Alpine Herausforderungen Wer schafft als Erster den Muchu Chhish?

Joseph Vilsmaiers Film "Nanga Parbat" erzählt von einer Zeit, als Extremkletterer noch internationale Stars waren. Heute ist Bergsport zwar populär wie nie - doch Höchstleistungen gelingen oft unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

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Extrembergsteigen: Höchstleistungen in dünner Luft
Es war ein großer Triumph und eine schreckliche Tragödie an der höchsten Felswand der Welt: Das Achttausender-Abenteuer der Messner-Brüder, das als Vorlage für den am Donnerstag anlaufenden Film "Nanga Parbat" von Joseph Vilsmaier herhielt, war im Jahr 1970 eine echte Pioniertat. Denn vor Reinhold und Günther Messner hatte noch niemand den Berg über die 4200 Meter hohe Rupalwand bestiegen. Der jüngere der beiden Brüder bezahlte die alpinistische Spitzenleistung mit seinem Leben.

Bis heute gibt es Diskussionen über Reinhold Messners Mitschuld an dem Unglück, auch wenn viele der Vorwürfe inzwischen entkräftet wurden. Idealer Filmstoff ist die Geschichte allemal: Mit letzter Kraft und schweren Erfrierungen konnte sich der Überlebende ins Camp zurückkämpfen und dabei mit dem Abstieg über die Diamirflanke noch die erste Überschreitung des 8125 Meter großen Riesen für sich verbuchen. Es ist eine eigenartige Ironie des Schicksals, dass Messner mit dieser Tour eine neue Ära des Extrembergsteigens einläutete: seine Ära.

Denn der Nanga Parbat war Messners erster Achttausender, danach wurde der Südtiroler mit Touren an den Grenzen des Menschenmöglichen zum berühmtesten Extrembergsteiger der Welt, zum Popstar unter den Abenteurern. Einen historischen Triumph feierte er am 16. Oktober 1986 auf dem Gipfel des Lhotse in Nepal - mit dieser Besteigung war er der erste Mensch, der sämtliche Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff bestiegen hatte.

Heute sind Klettern und Bergtouren als Breitensport populär wie nie, Outdoor-Ausrüster machen jährlich märchenhafte Umsätze mit dem neuesten Funktionsjacken und Fleecepullis. Kletterhallen sind ständig überfüllt, berühmte Wanderungen wie der Everest Base Camp Trek in Nepal oder der Inca Trail in Peru sind wegen der Besuchermassen teils nur noch im Gänsemarsch möglich.

Es herrscht also bestimmt kein mangelndes Interesse an Outdoor-Sport. Trotzdem gibt es im Extrembereich kaum noch Rekordmeldungen, mit denen sich ein breites Publikum erreichen ließe. Die heutigen Weltklasse-Kletterer wie Ueli Steck, Simone Moro, Alexander Huber, Marko Prezelj und Steve House werden kaum auf der Straße erkannt. Es ist nicht mehr möglich, mit einem einzigen gefeierten Aufstieg zum Star zu werden. Immerhin ein großer Titel ist noch zu erringen: Viel Aufmerksamkeit genießt der Wettkampf, wer als erste Frau sämtliche Achttausender-Gipfel schafft.

Immer nur der Everest

"Es gibt weltweit jede Menge hervorragender Extremkletterer, denen schwierigste Routen gelingen", sagt Chris Bonington, der vielleicht bekannteste Bergpionier Englands. Für seine 19 Achttausender-Expeditionen in den sechziger bis achtziger Jahren wurde er von der Queen zum Ritter geschlagen. Mit solchem Ruhm können heutige Outdoor-Helden nicht mehr rechnen. "Egal, wie schwer ihre Touren sind - sie schaffen es nie in die Massenmedien, weil sie auf irgendwelche obskuren Berge klettern, die teilweise nicht einmal Namen haben", sagt Bonington.

