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19. Juli 2007, 14:52 Uhr

Apartmentschiff "The World"

Weltreise auf Balkonien

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Im eigenen Wohnzimmer um die Welt: Für die Bewohner des Luxusschiffes "The World" ist dies Alltag, bis zu sechs Länder steuert der Kapitän pro Monat an. Die Ziele wählen die wohlhabenden Apartmentbesitzer selbst aus – besonders populär sind Spitzbergen und die Antarktis.

Hamburg - Eine Ausgabe des "Philip's World Traveller's Atlas" steht auf dem schwarzen Ziertisch aus Holz in der großzügigen Lobby auf Deck fünf. Aufgeschlagen ist eine Europakarte – schließlich sollen die Apartmentbesitzer wissen, wo sie heute sind, wenn sie ihre Wohnung verlassen. Ein kurzer Blick, da liegt also Hamburg, dann verlässt ein weißhaariger Amerikaner mit seiner Frau den Eingangsbereich.

Ihre Wahlheimat ist die Welt, oder besser "The World", ein 196 Meter langer schwimmender Apartmentblock, auf dem wohlhabende Luxus-Weltenbummler eine zweite Heimat gefunden haben. Ein "Fliegender Holländer" auf Endlosreise, eine Arche der Alpha-Menschen, ein Ferienhaus mit gleich bleibenden Nachbarn bei ständig wechselnder Aussicht. Noch bis Samstag steht "The World" in Hamburg, dann geht es weiter nach Lübeck, Warnemünde und Gdansk in Polen.

Sieben Millionen Dollar für 302 Quadratmeter

Seit 2002 ist die in Norwegen gebaute "The World" unterwegs auf den Weltmeeren, in mehr als 100 Ländern war sie schon. Die 165 Studios und Apartments kosten zwischen 825.000 und 7,3 Millionen US-Dollar, zur Auswahl stehen Interieurs vier verschiedener Designer. Wenn die Besitzer nicht an Bord sind, werden einige vermietet, für 1000 Dollar pro Nacht aufwärts.

"Die meisten Bewohner bleiben zwei bis vier Monate pro Jahr auf dem Schiff", sagt Hans-Christian Magnus, Marketingleiter für Europa. Wer hier ein Apartment kauft, muss auch weiterhin einen festen Wohnsitz auf dem Land haben, schon aus Steuergründen. Denn auch wenn viele Interessenten zunächst diese Hoffnung hegen, könne sich "leider keiner um die Steuern drücken, weil er auf einem Schiff wohnt", sagt Magnus. Im Schnitt befinden sich etwa 150 bis 200 Bewohner an Bord, das Personal besteht aus 250 Menschen aus 30 Ländern. Nur in der Antarktis waren es einmal mehr als 300 Passagiere, auch Spitzbergen und Grönland waren besonders beliebte Reiseziele.

Der Luxusliner gehört den Apartment-Besitzern selbst, sie dürfen per Abstimmung auch über die Route mitentscheiden – allerdings mit 18 Monaten Vorlauf, schließlich müssen Hafenaufenthalte und Landgänge im Voraus organisiert werden. "Es ist ihr Schiff – aber wir fragen nicht bei jeder Kleinigkeit, ob das für die Gäste in Ordnung ist, schließlich stellen sie uns jährlich ein gewisses Budget zur Verfügung", sagt Kapitän Ola Harsheim, ein weißgekleideter Norweger mit zurückgekämmtem Haar und Tattoo auf dem Oberarm. Für Verpflegung sind jährlich mindestens 33.000 Dollar fällig, dazu kommen jährliche Instandhaltungskosten im fünf- bis sechsstelligen Bereich je nach Apartmentgröße.

"The World" ist eine schwimmende Stadt mit vier Restaurants, Swimmingpools, Boutiquen, einer kleinen Bibliothek, Tennisplätzen, Golfsimulator, Krankenhaus, Fitnessstudio und edel ausgestattetem Spa-Bereich. Im Shop mindern keine Preisschilder das Einkaufsvergnügen. "Harmony" heißt die Kapelle mit 36 Sitzplätzen auf Holzbänken, hier finden Gottesdienste verschiedener Glaubensrichtungen statt.

