Bahn-Tourismus Odyssee auf Schienen

Nach Mallorca mit dem Zug? Geht nicht? Geht doch: Wer clever ist und viel Zeit mitbringt, kann fast jedes irdische Ziel mit Bahn und Fähre erreichen - auch wenn Reisebüros und Bahn AG meist keine Hilfe sind.


Wer einen Flug nach Mallorca buchen will, geht ins Reisebüro und kommt zehn Minuten später mit dem Ticket wieder heraus. Wer die liebste Urlaubsinsel der Deutschen auf umweltfreundlichere Weise mit dem Zug erreichen möchte, hat es ungleich schwerer.

Selbst eingefleischte Umweltschützer dürften ins Grübeln kommen, wenn sie Mallorca mit dem Zug erreichen wollen
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Selbst eingefleischte Umweltschützer dürften ins Grübeln kommen, wenn sie Mallorca mit dem Zug erreichen wollen

"Ich habe vor einiger Zeit einmal den Test gemacht und mich telefonisch nach dem günstigsten Weg auf die Insel erkundigt", sagt Michael Adler vom Auto-kritischen Verkehrsclub Deutschland (VCD) mit Sitz in Bonn. "Was ich als Auskunft erhielt, war abenteuerlich."

So sollte Adler in Paris eine Übernachtung einschieben. Die Abfahrtszeiten von Fähren in Barcelona konnte ihm niemand nennen. Inzwischen hat Adler, Chefredakteur der Zeitschrift "Fairkehr", notdürftige Abhilfe geschaffen: Für umweltbewusste Urlauber wurde ein Sonderheft erarbeitet, das nicht nur die in Europa geltenden Sparpreise der unterschiedlichen Bahnen zusammenführt, sondern auch Wege zu entlegenen Zielen beschreibt.

Was dort über die Verbindungen nach Spanien zu lesen ist, dürfte indessen auch hartnäckige Umweltfreunde ins Grübeln bringen. So muss beim Umsteigen in Paris erst mit öffentlichen Verkehrsmitteln der Bahnhof gewechselt werden. Erneutes Umsteigen ist spätestens an der französisch-spanischen Grenze fällig.

Zwar sind mit etwas Cleverness fast alle irdischen Ziele auch mit dem Zug erreichbar - aber eben oft nur unter erheblichen Mühen. Adler hat da ganz andere Vorstellungen: "Ich verstehe gar nicht, warum die Bahn nicht zum Beispiel einen Gardasee-Express auf die Schienen stellt - mit Party-Waggon und Gepäckwagen für alle Surfbretter. Das wäre doch toll fürs Image."

Auch Heike Glatzel vom Dresdner Büro der Tourismusberatung Futour kritisiert die Haltung der Bahn: "Der Städtetourismus funktioniert mit der Bahn ja gut. Das Problem ist die Anbindung der Naturregionen."

Glatzel hat mit ihrem Institut eine Stichprobe erhoben, wie in bayerischen Urlaubsorten über die Anreise per Bahn informiert wird. Das Ergebnis war niederschmetternd: Rund die Hälfte der Übernachtungsbetriebe erklärte den Anfahrtsweg mit dem Auto und verwies auf Pkw-Stellplätze vor dem Haus.

Den Bahnverbindungen widmeten sich dagegen nur sechs Prozent. Ein Prozent kam den Urlaubern mit einem Shuttle-Dienst am Bahnhof entgegen. "Dabei handelte es sich nicht um beliebige Gemeinden, sondern um solche, die mit sanftem Tourismus warben", betont Glatzel.

Die Umwelt- und Tourismusberaterin ist sich mit Michael Adler in der Einschätzung einig, dass die Bahn den Tourismus nicht als Chance begreift, sondern ihn zu Gunsten eiliger Geschäftsreisender vernachlässigt. "Für Urlauber geht es ja nicht um pure Geschwindigkeit, sondern um die Reisezeit insgesamt. Die Bahn muss sich da viel stärker als Teil einer Service-Kette begreifen."

Informationen: Das "Fairkehr"-Sonderheft kann unter dem Stichwort "Zügig durch Europa" für zehn Mark plus fünf Mark Versandpauschale bestellt werden beim VCD, Postfach 170 160, 53027 Bonn (Tel.: 0228/985 85 32, Fax: 0228/985 85 10)

Tobias Wiethoff



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