Stararchitekt Santiago Calatrava verurteilt Venedigs Problembrücke

Viel zu rutschig und viel zu teuer: Die Glasbrücke über den Canal Grande empört die Venezianer seit Jahren. Ihr Macher, Stararchitekt Santiago Calatrava, wurde nun zu einer Geldstrafe verurteilt.

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Architekten unterschätzen bei der Kalkulation ihrer Projekte ja gern mal die Kosten. Konzerthäuser oder Hotels etwa sind dann am Ende deutlich teurer als gedacht. In Venedig wurde nun ein weltberühmter Kreativer zu einer Geldstrafe im hohen fünfstelligen Bereich verurteilt: der spanische Stararchitekt Santiago Calatrava.

Er hatte vor 20 Jahren die vierte Brücke über den Canal Grande entworfen, die jedoch erst 2008 fertig wurde. Calatrava muss der Gemeinde Venedig nun rund 78.000 Euro Strafe zahlen, wie italienische Medien berichten.

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Brücke in Venedig: Pannengondel und glitschige Glasstufen

Er werde für Kostensteigerungen in Millionenhöhe verantwortlich gemacht, zitiert das Kunst- und Architekturmagazin "Exibart" aus Florenz das Gerichtsurteil. Der venezianische Corte dei Conti attestiere Calatrava eine "riesengroße Fahrlässigkeit" in der Projektierung. Ursprünglich sollte die Brücke der Nachrichtenagentur Ansa zufolge sieben Millionen Euro kosten. Am Ende waren es 11,6 Millionen Euro.

Die Probleme der Calatrava-Brücke

Doch der unerwartet hohe Preis ist nicht der einzige Grund, warum das Gericht Calavatra nun verurteilte. Die 94 Meter lange Ponte della Costituzione hat sich als eine wahre Problembrücke entpuppt, die bereits kurz nach ihrer Fertigstellung bauliche Anpassungen erforderte und enorm hohe Instandhaltungskosten verursacht. 167.000 Euro seien es pro Jahr, schreibt das Mailänder Onlinemagazin "Il Post", Reparaturkosten kämen noch hinzu.

  • Eine Herausforderung ist vor allem das Material, aus dem große Teile der Brücke sind: Glas. Dass gläserne Stufen nicht ewig unter den Füßen der Touristenmassen schön und heil bleiben, hatte sich zwar auch Calatrava gedacht. Sein Konzept sah vor, dass sie nach 20 Jahren ausgetauscht werden müssten. Doch dann wurden Ausbesserungen schon nach kurzer Zeit nötig.
  • Doch nicht nur ästhetisch wurden die Glasstufen zu einem Problem - sie waren auch gefährlich. Denn bei Regen oder hoher Luftfeuchtigkeit, wie sie in einer Lagunenstadt durchaus vorkommt, werden die Treppen glitschig. Es kam zu Stürzen, die Stadt musste auf Teilen der Brücke Schilder aufstellen und vor der Rutschgefahr warnen. Bei Schnee wurden die Bereiche mit Glasstufen ganz gesperrt, schließlich konnte man kein Streusalz benutzen - es hätte die Oberfläche ruiniert. Die Stadt Venedig musste viel Spott einstecken. Manche machten sich lustig und kamen mit Skiern auf die Brücke. Inzwischen wurde nachgebessert: Auf den Stufen kleben nun rutschhemmende Streifen aus Trachyt.
  • Ob Sonne oder Regen: Für Menschen mit Handicap war die Brücke anfangs bei jeder Witterung unpassierbar - es fehlte eine Rampe. Damals hatte die Stadt darauf verwiesen, dass es ja eine Alternative zur Brücke gebe: das Vaporetto. Doch natürlich dauert eine Bootsfahrt über den Kanal länger als der Weg über die Brücke - zumal mit einer Behinderung. Erst 2013 wurden Pläne für eine Seilbahn umgesetzt, mit der Rollstuhlfahrer seitlich der Brücke den Kanal überqueren konnten. Die Gondel wurde auch für 1,8 Millionen Euro gebaut, benutzt hat sie jedoch seither kaum jemand. Sie sei zu langsam und habe mechanische Probleme gehabt, heißt es in einem Bericht von "Il Post". Im Sommer werde es in der Gondel außerdem viel zu heiß, ihr kompletter Abbau ist seit April dieses Jahres beschlossene Sache.