Kochen im Stahlkäfig

Apartment 801, eines der teuersten an Bord, kostet über sieben Millionen US-Dollar, hat 302 Quadratmeter und mehrere Balkons, auf denen man eine kleinere Grillparty-Gesellschaft problemlos unterbringen könnte. Wobei die Bewohner mit Grillpartys vorsichtig sein sollten – aus Sicherheitsgründen verpflichtet sich jeder Mieter oder Käufer per Unterschrift, dass er in seinem Zimmer keine Kerze anzündet. Wegen der Feuergefahr sind auch die Küchen mit Stahl ummantelt: "Sobald Ihnen der Toast anbrennt, schließen sich automatisch die Türen", sagt Magnus. Der Passagier kann die dann natürlich von innen öffnen, um der Sprinkleranlage zu entkommen.

"Der Altersdurchschnitt liegt bei etwa 50 Jahren, unsere Bewohner sind aktiv, wohlhabend, neugierig und reisebegeistert", sagt Magnus. Damit der dynamisch-junggebliebene CEO an Bord das vor lauter Wellness und "Harmony" nicht vergisst, erinnern auf dem Sportdeck Motivationsbildchen mit knallgrünen Golfplatz-Impressionen an Schlüsselbegriffe wie "Determination", "Challenge", "Leadership" und "Risk". Daneben befinden sich zwei Golfsimulatoren, auf denen man per Großleinwand jedes halbwegs bekannte Grün der Welt nachspielen kann.

Ursprünglich war ein doppelt so großes Schiff geplant, das Konzept war bereits 1997 fertig. Doch dann kamen zu wenige Buchungen, dazu Gerüchte, dass Stars wie Madonna und Arnold Schwarzenegger Apartments bestellt hätten – das passte nicht ins Konzept der Gründer, denn sie wollten eine Zielgruppe ansprechen, die keinen Medienrummel, sondern Diskretion und Erholung braucht. Eigentlich wolle man überhaupt keine Prominenz an Bord haben, sagt PR-Leiterin Annette Zierer. Gleichzeitig lasse man aber natürlich größte Diskretion walten, was die Namen der Apartmentbesitzer betreffe.

Wasser-Recycling und Fischfutter-Golf

Das jetzige Konzept ist ein Erfolg, sämtliche Räume sind verkauft, etwa fünf Prozent stehen derzeit zum Wiederverkauf. "Immer mehr Leute leben dauerhaft auf dem Schiff", sagt Harsheim, der das überdimensionale Hausboot für Reiche jedes Jahr für sechs Monate steuert. "Vorher habe jahrzehntelang auf einem Passagierschiff gearbeitet, wo ich nur flüchtige Kontakte zu den Passagieren hatte. Hier dagegen sind sie Nachbarn, ich werde zum Abendessen ins Apartment eingeladen, das ist so viel netter."

Nett will man auf dem Schiff auch zur Umwelt sein. So verwendet "The World" als einziges Schiff seiner Größe Diesel statt Schweröl, norwegische Forscher entwarfen ein Recycling-System für Müll und Abwässer. Auch die Bewohner haben laut Harsheim großes Interesse, Luxus und Umweltbewusstsein zu verbinden.

Das beeindruckte sogar Demonstranten im kalifornischen Monterey, die bei der Einfahrt vom Ufer aus mit "Cruise Ship go home"-Plakaten gegen die hohen Emissionen von Kreuzfahrtschiffen protestierten. "Ich mischte mich in Zivil unter die Leute und lud sie auf das Schiff ein, zeigte ihnen unser Recycling-System – bei unserer nächsten Ankunft stand auf der Titelseite einer Zeitung 'The Green Ship is back'", sagt Harsheim. Sogar wer einen Golfball mit Schmackes hinaus ins Meer katapultieren will, müsse auf "The World" keine Öko-Bedenken haben: "Die Golfbälle sind zu 100 Prozent biologisch abbaubar, die werden in 96 Stunden zu Fischfutter."

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