Amsterdam Bürgermeisterin will Vorhänge im Rotlichtviertel zuziehen

Das historische Rotlichtviertel im Zentrum Amsterdams gehört zu den wichtigsten Touristenattraktionen der Stadt. Doch die Bürgermeisterin will die Sexarbeiterinnen vor den gaffenden Touristenmassen schützen.

Rotlichtviertel in Amsterdam: Bald könnten hier die Vorhänge zugezogen werden
George Pachantouris/ Getty Images

Rotlichtviertel in Amsterdam: Bald könnten hier die Vorhänge zugezogen werden


Die erste weibliche Bürgermeisterin von Amsterdam, Femke Halsema, will das berühmte Rotlichtviertel in der niederländischen Hauptstadt verändern. Sie kündigte an, "die Demütigung der Sexarbeiterinnen durch große Touristengruppen" nicht mehr akzeptieren zu wollen. Wie mehrere internationale Medien melden, stört sich Halsema vor allem an der gängigen Praxis, die Prostituierten durch die Fenster zu beobachten, ohne dafür zu bezahlen.

Der Rotlichtbezirk De Wallen liegt in einem der ältesten Viertel im Zentrum Amsterdams und gilt als eine der wichtigsten Touristenattraktionen. Bordelle, Museen und Sex-Shops säumen die Straßen entlang der Grachten. Besonders in den Abendstunden, wenn die bunten Neonlichter das Viertel in Szene setzen, stehen viele Prostituierte in den insgesamt 330 Schaufenstern und wollen so die Freier in ihre Räumlichkeiten locken.

Täglich pilgern Massen von Touristen, Jugendgruppen oder Teilnehmer von Junggesellenabschieden durch das Rotlichtviertel - die meisten wohl aus Neugierde. Halsema möchte die Frauen nun vor den gaffenden Gruppen schützen: "Für viele Besucher sind die Sexarbeiterinnern nicht mehr als eine Attraktion, die sie sich anschauen", sagte sie dem britischen "Telegraph". "In manchen Fällen verhalten sich die Touristen auch respektlos." Gleichzeitig gebe es eine Zunahme an unsichtbarer und unlizenzierter Prostitution in Amsterdam.

Vier Maßnahmen zur Veränderung des Rotlichtbezirks

"Die traditionelle Sexarbeit mit Lizenz ist in Amsterdam durch die wachsenden Touristenzahlen unter Druck geraten", sagt Halsema weiter. Sie schlägt daher vier mögliche Maßnahmen vor, um das Rotlichtviertel zu verändern.

  • Eine Maßnahme könnte es demnach sein, die Vorhänge der Sexarbeiterinnen zuzuziehen, damit sie nicht mehr von der Straße aus sichtbar sind.
  • Als zweite Option schlägt Halsema vor, einen Teil der Bordelle im Stadtzentrum zu schließen und an anderer Stelle wiederzueröffnen.
  • Ihr dritter Vorschlag ist es, sogar alle Fenster des Rotlichtviertels zu schließen und die Arbeitsplätze zu verlegen.
  • Ihr vierter Vorschlag beinhaltet, sogar noch mehr Fensterbordelle zu eröffnen - dabei bleibt unklar, wie das die prekäre Situation der Prostituierten verbessern soll.

Halsema wolle noch diesen Monat mit Einwohnern, Sexarbeiterinnen und Unternehmen sprechen. Lyle Muns von der Organisation "My Red Light", die sich um die Belange der Sexarbeiterinnen in Amsterdam bemüht, betonte, dass die Sexarbeiterinnen eine zentrale Rolle in den Diskussionen spielen müssten. "Arbeitsplätze ohne eine gute Alternative einfach zu schließen, wäre sehr schlecht für die Prostituierten", sagte Muns laut "Telegraph". "Aber ich begrüße es, dass man nach neuen Arbeitsplätzen außerhalb des Rotlichtviertels sucht, den sogenannten Prostitutionshotels."

"Die Arbeitsplätze zu verlegen ist keine Option"

Auch die neu gegründete Lobbygruppe "Red Light United" kritisiert das Vorgehen der Bürgermeisterin. "Die Arbeitsplätze zu verlegen ist keine Option", sagte ein Mitglied der Gruppe laut dem "Guardian". "Dann wissen die Kunden ja gar nicht mehr, wo sie die Sexarbeiterinnen finden." Angeblich habe die Gruppe 170 Sexarbeiterinnen befragt und 90 Prozent von ihnen wollten in den engen Gassen und Kanalstraßen von De Wallen bleiben.

