Anschlag auf Mallorca Spanien rüstet sich gegen die Eta

Höchste Alarmbereitschaft in Spanien: Nach dem Bombenanschlag auf Mallorca sind im ganzen Land die Sicherheitskräfte mobilisiert worden - die Gründung der Separatistenorganisation jährt sich an diesem Freitag zum 50. Mal. Auf der Ferieninsel schürt das Attentat Unsicherheit und Existenzängste.
Von Frank Feldmeier

Palma - Es hätte Mallorca zu keinem schlechteren Zeitpunkt treffen können: Das Bombenattentat im Urlaubsdomizil Palmanova, bei dem am Donnerstag zwei Beamte der paramilitärischen Guardia Civil getötet und etliche Menschen verletzt wurden, schürt bei vielen Reisenden Unsicherheit, bei Hoteliers und Geschäftsleuten Existenzängste.

Der Anschlag, in dessen Folge die Sicherheitskräfte in ganz Spanien in höchste Alarmbereitschaft versetzt wurden, verschärft eine Krise, die sich schon länger abzeichnet.

In den ersten vier Monaten dieses Jahres kamen zehn Prozent weniger Touristen auf die Balearen als noch 2008. Während sich die Zahl der deutschen Urlauber nur leicht verringert hat, ging die der Spanier um 19 Prozent, die der britischen Gäste um knapp 17 Prozent zurück. Die Reisenden sind in Zeiten der Rezession nicht so konsumfreudig wie gewohnt, zudem beherrschte in den vergangenen Wochen das Thema Schweinegrippe die Schlagzeilen - schlechte Zeiten für das Tourismusgewerbe.

Palmanova und das benachbarte Magaluf im Südwesten Mallorcas sind Badeorte aus der Boomzeit der Reisewelle, als Bettenburgen ohne viel Rücksicht auf Ästhetik hochgezogen wurden. Hoteliers und Geschäftsleute beschweren sich schon länger über den Billigtourismus und die Sauftouristen in Magaluf, die Essen vom Frühstücksbuffet mitgehen lassen und sich auch noch die Pizza teilen. Im Rathaus der zuständigen Gemeinde Calvià wird deswegen eine grundlegende Sanierung angestrebt, wie sie derzeit auch für die Playa de Palma in Planung ist: entkernen, mehr Grünzonen, mehr Qualitätstourismus.

Bisher galt Eta-Anschlag auf Mallorca als unwahrscheinlich

Urheber der Anschläge, daran gibt es für die Mallorquiner trotz eines fehlenden Bekennerschreibens keinen Zweifel, ist die Eta. Dass ausgerechnet die baskische Separatistenorganisation die Touristenhochburg in Bedrängnis bringt, dürfte das Sicherheitsgefühl auf der Insel nachhaltig stören.

Ein Attentat auf Mallorca galt als unwahrscheinlich, weil sich Airport und Häfen, wie am Donnerstag von den Sicherheitskräften in der Operation "Käfig" vorgeführt, leicht abriegeln lassen. Attentäter haben kaum eine Chance, die Insel zu verlassen. Wegen des jährlichen Sommerurlaubs der Königsfamilie wird ohnehin besonders stark kontrolliert. Ein Attentat auf den König war 1995 rechtzeitig verhindert worden - zwei Terroristen kamen damals erst gar nicht zum Zug.

Hinzu kommt, dass die spanische Polizei immer wieder Erfolge bei der Verfolgung der Terroristen vermelden konnte, nachdem diese den Friedensprozess vor mehr als zwei Jahren aufgekündigt hatten - Eta-Führer waren zum Teil nur wenige Monate im Amt, ehe sie gefasst wurden. Nach Erfolgen bei Razzien gegen die Eta noch im Frühjahr in Spanien und Frankreich hatten Rezession und Arbeitslosigkeit den Terrorismus auf der Liste der größten Sorgen der Spanier von Platz eins verdrängt.

Nun wollten die Terroristen offenbar zeigen, dass sie noch handlungsfähig sind - junge Hitzköpfe in der Eta-Führung, die wenig Erfahrung, aber viel Entschlusskraft besitzen und mit ihren Mordtaten die Loslösung des Baskenlands von Spanien erzwingen wollen.

