische Revolution. Oberbürgermeister Ulrich Maly sagte, 175 Jahre nach der ersten Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth sei die führerlose U-Bahn "wieder eine technologische Botschaft, die von Nürnberg aus in alle Welt geht".

Die führerlose U-Bahn wird zunächst auf einer 6,5 Kilometer langen Strecke zwischen den neu eröffneten Endbahnhöfen Maxfeld im Norden und Gustav-Adolf-Straße im Südwesten Nürnbergs verkehren. Später ist eine Verlängerung um weitere insgesamt fünf Kilometer in beiden Richtungen geplant.

Neuartig ist der gleichzeitige Betrieb von U-Bahn-Zügen mit und ohne Fahrer. So verkehrt die U3 auf einem großen Teilstück ihrer neuen Strecke parallel zu bemannten Zügen der U-Bahn-Linie 2.

Gerade dieser Mischbetrieb sorgte jedoch zu Beginn des 612 Millionen teuren Projekts "Rubin" (Realisierung einer automatisierten U-Bahn in Nürnberg) für erhebliche Probleme, die letztlich zu einer Verzögerung um fast zwei Jahre führten. Ende 2009 sollen auch auf der Linie U2 nur noch vollautomatische Züge eingesetzt werden. Auf der Linie U1, die das benachbarte Fürth mit dem Nürnberger Süden verbindet, verkehren nach Angaben der VAG bis auf weiteres ausschließlich U-Bahn-Züge mit Fahrern.

pat/AFP/AP/ddp



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