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Anti-Jetlag-Pille: Hilfe für die innere Uhr

Foto: SRT/ R. Franke / Pixelio

Anti-Jetlag-Pille Vielfliegers Helferlein

Ruhe nach der Reise. Seit einem Jahr ist Melatonin als Mittel gegen Jetlag offiziell in Deutschland erhältlich. Der Nutzen der rezeptfreien Kapseln ist umstritten: Bald könnte es jedoch einen effektiveren Wirkstoff geben.

Er hat in seinem Leben viel ausprobiert. Er hat Anti-Aging-Pillen auf den Markt gebracht, ein Anti-Schnarch-Mittel und eine Sonnencreme mit integriertem Quallenschutz. Seit gut einem Jahr, da ist sich Michael Peter sicher, hat er auch das ideale Mittel gegen Jetlag auf den Markt gebracht. "Jet-Ex" heißt es, und mit seiner Hilfe soll sich laut Hersteller "der Körper leichter und schneller auf die neue Zeitzone im Urlaub einstellen".

Dass der Wirkstoff Melatonin den Schlaf fördert, ist seit Jahren bekannt. Aber er war in Deutschland nicht so einfach zu bekommen. Zwar war Melatonin nie verschreibungspflichtig, aber bei höherer Dosierung wurde er als Arzneimittel eingestuft. Erst 2010 entschied die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit in Parma, dass Melatonin den Jetlag lindern kann und keine Nebenwirkungen zu erwarten seien. Sofort reagierte der 69-jährige Hamburger und warf die Maschinen im Werk seiner Firma an. Seitdem gibt es 30 seiner Kapseln für rund 16 Euro ohne Rezept als Nahrungsergänzungsmittel in beinahe allen Apotheken, an deutschen Flughäfen und auch darüber hinaus.

Peter ist von der Wirkung überzeugt: "Das schwächt den Jetlag deutlich ab." Das Geschäft läuft gut. Doch nicht alle sind so begeistert. "Es ist zwar mittlerweile erwiesen, dass Melatonin die Schlafphasen verlängert", sagt Tomas Jelinek vom Centrum für Reisemedizin in Düsseldorf. "Wir sind aber zurückhaltend, was Einnahmeempfehlungen angeht." Beim einzigen derzeit erhältlichen Medikament werde das Melatonin erst lange nach der Einnahme freigesetzt, weshalb es sich zur Verwendung gegen Jetlag kaum eigne. Bei den angebotenen Nahrungsergänzungsmitteln handele es sich um einen Graumarkt.

Nebenwirkungen sind nicht ausreichend untersucht

"Um ein Studienergebnis zu erreichen, genügt eine so geringe Dosis. Fraglich ist aber, ob sie auch in der Praxis reicht, um den Jetlag abzumildern", sagt Jelinek. Auch andere Inhaltsstoffe und die Nebenwirkungen seien bei vielen dieser Produkte nicht ausreichend untersucht.

An einer noch ausgeklügelteren Zeitmaschine als Melatonin arbeiten derzeit Forscher des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie in Göttingen. Noch in diesem Jahr soll der Wirkstoff an Menschen getestet werden. An Mäusen funktioniert er bereits. Bei nachtaktiven Nagern konnten die Forscher nachweisen, dass sich die Tiere durch Gabe von Metyrapon schneller an einen verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus anpassen. Max-Planck-Abteilungsleiter Gregor Eichele sagt: "Wir haben herausgefunden, dass die innere Uhr der Nebenniere bei der Anpassung an den neuen Tag-Nacht-Rhythmus eine entscheidende Rolle spielt. Beeinflusst man den Kortikosteron-Spiegel, passt sich der Körper schneller an die neue Zeitzone an."

Das könnte auch bei Menschen funktionieren, bei denen das zeitsteuernde Hormon aus der Nebenniere Kortisol heißt, glauben die Forscher. Das Gute an Metyrapon: Der Wirkstoff ist bereits für andere Indikationen zugelassen und für seine gute Verträglichkeit bekannt. Gegenüber Melatonin hat Metyrapon noch einen Vorteil.

Keine Lösung für Piloten und Flugbegleiter

"Während Melatonin eher müde macht und daher besser für Flüge nach Osten als nach Westen geeignet ist, lässt sich mit Metyrapon die innere Uhr je nach Zeitpunkt der Einnahme sowohl vor- als auch zurückdrehen", sagt Eichele. "Wenn wir zum Beispiel bei einem Flug nach New York, bei dem der Zeitunterschied etwa sechs Stunden beträgt, den Jetlag von drei Tagen auf einen herunterschrauben könnten, dann wäre das ein großer Erfolg."

Ob der Reisende ein Medikament gegen Jetlag wirklich braucht, muss jeder selbst entscheiden. Für Flugbegleiter und Piloten kommen die Pillen jedenfalls nicht in Frage. Michael Lamberty von der Lufthansa sagt: "Alles, was Nebenwirkungen hat und die Flugfähigkeit beeinflusst, findet im professionellen Einsatz keine Verwendung, wenn doch schon viele Hustenmittel wegen ihrer Nebenwirkungen verboten sind."

Gregor Eichele und seine Göttinger Kollegen sind trotzdem überzeugt, dass sie auf dem richtigen Weg sind. In den Handel kommen wird das Medikament jedoch frühestens in vier bis fünf Jahren. "Wir haben in unseren Mausversuchen herausgefunden, wie das System funktioniert," sagt der Forscher. "Ob die Einnahme von Metyrapon oder eines verwandten Stoffs auch bei Jetlag sinnvoll ist, das müssen unsere Tests im Schlaflabor erst zeigen."

Noch in diesem Jahr soll in einer Klinik in Neapel getestet werden, ob sich der Kortisolspiegel durch Gabe von Metyrapon auch bei Menschen verändern lässt. Ist das der Fall, rückt die serienweise Herstellung des Medikaments näher. Bis dahin bleibt Jetlag-Geschädigten nichts anderes übrig, als Melatonin-Pillen zu schlucken und auf deren Wirkung zu hoffen - oder sich an die üblichen Grundregeln zu halten: bei Flügen nach Osten möglichst viel schlafen, nach Westen nur wenig und am Zielort so viel frische Luft wie möglich tanken.

Fabian von Poser, srt
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