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Strickdorf Arosa: Coole Masche

Foto: Strick-Graffiti

Woll-Graffiti in Arosa Schick in Strick

Arosa ist vielleicht das einzige Dorf weltweit, das im Winter eingestrickt wurde: Bänke, Tore, Bäume - sogar eine komplette Gondel der Bergbahn. Das Maschenmeer hat eine 70-Jährige initiiert, jetzt recycelt sie die Wollberge für ein nächstes Projekt.
Von Birgitta vom Lehn

Arosa war in diesem Winter ein buntes Maschenmeer. Sitzbänke, Geländer, Schilder, Tore, Fensterläden, Flaschen, Lampen, sogar eine komplette Gondel der Hörnli-Bahn - alles in dem Schweizer Bergdorf trug in den kalten Monaten ein warmes Wollkleid.

Dahinter steckte aber keine teure Marketing-Kampagne, was man bei dem noblen Ferienort vermuten könnte. Der Spaß war einer einzelnen Frau zu verdanken: Christine Schawalder hatte die Idee, aktivierte mehr als 60 Mitstrickerinnen - und will aus den Maschen nun noch Taschen für einen guten Zweck fertigen.

"Erklären Sie eine solche Aktion mal einem Mann", sagt die 70-jährige Schawalder und schenkt lächelnd kühles Arosa-Wasser ein. Auf dem Tisch steht Bündner Nusstorte; durch das Panoramafenster des Wohnzimmers ist das 2605 Meter hohe, schneebedeckte Schießhorn zu sehen.

Eigentlich stammt sie aus St. Gallen, lebt aber schon seit einem halbem Jahrhundert in dem Bündner Ferienort . Zunächst der Gesundheit wegen - Arosa liegt 1800 Meter hoch-, später - die Blutarmut hatte sich längst gelegt - blieb sie aus Liebe: In Arosa lernte sie ihren Mann kennen und die imposante, hochalpine "Heidi"-Landschaft schätzen.

Vom "Urban Knitting" zum Schweizer Wollberg

Doch wie kommt eine 70-Jährige zum "Strick-Graffiti", wie man die Art nennt, den öffentlichen Raum zu bestricken. Manchmal ist auch von "Urban Knitting" die Rede. Analog müsste es hier also "Mountain Knitting" heißen. Erfunden hat Schawalder, obwohl gelernte Textilfachfrau, diesen kreativen Umgang mit Wolle nicht: Die Masche kommt aus Amerika.

2005 begannen Strickerinnen im texanischen Houston mit der Ummantelung von Türklinken. Das sei zwar weniger nützlich, als sich Socken oder Pullover zu stricken, mache die Welt aber bunter und fröhlicher, meinten sie.

Mittlerweile gibt es viele Nachahmerinnen, vor allem in Amerika, England und Spanien. Arosa ist insofern einzigartig, weil hier vermutlich erstmals ein ganzes Dorf eingestrickt wurde. Ein Projekt, in das übrigens kein einziger Schweizer Franken floss, genauso wenig wie Marketing-Experten mit im Boot saßen, sagt Schawalder.

Die Idee zur Aktion "Bestrickend schön" kam ihr, als sie wegen ihres kranken Ehemannes nicht mehr reisen und ihre Textilbild-Kurse nicht mehr woanders anbieten konnte. "Ich musste und wollte jetzt etwas hier vor Ort machen." Die Verantwortlichen von ihrer Idee zu überzeugen, sei nicht ganz leicht gewesen, sagt sie - erst recht, weil es sich dabei fast immer um Männer handelte.

Die anfänglichen Zweifel bei den Verantwortlichen von Bergbahnen und der Gemeinde, Touristikern, Kirchengemeinden und Privatleuten seien dann "erfreulich schnell" ausgeräumt worden. Bald hätten sie sich sogar regelrecht um die originellen Strickkleider "gerissen".

Mehr als 60 Mitstrickerinnen und 313 Kilo Wolle

Mehr als 60 Frauen haben für das Projekt über 313 Kilogramm Restwolle verarbeitet. Teils seien spontane Stricklieferungen aus der gesamten Schweiz eingetroffen. In Arosa bekam die Aktion, die sich "ausgebreitet hat wie ein Virus", auch eine soziale Komponente: Alle zwei Wochen trafen sich die Frauen zum "Strick-Café", das höchste fand im Weißhorn-Gipfelrestaurant in 2600 Metern Höhe statt. Die jüngste Teilnehmerin zählte noch keine zehn Jahre, die älteste war 88.

Mehr als 270 Graffiti-Objekte sind so entstanden. "Stricken ist wie Meditation", sagt Schawalder. Besucher schickten ihre gestrickten Waren oft noch später, von zu Hause, per Post nach Arosa. Ein Gast, von Beruf Vermessungsingenieur, hat eine detailgetreue Landkarte mit allen "Ausstellungspunkten" erstellt. Und das dicke Buch des örtlichen Fotografen bleibt auch dann noch als Andenken, wenn die Maschen längst gefallen sind - was demnächst passieren soll.

Schawalder holt ein blaues Notizbuch hervor und erklärt: "Das war mein ganzes Büro." Bleistiftskizzen und zentimetergenaue Angaben der vermessenen Objekte sind darin verzeichnet, dazu Telefonnummern aller Mitstrickerinnen. Schon bald müssen die Strick-Graffitis aber wieder weg: "Ich möchte nicht so lange warten, bis es gammelig aussieht", sagt Schawalder.

Die abgenommene Wolle verarbeiten sie und ihre Helferinnen nach und nach zu Taschen und wollen diese zugunsten einer "Barfuß-Schule"  in Sambia verkaufen. Schawalders jüngere Schwester hatte die Schule 1996 gegründet, viele der Kinder sind Aids-Waisen. Neben Lesen, Schreiben und Rechnen lernen die Schüler dort auch Gartenbau, Werken und Nähen.

Schawalder stellt einen Prototyp der Tasche schwungvoll auf den Tisch und sagt: "Damit werden hoffentlich auch unsere Kritiker verstummen." Diese hatten gemeckert, man hätte lieber warme Pullover für arme Kinder statt "nutzlose Kleider für Gondeln und Straßenschilder" stricken sollen.

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