Atlas-Geschenktipp "Inseln machen nichts Gutes mit den Menschen"

Sehnen Sie sich nach der Idylle eines fernen Eilands? Die Realität könnte Sie enttäuschen: Die Flecken sind oft grausig, das Leben gefährlich. Judith Schalansky hat einen Atlas mit 50 abgelegenen Inseln erstellt - und erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, warum es besser ist, diese zu meiden.
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"Atlas der abgelegenen Inseln": Steinhaufen im Ozean

Foto: Judith Schalansky / mareverlag

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 50 abgelegene Inseln in Ihrem gleichnamigen Atlas versammelt - die alle ziemlich öde wirken.

Schalansky: Absolut. Allerdings war das Zufall. Ich habe einfach auf dem riesigen Globus der Staatsbibliothek in Berlin geschaut, welche Inseln weit weg und wirklich abgelegen sind.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Schalansky: Ihre Abgelegenheit macht sie zur Projektionsfläche für unsere Sehnsüchte. Das finde ich so interessant an ihnen.

SPIEGEL ONLINE: Aber müssen die ausgewählten Inseln gleich so unwirtlich sein?

Schalansky: Angefangen habe ich aus einer Art Kinderglauben heraus: Es muss doch irgendwo noch einen wirklich schönen Ort geben! Es kam etwas anders. Die meisten meiner Inseln sind tatsächlich karg, oft werden sie als grausig beschrieben - ohne Baum, ohne Trinkwasser. Georg Foster, der Schreiber von James Cook, bezeichnet eine Insel wie Thule als das Ende der Welt. Düster, abweisend, eisig. Doch auch in dieser Ödnis liegt eine Schönheit.

SPIEGEL ONLINE: Neben die Karten jeder Insel stellen Sie eine meist skurrile Anekdote, über verschollene Schiffsbrüchige, kannibalistische Inselwächter oder scheiternde Forscher. Wieso erzählen Sie gruselige statt idyllische Geschichten?

Schalansky: Ich glaube, dass die Inseln als abgeschlossene Räume tatsächlich nichts Gutes mit den Menschen machen. Bei der Recherche habe ich gelernt: Frauen werden vergewaltigt, überleben aber meist, und Männer werden wahnsinnig, erheben sich oder ertränken sich im Meer, weil sie es nicht mehr aushalten. Auch ergibt das Schreckliche die besseren Geschichten. Wenn jemand auf einer Insel das Paradies findet, dann ist das wunderbar - aber man kann darüber nicht viel schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Dabei lieben wir doch das Klischee des idyllischen Insellebens.

Schalansky: Wenn jemand alleine auf einer Insel lebt wie jener Mann, der das Vorbild für die Romanfigur Robinson Crusoe war, kann nichts Schauriges passieren. Aber wenn mehrere auf einer Insel sind, kommt es zu komischen Konstellationen. Die Ausnahmesituation Insel ist wie ein Gefängnis. Zivilisation hat mit vielen Menschen und mit Festland zu tun, auch im Sinne von festen Regeln.

SPIEGEL ONLINE: Die abgelegene Insel als Flucht in ein besseres Leben außerhalb der Zivilisation...

Schalansky: ...funktioniert nicht. Aber das Tolle ist, dass dieses Klischee nicht kaputtzukriegen ist. Viele Menschen sind auf Inseln gelandet, um eine Utopie zu leben. Was dabei herauskommt, wenn niemand sie kontrolliert, ist eher beängstigend.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie bewusst nur düstere Anekdoten ausgewählt?

Schalansky: Nein! Ich habe so sehr nach anderen gesucht. Ich hätte gern von abgelegenen Inseln erzählt, die paradiesisch sind, auf denen alle Menschen in Frieden und Eintracht leben oder jemand ein ruhiges Eremitendasein führt. Ich habe keine gefunden. Immerhin, es gibt auch Inseln wie Pukapuka, auf der sich ein Amerikaner über das aus seiner Sicht so freizügige, wunderbare Verhältnis der Einwohner zur Sexualität wundert. Die Inseln der sexuellen Freizügigkeit, wie ich sie nenne, heißen bezeichnenderweise im Englischen "Danger Islands" - Inseln der Gefahr.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie durch Ihre Recherchen ernüchtert?