Der 75-Jährige leitete 1975 die erste Besteigung des Mount Everest über die Südwestwand, heute mokiert er sich über die übergroße Aufmerksamkeit, die der höchste Gipfel der Erde immer noch genießt. "Berichtet wird über den jüngsten und ältesten Bezwinger, den ersten Einäugigen oder Einbeinigen auf dem Gipfel - all das sind große persönliche Leistungen, sie haben aber keine Bedeutung für die Weiterentwicklung des Bergsports."

Dabei mangelt es nicht an alpinen Herausforderungen. "Allein im Himalaja gibt es noch Tausende unbestiegene Gipfel unter 7000 Metern", sagt Bonington. Doch wer vom Klettern leben will, muss auch auf die Vermarktbarkeit seiner Touren achten. Da macht man es sich mit einer neuen Route an einem der berühmten Achttausender leichter, als wenn man den indischen Saser Kangri II (7518 Meter hoch) oder den Muchu Chhish in Pakistan (7453 Meter, beide bislang unbestiegen) als Erster bezwingt.

Der wohl bekannteste unbestiegene Berg ist der Kailash in Tibet. Der ist zwar noch nicht einmal 7000 Meter hoch, aber durch seine spektakuläre symmetrische Form von unerreichter Schönheit. Bei Buddhisten und Hinduisten gilt er als wichtiges Heiligtum. Wegen seiner religiösen Bedeutung bekam bislang nur ein Bergsteiger die ehrenvolle Erlaubnis hinaufzusteigen. Doch Reinhold Messner verzichtete aus Respekt vor den lokalen Traditionen.

Möglichst weit weg von der Zivilisation

Für Messner selbst gibt es "drei Stellschrauben", an denen Extrembergsteiger für die alpinistischen Großtaten der vergangenen 20 Jahre drehten: Schwierigkeit, Gefahr und Exposition. Mit immer höheren Schwierigkeitsgraden seiner Klettertouren sorgte etwa Alexander Huber für Aufsehen.

Ein Paradebeispiel für jemanden, der immer größere Gefahren suchte, sei Karl Unterkircher aus Südtirol gewesen, sagt Messner. Der kam zu internationalem Ruhm in der Szene, als er 2004 als erster Alpinist die beiden höchsten Berge der Welt in einem Jahr ohne künstlichen Sauerstoff bestieg - den Mount Everest und den K2.

Immer wieder wählte er extrem risikoreiche Routen aus, an die sich sonst kaum jemand herantraute, etwa bei der Erstbesteigung der Nordwand des Gasherbrum II. Im Juli 2008 starb er am Nanga Parbat: Beim Versuch, eine neue Route zu eröffnen, stürzte er in eine 15 Meter tiefe Felsspalte.

Messner sieht in Unterkirchers Tod einen möglichen Endpunkt dieser Suche nach immer größeren Gefahren. "Die Zukunft des Alpinismus liegt in immer größerer Exposition", prophezeit er. Weit weg von der Zivilisation, fern von Helfern und vom nächsten Camp, könnten sich in der dünnen Luft der Todeszone die alpinistischen Höchstleistungen der Zukunft abspielen: zum Beispiel mit Kleingruppen-Exkursionen zu schweren Kletterwänden des Himalaja in über 7000 Meter Höhe, wie sie der Amerikaner Steve House und der Schweizer Ueli Steck wagen. "Dabei potenziert man gleichzeitig die Schwierigkeit und die Gefahr", sagt Messner. Gleichzeitig werde auch die emotionale Erfahrung intensiver, je weiter man in die Wildnis vordringe.

Doch selbst ein ausgewiesener Alpinexperte wie Messner will sich nicht zu sehr festlegen mit seinem Blick in die Bergsport-Zukunft. Denn Anfang der neunziger Jahre habe noch niemand vorhergesehen, dass beispielsweise Felsklettern einen derartigen Popularitätsschub erfahren würde. "Hätte ich vor 20 Jahren eine Prognose gewagt, hätte ich total falsch gelegen", gibt Messner zu.