Doch Halsema bleibt bei ihrer Forderung, etwas an der Situation zu ändern: "Eine lange Zeit waren es Seefahrer, die nach Monaten auf dem Schiff zu den beleibten, niederländischen Frauen ins Rotlichtviertel kamen", sagte sie laut "Guardian". Nun seien es hauptsächlich ausländische Frauen, von denen man nicht wüsste, wie sie in Amsterdam gelandet seien, die ausgelacht und fotografiert würden.

"Im ältesten und schönsten Viertel unserer Stadt findet Menschenhandel statt", sagte Halsema. "In den letzten Jahrhunderten hat sich eine Situation entwickelt, die nicht länger akzeptabel ist."

kry

insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
cs01 05.07.2019
1.
Zuerst sollte sie mal die Prostituierten fragen, was die wollen.
hinifoto 05.07.2019
2. Respekt
Frau Halsema möchte die Prostituierten schützen indem sie die Vorhänge zuzieht? Das ist eine Beleidigung für die dort arbeitenden Frauen. Den Menschen die Fähigkeit abzusprechen selber in der Lage zu sein die Vorhänge zuzuziehen wenn er sich gestört fühlen. Die Frauen sollen verschwinden weil sie nicht mehr dick sind wie früher sondern dünn? So etwas nennt man hardcore body shaming! Sie beklagt die unsichtbare, unlizensierte Prostition und will gleichzeitig etablierte Prostitutionsorte schliessen? Die Logik dahinter ist etwas speziell. Sie beklagt den angeblich zunehmenden Menschenhandel im schönsten Viertel der Stadt. Falls dieser stattfindet wird er am ehesten in den traditionellen, kontrollierten Bordellen von de Wallen zu kontrollieren sein. Nicht dadurch, dass Frau Halsema legale Prostitutionsstandorte unattraktiv macht und sich das Gewerbe in inoffizielle Standorte der Stadt verteilt. Sie beklagt dass die Prostituierten in der Gesellschaft nicht mit Respekt behandelt würden, dass sie ausgelacht und fotografiert werden? Dann sollte Frau Halsema mit gutem Beispiel voran gehen was den Respekt vor den betroffenen Menschen betrifft. Frau Halsema und die mit ihr verbündete Partei der Sozialdemokraten und der Democraten möchten die Prostituierten schützen indem sie ihnen die Arbeitsmöglichkeiten in de Walllen nimmt. Damit erklärt sie erwachsenen Menschen zu unmündigen kleinen Kindern die man erziehen muss und die nicht selber wissen was gut für sie sind.
wurzelpurzel 05.07.2019
3.
Die Stadt geht das Problem vollkommen falsch an. An erster Stelle muß das Verbot aller Prostitution stehen. Dann würden diese Schandflecken schonmal aus dem Stadtbild verschwinden. Sollten die Stadtoberen sich dazu nicht durchringen können, wäre eine Verlgung der Bordelle an den Stadtrand bzw. in Gewerbegebiete eine echte Alternative. Prostitution gehört nicht in die Mitte der Gesellschaft, sondern marginalisiert.
qbert123 05.07.2019
4. Eintritt
Warum nicht Eintritt verlangen, den man sich beim Besuch einer Sexarbeiterin verrechnen kann.
groth2 05.07.2019
5. Warum nicht "Eintrittsgutschein"?
Anstatt die Gaffer abzuschaffen, nicht gleich eher eine Einnahmequelle generieren? Man könnte doch einfach ein "Eintrittsticket" für diesen Bereich machen (wie eine Zahlschranke bei der U-Bahn). Einmal reindüsen kostet 2 EUR. Das gewonnene Geld kann dann für Sozialarbeit im Virtel verwendet werden. Die Freier dürfte das nicht abschrecken und die unerschrockenen Touris auch nicht. Aber ggf. die einen oder anderen die nur rumblöddeln wollen und "Nur gaffen". Dann kostet Gaffen eben 2 EUR und könnte es eben dort zugute kommen lassen.
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