Schalansky: Ich weiß jetzt, dass es besser ist, zu Hause zu bleiben. Ich könnte von einer abgelegenen Insel nur enttäuscht werden. Sehr beruhigend. Vielleicht ist es besser, die Sehnsucht zu füttern und zu pflegen - und ja nicht auf die Idee zu kommen, irgendwo ein besseres Leben anfangen zu wollen.

SPIEGEL ONLINE: Im Untertitel Ihres Buches heißt es "Inseln, auf denen ich nie war und nie sein werde". Reizt Sie jetzt nicht doch eine zu einem Besuch?

Schalansky: Die Campbell-Insel gefällt mir zum Beispiel sehr gut. Dort wollten französische Forscher im 19. Jahrhundert den Venus-Transit beobachten. Dann hat sich eine Wolke vor die Sonne geschoben, die Expedition ist gescheitert. Auf Fotos sieht die Insel mit ihren Fjorden, Bergen und gelbem Gras sehr schön aus. Aber sie liegt hinter Neuseeland, und ich leide ja schon bei einem Flug von Los Angeles nach Berlin. Ich glaube, dass ich keine der Inseln sehen werde.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Insel-Atlas ist eher ein Anti-Reise-Buch?

Schalansky: Ja, und es ist lustig, dass es immer in den Reiseabteilungen der Buchhandlungen liegt. Ich behaupte ja, dass Atlanten literarische Bücher sind - und mein Buch war ein literarisches Kartografieprojekt.

SPIEGEL ONLINE: Was war die literarische Herausforderung?

Schalansky: Was ist das Eigentliche an einer Insel - der Punkt oder das Motiv, auf das es ankommt? Um nach dem poetischen Moment zu suchen, habe ich mich fast ein Jahr lang durch Literatur bis hin zu obskuren wissenschaftlichen Berichten gewühlt, auch dicke Bände voller merkwürdiger Abhandlungen über winzige Inseln. Diese Recherchereise hat großen Spaß gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Und was war die kartografische Idee?

Schalansky: Das Kartenmaterial, das ich finden konnte, habe ich in meine eigene Ästhetik übersetzt. Alle Inseln sind sehr reduziert und immer gleich dargestellt - obwohl sie sehr verschieden sind. Genau das macht Kartographie sonst auch: Komplett unterschiedliche Orte werden vereinheitlicht, Differenzen gleichgemacht, die Wirklichkeit wird gezähmt.

SPIEGEL ONLINE: Hat dieses Projekt den Inselmythos in Ihrem eigenen Kopf zerstört?

Schalansky: Im Gegenteil. Obwohl ich jetzt viel mehr Bitteres weiß, ist der Zauber größer geworden. Diese Inseln sind trotz ihrer Kargheit und Ödnis reiche Orte - reich an Geschichten, mit denen sich die Leute in die Natur schreiben. Sie werden wenig betreten, aber sobald jemand dort war, schreibt er über seinen Aufenthalt. In der Literatur werden sie dadurch fast so zentrale Orte wie Weltmetropolen.

Das Interview führte Antje Blinda

In Auszügen aus ihrem Buch erzählt Judith Schalansky Geschichten über Süd-Thule im Atlantik, die Sankt-Paul-Insel im Indischen Ozean und die Antipoden-Insel im Pazifik:

Süd-Thule - Insel am Ende der Welt

Süd-Thule: Eine Tagesreise vom geronnenen Meer entfernt

Süd-Thule: Eine Tagesreise vom geronnenen Meer entfernt

Foto: Judith Schalansky / mareverlag

Atlantischer Ozean
S üd-Thule Südl. Sandwichinseln (Vereinigtes Königreich)
Englisch Southern Thule
36 Quadratkilometer | unbewohnt

31. Januar 1775 entdeckt von James Cook
1976 bis 1982 von Argentinien besetzt

Wo Thule liegt? Am äußersten aller Ränder. Am polaren Kreis. Kurz vor dem mit Brettern vernagelten Ende der Erde: der letzte Posten der bekannten Welt, eine Insel im hohen Norden, wo die See so finster und ungestüm ist, dass niemand dorthin fahren möchte, eine Tagesreise vom geronnenen Meer entfernt.