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sfb 14.01.2010
1. Alpinismus?
Zitat von sysopJoseph Vilsmaiers Film "Nanga Parbat" erzählt von einer Zeit, als Extremkletterer noch internationale Stars waren. Heute ist Bergsport zwar populär wie nie - doch Höchstleistungen gelingen oft unter Ausschluss der Öffentlichkeit. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,671778,00.html
Populär sind heute Wandern und Hallenklettern, was mit Alpinismus nichts zu tun hat. Klassische Touren mit schlechter Absicherung und langem Zustieg werden dagegen weniger besucht.
Master_Hawk 14.01.2010
2. Höchstleistungen werden gewürdigt
Ich finde diese Aussage nicht richtig. Es stimmt das das Höhenbergsteigen seine Popularität in der Öffentlichkeit verloren hat, dafür werden Höchstleistungen im Sport- und Bigwallklettern sowie im Bouldern umso mehr gewürdigt.Spitzenkletterer wie die Huberbrüder, Sharma, Jasper, Ondra oder auch ein Stefan Glowacz sind populär. Die Vorhersage von Herrn Messner wird sich wohl auch diesmal nicht bewahrheite: die Zukunft des Bergsteigens/Kletterns wird nicht in größt möglicher Exposition liegen, sondern in der Schwierigkeit der Tour. Ich glaube das Herr Messner immernoch der Meinung ist das das Ziel heutiger Spitzenkletterer ein Hoher Gipfel ist, von dem aus man ins Tal schauen kann. Dem ist nicht mehr so(zumindest nicht immer). Heute ist der Weg das Ziel. Es geht um Bewegungen, Akrobatik und Kraft. Höchstleistungen im Bergsport werden an kleinen Felswänden oder sogar nur kleinen Blöcken gezeigt.
Grosskotz 14.01.2010
3. was ist der Unterschied zu Autorennen, bei denen man 60 mal im Kreis herumfährt?
Bergsteiigen - der Inbegriff des Unnützen. Die Definition stammt von einem französischen Bergsteiger. Reinhold Messner spricht vom "Nutzlosen". Schon eine verrückte Sache, daß man damit Geld verdienen kann. Und wenn einer mal nicht mehr lebend vom Berg runterkommt, kann man sich lapidar mit der Einsicht abfinden: "Warst net aufigstiang, warst net abig´foin" Wärest Du nicht hinaufgestiegen, wärest Du nicht heruntergefallen! Warum also den Muchu Chhish bezwingen wollen? Schrecklicher als die Einsicht in die Nutzlsoigkeit des Bergsteigens wäre indes für den ersten Bezwinger des Muchu Cchish, fände er auf dem Gipfel dieses unbezwungnen Berges ein Schild mit der Aufschrift: Kilroy was here before you!
sfb 14.01.2010
4. Ballspielchen
Zitat von GrosskotzBergsteiigen - der Inbegriff des Unnützen. Die Definition stammt von einem französischen Bergsteiger. Reinhold Messner spricht vom "Nutzlosen". Schon eine verrückte Sache, daß man damit Geld verdienen kann. Und wenn einer mal nicht mehr lebend vom Berg runterkommt, kann man sich lapidar mit der Einsicht abfinden: "Warst net aufigstiang, warst net abig´foin" Wärest Du nicht hinaufgestiegen, wärest Du nicht heruntergefallen! Warum also den Muchu Chhish bezwingen wollen? Schrecklicher als die Einsicht in die Nutzlsoigkeit des Bergsteigens wäre indes für den ersten Bezwinger des Muchu Cchish, fände er auf dem Gipfel dieses unbezwungnen Berges ein Schild mit der Aufschrift: Kilroy was here before you!
Und was ist mit Ballspielchen?;-) Auto-im Kreis-Fahren? Damit wird wesentlich mehr verdient...
Larsa 15.01.2010
5. Spassbergsteiger
Was soll den der ganze Hick-Hack. Bergsteigen kam aus der Arbeitspflicht und Götterverehrung, wurde dann Sport- gut, wohl immer ein Extremsport und ist jetzt zum medienreifen Geldpoker geworden, ob das die Beteidigten wollen, oder nicht. Da hier auch falsch gespielt werden könnte, zur Ehr einer Nation, ... !?
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