Die Ponte della Costituzione liegt an einem Dreh- und Angelpunkt der Lagunenstadt, sie verbindet die Piazzale Roma mit dem Bahnhof Santa Lucia. Hier kommen die vielen Touristen an, hier war eine neue Möglichkeit zur Kanalquerung seit Jahren nötig.

Calatrava war sich der Bedeutung der von ihm designten Brücke bewusst - nicht nur hinsichtlich ihrer Funktion, sondern auch ihrer Symbolik. Aufgrund ihrer Lage sei die Brücke ein Ort, an dem Touristen den ersten Eindruck von Venedig erhielten, heißt es auf der Website des Architekten, die Brücke biete einen Panoramablick über den berühmten Canal Grande.

Die Konstruktion einer neuen Fußgängerbrücke in einer Stadt wie Venedig ist eine Angelegenheit von internationaler Bedeutung. Entsprechend wurde die Ponte della Costituzione 2008 gefeiert. Calatrava ist für seine kühnen Brückenbauten - unter anderem in Sevilla, Barcelona und Bilbao -, aber auch für die Gestaltung spektakulärer Bahnhöfe bekannt. 2016 wurde in New York die World Trade Center Station eröffnet, bekannt auch unter dem Namen Oculus. Das Dach erinnert an die Flügel eines Vogels.

Das Urteil von Venedig wolle der Stararchitekt nicht auf sich sitzen lassen, schreibt das Onlinemagazin "Dezeen". Juristen würden bereits prüfen, ob sie dagegen vorgehen.

insgesamt 49 Beiträge
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i.b.s 23.08.2019
1. Wie sagte
einer meiner Dozenten so treffend:" Meine Herren, merken sie sich eines, Architekten sind keine Ingenieure, das sind Künstler!" Und das stimmt. Wobei ich natürlich auch eines sagen muss, ich kenne Architekten, Hut ab. Aber die Mehrzahl...........Getreu Karl Kraus: "Künstler ist nur einer, der aus der Lösung ein Rätsel machen kann".
AlexZatelli 23.08.2019
2.
Er hat einst einen kleinen Bahnhof in Zürich gebaut. Ganz in der Nähe - oberhalb des Bahnhofs- gibt es mehrere Schulen, mit tausenden von Schülern, die die Züge täglich benützen müssen. Die Treppen zu den Geleisen sind aber derart umständlich angelegt, sodass man immer bedeutende Umwege gehen muss oder dann gleich den Zug verpasst in Zeitnot. Schlicht ein Architektur-Versagen. Calatrava begreift offenbar nicht im Ansatz die essentiell geforderten Funktionen seiner Entwürfe.
barklug 23.08.2019
3. Warum
kaufen die den Blödsinn denn erst. Gibt es in der venezianischen Stadtverwaltung niemanden, der sich mit so etwas auskennt. Der Herr Architekt ist ja sicherlich nicht der Einzige, der etwas von Brücken versteht (oder auch nicht. Jedenfalls wird es doch da wenigstens eine Bauingenieur geben, der eventuell "Moment mal" sagte. Erinnert mich irgendwie an die Schildbürger...
Das Pferd 23.08.2019
4.
diese Geschichte tröstet mich als spottgeplagten Berliner etwas.
mayazi 23.08.2019
5. Rolli
Rollstühle, Kinderwagen, Rollatoren zu ignorieren finde ich schon ein ziemliches Stück. Und dass eine glatte Oberfläche bei Feuchtigkeit rutschig wird sollte ein Architekt wissen.
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