Nach Süden geht Commander Cooks zweite Reise. Er soll endlich die Terra Australis finden, den mächtigen Kontinent, der sich auf den Weltkarten unermesslich weit erstreckt, eine riesige Landmasse in gemäßigtem Klima, reich an Bodenschätzen und zivilisierten Menschen: weltberühmt, doch incognita. Im Januar 1775 fährt seine Resolution ein viertes Mal ins südliche Eismeer.

Doch erneut zwingen sie gewaltige Schollenfelder und lose Eistrümmer zur Umkehr, und alle an Bord sind froh, als sie wenige Meilen jenseits des 60. südlichen Breitengrades wieder nach Norden steuern. Die Matrosen haben genug von dem nassen Nebelwetter und der bitteren Kälte, von den Arbeiten in der vereisten Takelage, von ständigen Erfrierungen und rheumatischen Schmerzen; manche fallen vor Erschöpfung in tagelang anhaltende Ohnmachten.

Plötzlich stoßen sie auf gefrorenes Land mit schwarzen Klippen, steil und voller Höhlen: in der Höhe von Seeraben bewohnt, in der Tiefe von tobenden Wellen gepeitscht. Dicke Wolken bedecken seine Berge, nur ein einziger beschneiter Gipfel ragt weit über sie hinaus, mindestens zwei Meilen hoch.

Nach fünf Seemeilen liegt vor ihnen ein weiteres Gebirge, das südliche Ende dieses kargen Landes, vielleicht die nördlichste Spitze des gesuchten Kontinents, der - so viel ist nun sicher - nicht viel taugen kann, ein Festland mit Ruinen aus Firn und Eis, die niemals schmelzen: düster, kalt und schreckensvoll. Dieser Teil der Welt ist für immer zur Natur verdammt, in dichte Finsternis eingehüllt. Hier liegt das neue Thule, das andere Ende der bekannten Welt.

Auszug aus "Atlas der abgelegenen Inseln" von Judith Schalansky

Sankt-Paul-Insel - wo der Gute und der Schlechte wohnen

Sankt-Paul-Insel: Gouverneur und Untertan als Inselwächter

Sankt-Paul-Insel: Gouverneur und Untertan als Inselwächter

Foto: Judith Schalansky / mareverlag

Indischer Ozean
Sankt-Paul-Insel (Frankreich)
Französisch Île Saint-Paul
8 Quadratkilometer | unbewohnt

1559 erwähnt in einer portugiesischen Karte
19. April 1618 gesichtet von Harwick Claesz de Hillegom
24. Oktober 1892 annektiert von Frankreich

Am 18. Juni 1871 strandet das englische Postschiff HMS Megaera auf einer der natürlichen Kiesmolen am Eingang des Kraters. Die schiffbrüchige Besatzung rettet sich an Land, wo sie von zwei Franzosen begrüßt wird. Sie stammen von der Insel Bourbon und sprechen kein Wort Englisch.

Einer der beiden nennt sich der Gouverneur. Er ist 30 Jahre alt und hat ein lahmes Bein. Der andere, der sich als der Untertan vorstellt, ist fünf Jahre jünger und in einer hervorragenden körperlichen Verfassung, ein ausgezeichneter Kletterer, dem keine Felswand zu steil ist. Bereitwillig führt er die Gestrandeten über die Insel, während der Gouverneur vor einer Hütte am Kraterrand hockt. Der Untertan spricht von ihm ausnahmslos als von einem sehr guten Menschen. Der Gouverneur beschreibt seinen Untertanen immer nur als einen durch und durch schlechten Menschen.

