Alptraum Flughafen Barajas Schneesturm-Chaos empört Spanier

Der Wintereinbruch hat die Spanier komplett überrascht: Fast 60.000 Flugpassagiere strandeten in Madrid, Tausende mussten im größten Airport Spaniens übernachten. Die Spanier sind aufgebracht - und die Politiker schieben sich gegenseitig die Schuld zu.


Madrid - Erst der Schneesturm, dann ein Sturm der Entrüstung. Das Unwetterchaos in weiten Teilen Spaniens hat in der Bevölkerung eine Welle der Empörung ausgelöst. Hunderttausende saßen landesweit Stunden in kilometerlangen Staus in ihren Autos fest, in Madrid mussten Tausende Menschen auf dem Flughafen Barajas übernachten, weil dieser dem Unwetter nicht gewachsen war und am Freitag über fünf Stunden lang den Betrieb einstellte.

Mehr als 700 Flüge wurden gestrichen, fast 60.000 Passagiere blieben am Boden. Einige festsitzende Fluggäste verloren die Nerven und drohten, gegen die Mitarbeiter von Fluggesellschaften handgreiflich zu werden. Die Polizei musste einschreiten, um die Gemüter zu besänftigen. Erst in der Nacht zum Sonntag waren wieder alle vier Pisten in Betrieb.

Nur ein einziges Schneeräumfahrzeug stand nach Presseberichten auf Spaniens größtem Airport - mit immerhin 52 Millionen Passagieren im Jahr - zur Verfügung. Das Militär musste schließlich einspringen, um die Pisten vom Eis zu befreien. "Wie ist so etwas im 21. Jahrhundert in einem modernen Land bloß möglich!", schimpfte eine entnervte Reisende im Rundfunk.

30 Stunden und mehr verbrachten zahlreiche Menschen in den Terminals, schliefen mit ihren kleinen Kindern auf dem Boden, zugedeckt mit Mänteln. Und immer wieder die gleiche Klage: "Niemand hilft uns, niemand sagt uns, wie es weitergeht." Draußen schien längst wieder die Sonne, aber Barajas glich immer noch einer Mausefalle.

"Den Naturgewalten ausgeliefert"

"Spanien ist vom Klima besiegt und den Naturgewalten ausgeliefert worden", stellte die Zeitung "El Mundo" fest. Und merkte an, dass andere europäische Hauptstädte derzeit einen viel strengeren Winter durchmachten, aber längst nicht ein solches Chaos erlebten.

Auch die Politik suchte händeringend nach Erklärungen - doch der Versuch endete in gegenseitigen Schuldzuweisungen. Die Regierung etwa schoss sich auf den - staatlichen - Wetterdienst AEMET ein. Dieser habe bei seinen Prognosen versagt. Am Donnerstagabend hatten die Meteorologen noch "leichte Schneefälle" angekündigt. Und als am Freitagmorgen gegen 7.25 Uhr vor starkem Schneefall gewarnt wurde, war das Chaos bereits perfekt.

"Es mangelt nicht an Mitteln und Ausrüstung, es fehlt an Voraussicht", sagte Innenminister Alfredo Pérez Rubalcaba. So sei in der Vorhersage von Schnee in Madrid zunächst gar nicht die Rede gewesen - obwohl es in der spanischen Hauptstadt dann so stark schneite wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Die Opposition macht ihrerseits Verkehrsministerin Magdalena Alvarez für alles verantwortlich und fordert deren Rücktritt. "Sie ist ein Alptraum", sagte Oppositionschef Mariano Rajoy. "Niemand ist daran Schuld, dass sich das Wetter ändert", entgegnete die Ministerin lapidar, räumte dann aber ein: "Wir alle haben Fehler gemacht." Zugleich bat sie die Bürger um Entschuldigung.

Kältestes Wetter seit 35 Jahren auf den Kanaren

Der Wetterdienst, der dem Umweltministerium untersteht, sieht sich indes als Sündenbock und will die Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen. "Vor der Kältewelle haben wir schon vor langem gewarnt", sagte AEMET-Sprecher Angel Rivera. Es habe jedoch einen plötzlichen Wetterumschwung gegeben. Und dass eine Prognose um bis zu 100 Kilometer daneben liegen könne, wenn es darum gehe, das Unwettergebiet zu bestimmen, sei normal. "Statt sich wie Kinder eine Schneeballschlacht zu liefern, sollten die Verantwortlichen lieber ihre Notfallpläne überarbeiten", meinte indes die Zeitung "El País".

Die Kälte hatte Spanien auch am Sonntag fest im Griff. Im Binnenland wurden mancherorts Temperaturen von minus zehn Grad Celsius gemessen. Die Meteorologen warnten derweil vor heftigen Schneefällen an der Mittelmeerküste in der Gegend um Valencia. Auf den Kanarischen Inseln, die den kältesten Winter seit 35 Jahren erleben, waren Regen und starker Wind angesagt.

Von Jörg Vogelsänger, dpa



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