Baby an Bord Kinder fliegen sicherer in Autositzen

Gerät ein Flugzeug in schwere Turbulenzen oder kommt es zu einer Notlandung, sind Kinder an Bord bisher kaum ausreichend gesichert. Extra Babygurte können sogar lebensgefährlich sein. Nun erlauben erste Airlines die Mitnahme von handelsüblichen Autokindersitzen.


Sicher im Schalensitz: Für die Airlines Atlas Jet, LTU und Condor qualifizierte der TÜV bestimmte Autokindersitze
GMS

Sicher im Schalensitz: Für die Airlines Atlas Jet, LTU und Condor qualifizierte der TÜV bestimmte Autokindersitze

Köln/Braunschweig - Die Anschnallzeichen leuchten auf, das Flugzeug gerät in Turbulenzen. Überall klicken die Sicherheitsgurte, nur für die kleinsten Passagiere gibt es kaum Schutz. Zwar bieten viele Fluggesellschaften auch Babykörbchen an. Bei unruhigem Flug allerdings muss der Nachwuchs auf dem Schoß von Mutter oder Vater Platz nehmen - die das Kind bei extremen Turbulenzen kaum halten können. Doch mittlerweile erlauben die ersten Airlines die Mitnahme von handelsüblichen Autokindersitzen, in denen die Kleinen während des ganzen Fluges sicher sitzen können.

Möglich macht dies ein Qualifizierungsverfahren, das vom Luftfahrtbundesamt (LBA) veranlasst wurde und bei dem der TÜV Rheinland die Kindersitze auf ihr Funktionieren im Flugzeug testet. "Das bezieht sich immer auf die Einsatzmöglichkeiten in bestimmten Flugzeugen bei bestimmten Airlines", erläutert Martin Sperber vom TÜV Rheinland in Köln. Vor einer Reise sollten sich Eltern also im Reisebüro oder direkt bei der Fluggesellschaft erkundigen, ob ihr Sitz für den gewünschten Flug auch zugelassen ist.

Doch der Aufwand lohnt sich: "Zweifelsfrei ist die Unterbringung von Kleinkindern in geeigneten Kinderrückhaltesystemen auch im Flugzeug die beste Transportmöglichkeit", sagt Cornelia Eichhorn vom Luftfahrtbundesamt in Braunschweig. Auch TÜV-Experte Sperber kritisiert die gegenwärtige Praxis, die Kinder bei unruhigem Flug einfach auf den Schoß zu nehmen. Bei schweren Turbulenzen oder gar einer Notlandung treten Beschleunigungen bis zum 16-Fachen der Erdanziehungskraft auf: "Da wird den Eltern das Kind aus den Händen gerissen und fliegt durch die Kabine."

Kind wird zwischen Brust und Beinen zerquetscht

Eine Reihe von Fluggesellschaften, darunter auch der Billigflieger Ryanair, bieten einen extra Babygurt an, den so genannten Loop-Belt. Er wird in den Beckengurt der Eltern eingeklinkt und hält das Kind auf dem Bauch der Eltern fest. Doch der Gurt gaukele Sicherheit nur vor, warnt TÜV-Experte Sperber. Bei Turbulenzen schneide er in den Bauch der Babys ein und werde ruckartig "bis zur Wirbelsäule" durchgedrückt. Zugleich schnellen die Eltern nach vorne, "der Erwachsene zerquetscht das Kind quasi zwischen Brust und Beinen." In den USA etwa sei der Loop-Belt daher komplett verboten.

Als erste Fluggesellschaft wurde die türkische Atlas Jet im Jahr 2003 vom TÜV qualifiziert, es folgten die LTU und Condor. Die LTU bietet bereits vom November an die Möglichkeit, dass Eltern ihre Kleinkinder in einem "Luftikid" oder "Maxi Cosi Mico" mit an Bord nehmen können. Condor hat laut Sprecher Boris Ogursky in Oberursel (Hessen) vier handelsübliche Autokindersitze beim TÜV qualifizieren lassen. Noch stehe allerdings nicht fest, wann die Kunden diese Möglichkeit nutzen können. Bei der Lufthansa hält man sich noch bedeckt: "Es wird wahrscheinlich dazu kommen, aber noch können wir dazu nichts sagen", so eine Sprecherin des Unternehmens in Frankfurt.

Die Entwicklung wird laut Cornelia Eichhorn vom Luftfahrtbundesamt dadurch beschleunigt, dass immer mehr junge Familien das Flugzeug nutzen. Schon jetzt werben die Fluggesellschaften mit ihrem Service um die Allerkleinsten: Im Regelfall können Eltern bevorzugt einsteigen und ihr Kind im eigenen Buggy bis zur Gangway rollen.

Oft gibt es auch spezielle Eltern-Kind-Sitzplätze etwa vor den Trennwänden, an denen Babykörbchen befestigt werden können. Neben - oft allerdings winzigen - Wickeltischen in den Waschräumen bieten manche Fluggesellschaften wie die Lufthansa auf langen Strecken auch ein Baby-Pflege-Set mit Babynahrung, Windeln und Flaschen an.

Wahl zwischen Sicherheit und Spartarif

Bei allen Fortschritten hat die Einführung der Kindersitze aber auch einen gewichtigen Nachteil: Mit den stark verbilligten oder sogar kostenlosen Flügen für Kinder unter zwei Jahren ist es in diesem Fall vorbei. "Es ist klar, dass man für einen Kindersitz einen eigenen Sitzplatz braucht", sagt Boris Ogursky von Condor. Die Tarife stünden jedoch noch nicht fest. Bei der LTU muss zum Preis von 67 Prozent des jeweiligen Flugpreises ein Fensterplatz für den Nachwuchs gebucht werden. Die dafür notwendige telefonische Platzreservierung selbst ist allerdings bei beiden Unternehmen kostenlos.

Eltern werden künftig also immer öfter die Wahl haben zwischen Sicherheit und Spartarif. Eine Reihe weiterer Fluggesellschaften habe die Zulassung von Kindersitzen beantragt, sagt Martin Sperber vom TÜV Rheinland. Neben dem Sicherheitsaspekt spreche noch ein anderes Argument für den Autositz im Flugzeug: "Viele buchen am Zielort ja einen Mietwagen und brauchen dafür ohnehin einen Kindersitz."

Von Thomas Kärst, gms



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