Nie haben zwei Menschen besser zueinander gepasst. Zusammen bewohnen sie eine winzige Holzhütte mit einer kleinen Bibliothek französischer Bücher. Seit einer Ewigkeit sind die beiden ein unzertrennliches Paar. Ihre Aufgabe ist es, vier kleine Boote, die im überfluteten Kraterbecken liegen, zu bewachen und Walfänger zu registrieren - für einen Monatslohn von 40 Francs. Aber so gut wie niemand landet hier an, in einer Gegend, die für ihre grausamen Stürme und zähen Nebel gefürchtet ist.

Enten, Ratten und wilde Katzen sind die einzig essbaren Tiere, die auf dieser Insel leben; und außer einem spinatähnlichen Salat wächst hier nur Moos, Farn und trockenes Gras. Einmal im Jahr kommen große Schwärme von Pinguinen, um ihre Eier in die kargen Grasbüschel zwischen den Felsen zu legen. Die riesigen Vögel haben eine weiße Brust, einen grauen Rücken, pink leuchtende Augen und auf den Köpfen goldene Federn. Sie sind sehr zutraulich, doch ihr Fleisch ist ungenießbar.

Früher soll hier ein Mulatte mit den Franzosen gelebt haben. Es heißt, dass der Gute und der Schlechte ihn ermordet und verspeist haben und seine Überreste in genau jener Hütte aufbewahren, die der Gouverneur tagein, tagaus bewacht.

Auszug aus "Atlas der abgelegenen Inseln" von Judith Schalansky

Antipoden-Insel - wo die Gegenfüßler leben

Antipoden-Insel: Ein gespiegelter Ort, hoffte Captain Waterhouse

Antipoden-Insel: Ein gespiegelter Ort, hoffte Captain Waterhouse

Foto: Judith Schalansky / mareverlag

Pazifischer Ozean
Antipoden-Insel (Neuseeland)
Englisch ursprünglich Isle Penantipode [Penantipodeninsel]
21 Quadratkilometer | unbewohnt

26. März 1800 entdeckt von Henry Waterhouse

Die Sehnsucht nach einem heimlichen Doppelgänger, der auf der anderen Seite der Erde lebt, kopfüber, seine Füße unseren Füßen zugewandt, von der Schwerkraft an dieselbe Kugel gekettet. Unsere Gegenfüßler wohnen in den gleichen Längen, aber entgegengesetzten Breiten, ihre Jahreszeiten sind den unseren gegenüber, ihre Stunden verschoben: Unsere Antipoden haben Sommer, wenn wir Winter, und Mitternacht, wenn wir Mittag haben. Doch hier auf der Antipodeninsel leben keine Menschen; zwischen den Felsen lungern nur ein paar Seebären und Pinguine mit buntem Schopf.

Das Land liegt dem Nullmeridian von Greenwich fast genau gegenüber, berechnet Captain Henry Waterhouse, als er auf dem Weg von Port Jackson nach England diese Inseln entdeckt. Ein gespiegelter Ort, denkt er, ein winziger Doppelgänger der Britischen Inseln. Seine Geburtsstadt London ist von hier so weit entfernt wie der Nord- vom Südpol; und es wäre völlig egal, welche Route er dorthin nimmt. Weiter weg vom Zentrum der Welt kann er nicht sein. England und dieser Ort sind zwei Endpunkte desselben Kugeldurchmessers, eine gedachte Linie durch den Mittelpunkt der Erde.

Doch die Rechnung geht nicht auf. Seine Heimat sieht anders aus. Das Land hier ist bergig und baumlos, das Klima kalt, stürmisch und rau. Es fehlt die weiche Luft des Golfstroms. Die Rinder, die hergebracht werden, sterben schnell und still in der falben Steppe aus Gras. Und in den Höhlen der ausgefransten Küste verhallt ungehört das donnernde Echo der brechenden Wogen.

Auszug aus "Atlas der abgelegenen Inseln" von Judith Schalansky

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