Bahnchaos in Frankreich Zug-Mitarbeiter streiken nach Messerattacke

Tausende Bahnreisende sitzen in Frankreich fest: Wegen eines spontanen Streiks stehen viele Züge still. Die Bahnmitarbeiter reagierten damit auf eine Messerattacke auf einen Fahrkartenkontrolleur.

AFP

Paris - Nach einer lebensgefährlichen Messerattacke gegen einen Fahrkartenkontrolleur haben in Frankreich viele Bahnmitarbeiter die Arbeit niedergelegt. Nach Angaben der Bahngesellschaft SNCF fielen vor allem im Osten des Landes im Schnitt drei von vier Regionalzügen und zwei von drei TGV-Hochgeschwindigkeitszügen aus. Behinderungen gab es auch auf der Strecke Paris-Straßburg.

Am Bahnhof Gare de Lyon im Osten von Paris fuhren nur einzelne Hochgeschwindigkeitszüge auf der Achse in Richtung Marseille ab. Zuvor hatten bereits sämtliche Nachtzüge gestrichen werden müssen. Der Nahverkehr im Großraum Paris funktionierte am Freitagmorgen indes nahezu reibungslos.

Die TGV-Verbindungen nach Stuttgart und München waren demnach aber nicht betroffen, ebenso wenig wie der Hochgeschwindigkeitzug Thalys, der von Paris über Brüssel nach Köln fährt. Auch der Eurostar zwischen Paris und London verkehrte normal. Wie viele der 11.000 französischen Schaffner am Freitag insgesamt im Ausstand waren, konnte die SNCF nicht beziffern.

In einigen Städten wie Lyon, Toulouse, Dijon und am Pariser Bahnhof Gare de Lyon beschlossen die Schaffner im Laufe des Tages, die Arbeit wieder aufzunehmen. SNCF-Chef Guillaume Pepy appellierte an alle Bediensteten, die Streiks zu beenden. Die Fahrgäste dürften nicht bestraft werden, weil ein "Geistesgestörter eine verrückte Tat begangen hat". Auch Verkehrsminister Thierry Mariani sagte, die Arbeitsniederlegungen seien keine "angemessene Antwort". Ein Gewerkschaftssprecher kündigte an, ab kommender Woche solle eine Arbeitsgruppe über eine Verbesserung der Sicherheit in den Zügen beraten.

Brutaler Angriff auf einen Schaffner

Wartende Reisende wurden über Lautsprecheransagen darauf hingewiesen, dass der aktuelle Stand jeweils neu durchgegeben werde. Das Innenministerium richtete ein Krisenzentrum ein, um Tausende festsitzende Reisende zu unterstützen. Die Fahrgäste in Frankreich wurden wegen der Streiks gebeten, auf andere Verkehrsmittel auszuweichen oder ihre Reise zu verschieben.

Zu dem Angriff auf den Zugbegleiter war es am Donnerstag auf der Strecke von Lyon nach Straßburg gekommen. Ein mehrfach vorbestrafter und offensichtlich geistesgestörter Mann hatte in einem Zug von Lyon Richtung Straßburg einen 54-jährigen Schaffner mit mehreren Messerstichen lebensgefährlich verletzt. Er konnte von Bahnmitarbeitern überwältigt und kurze Zeit später festgenommen werden. Der Schaffner wurde in der Universitätsklinik von Besançon notoperiert, sein Zustand sei nun "stabil", wie die Online-Ausgabe der Zeitung "Le Monde" berichtet.

Mit dem spontanen Streik wollten die Bahnmitarbeiter ihre Solidarität mit dem niedergestochenen Kollegen zum Ausdruck bringen. Gleichzeitig wollen sie gegen die ihrer Ansicht nach steigende Gewalt gegen Bahnmitarbeiter protestieren. Offiziell machten sie von ihrem Recht Gebrauch, bei Gefahr für das Leben und die Gesundheit nicht weiterzuarbeiten. Zu den spontanen Arbeitsniederlegungen bis mindestens Freitagmittag hatten Bahngewerkschaften aufgerufen.

Wann der Bahnverkehr sich wieder normalisieren würde, war zunächst unklar. Es wurde damit gerechnet, dass die Streiks den Verkehr zumindest bis Freitagmittag beeinträchtigen. SNCF-Chef Pepy wollte am Freitagvormittag Gewerkschaftsvertreter treffen.

jus/sto/dpa/AFP

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