Am Mittwoch ging eine Bombe in Burgos in Nordspanien hoch, verletzte 65 Personen und verwandelte die dortige Polizeikaserne in eine Ruine. Die Bombe in Palmanova am Tag darauf explodierte nur wenige Tage, bevor sich die Königsfamilie vollständig auf Mallorca versammeln wollte - und zudem nur wenige Kilometer von der königlichen Sommerresidenz, dem Marivent-Palast, entfernt.

Tourist: Hundertprozentig sicher nur zu Hause

Mancher Touristiker hat die Hoffnung auf eine profitable Sommersaison nun aufgegeben. "Unsere Umsätze waren schon vorher um die Hälfte eingebrochen", sagt Terry Lyn, Britin und Betreiberin einer Eisdiele direkt am Meer. "Jetzt werden sie in Deutschland schreiben, dass hier eine Atombombe hochgegangen ist und Palmanova von der Landkarte radiert hat." Sie ist sauer auf die Boulevardpresse und deren Schlagzeilen über die Schweinegrippe und überzeugt davon, dass nun die Deutschen ganz ausbleiben. Bleibt die Hoffnung auf ihre Landsleute: "Sie sind die Bomben der IRA gewohnt", sagt sie, "und wenn der Wetterbericht schlecht bleibt, entschließen sich vielleicht doch noch ein paar zu einem verlängerten Wochenende."

Hoteliers üben sich in Zweckoptimismus: Der Anschlag werde zwar die Nachfrage kurzfristig beeinflussen, vor allem wegen der Negativschlagzeilen in den Medien, sagt der Vorsitzende der Vereinigung der Hotelketten, Aurelio Vázquez. Die Bombe sei jedoch ein "Einzelfall" und habe sich nicht gegen die Touristen, sondern gegen die Guardia Civil gerichtet.

Auf dem Festland kontrollierte die Polizei in den Hafenstädten unterdessen die von Mallorca eintreffenden Fähren, so auch am späten Donnerstagabend in Dénia an der Costa Blanca. Als die türkisweiße Schnellfähre der Linie Balearia um 23.30 Uhr im Hafen anlegte, stand bereits gut ein Dutzend Beamte am Pier bereit.

Die Autos, die das Boot verließen, wurden an der Ausfahrt kontrolliert, die rund 200 Reisenden - überwiegend Spanier - wurden durch Absperrgitter zu einem schmalen Ausgang geleitet. Jeder musste zwei Dokumente vorzeigen, um sich auszuweisen: Personalausweis, Reisepass oder Führerschein und eine Kredit- oder Krankenversicherungskarte. Neben einem prüfenden Blick auf die Dokumente glichen die Beamten mit Fangfragen einzelne Daten ab. Nur einzeln wurde bei den Reisenden Murren laut, die meisten ließen sich bereitwillig kontrollieren.

Gesucht: ein junger Mann, eine junge Frau

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE konzentrierte sich die Suche auf zwei bis drei Personen, darunter möglicherweise auch eine Frau. Die Beamten sollten demnach verstärkt auf Reisende im Alter zwischen 20 und 35 Jahren achten, die mit kleinem Gepäck reisten.

Den Beamten lagen Fotos von einer jungen Frau und einem jungen Mann vor, zwei Terroristen der ETA, die Beschreibungen zufolge am Tatort gesehen worden sein könnten.

Am Donnerstag wurde in Dénia kein Verdächtiger gesehen. Die Kontrollen im Hafen sollen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE in dieser Form bis Montag fortgesetzt werden.

Die Hoteliers auf Mallorca können nur hoffen, dass alle Gäste auf die neue Situation reagieren wie die Familie Sitter-Happels aus dem Landkreis Marburg.

Sie wollte am Donnerstag mit dem Bus nach Palmanova, um dort im Supermarkt einzukaufen, musste aber vor der Polizei-Absperrung aussteigen. Von der Schweinegrippe hätten sie sich nicht abschrecken lassen, sagt Familienvater Sitter-Happel - und auch von der Eta lasse man sich den Urlaub nicht kaputt machen: "Wenn man hundertprozentig sicher sein will, muss man zu Hause bleiben und die Tür verriegeln."

Mallorca

mit Material von AP, Mitarbeit. Simone Utler

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