Bahnfahrer-Erlebnisse Horrorfahrt mit Hitzekollaps

Defekte Klimaanlagen, überfordertes Zugpersonal: Deutschlands Bahnfahrern steht der Schweiß auf der Stirn - vor Überhitzung und Wut. SPIEGEL-ONLINE-Leser berichten von ihren Reisen bei tropischen Temperaturen.

DPA

In der vergangenen Woche bin ich auf der Strecke Bielefeld-Hannover achtmal mit dem ICE gefahren. In JEDEM dieser Züge gab es Wagen mit defekter Klimaanlage - dementsprechend groß war das Gedränge in den klimatisierten Wagen. Ein Totalausfall aller Klimaanlagen war zum Glück nicht dabei.

Reinke Eisenberg, Hannover

Als mein Zug ab Hamburg-Altona abgefahren ist, fiel die Klima-Anlage in einem - nicht in meinem - Waggon aus. Irgendwann nahm dann ein älterer Herr in meinem Abteil neben mir Platz, der sichtlich mit den Nerven fertig war. Er erzählte, dass er sich in die Erste Klasse hatte "retten" wollen, aber dort recht streng darauf hingewiesen worden sei, dass er dann den Erste-Klasse-Tarif zahlen müsse. Das wollte - und konnte? - er aber nicht.

Christiane Petersen, Hamburg

Am Sonntag saß ich im IC 143 von Amsterdam nach Berlin. Ich stieg in Osnabrück ein, der Zug war wegen eines Unwetters in den Niederlanden schon 130 Minuten verspätet. Während der Fahrt fielen in mehreren Wagen die Lüftungen aus, bis auf einen kleinen Schlitz pro Wagen gab es keine Fenster im Zug. Manche Fahrgäste zogen von Waggon zu Waggon, je nachdem wo gerade die Lüftung funktionierte. Ein überforderter Zugbegleiter flitzte von Schaltkasten zu Schaltkasten und startete die Lüftungen immer wieder neu. Zwischendurch noch die Durchsage: "Sollte ein Arzt oder Ersthelfer an Bord sein, kommen Sie bitte in den Wagen 6!"

Jens Twiehaus, Berlin

Im IC 2150 am Freitag, 9. Juli, Ankunft in Erfurt mit 2,5 Stunden Verspätung kurz vor 16 Uhr: Während der Fahrt fiel die Klimaanlage aus. Ein Zugbegleiter ließ sich mindestens zwei Stunden nicht blicken. Dann konnte die Klimaanlage von ihm wieder in Gang gesetzt werden, aber kühler als circa 30 Grad wurde es im Zug nicht. Die schriftliche Bestätigung des Klimaanlagenausfalls auf der Fahrkarte lehnte der Zugbegleiter ab: "Was wollen Se denn? Sie läuft ja wieder."

Dirk Müller

Ich habe aufgrund der Hitze meinen Arbeitgeber davon überzeugen können, mir für 69 Euro ein Erste-Klasse-Sparpreis-Ticket zu buchen. Was ich vorfand war ein unklimatisierter IC, in dem sowohl zwei von drei Erste-Klasse-Waggons fehlten und ebenfalls kein Bistro-/Restaurantwagen vorhanden war. Lediglich in dem vorhandenen Erste-Klasse-Wagen war eine Bistro-Ecke. Diese verfügte jedoch über keine Kühlmöglichkeit, so dass auf die Beschwerde einiger Fahrgäste warmes Wasser verteilt wurde.

Der Schaffner sprach zwar von EINEM Wagon im Zug wo die Klimaanlage funktionieren solle, dieser war allerdings dementsprechend überfüllt. Daher bestand meine Klimaanlage fünf Stunden lang aus einem offenen Fenster bei 200 km/h, dessen Schalldruck nur mit meinen InEar-Kopfhörern auszuhalten war. Heute morgen im IC E705 von Hamburg nach Berlin hatte ich ebenfalls keine Klimatisierung im Wagen

Jens Boonen, Hamburg

Als am Samstag mein IC nach Berlin in Düsseldorf mit 35 Minuten Verspätung endlich losfahren konnte, war der Zug sehr aufgeheizt. Nach einer Stunde Fahrzeit wollte man sich kaum regen vor lauter Hitze. Nachdem ein Schaffner am Regler des Waggons sein Glück versuchte, fing die Lüftung an zu schwanken, so dass zusätzlich noch warme Luft in die Abteile geblasen wurde. Mir gegenüber saß eine ältere Dame, die mit Übelkeit zu tun hatte.

Kurz hinter Wolfsburg blieb der Zug stehen, und wir bekamen die Info, dass es Probleme mit der Lok gäbe, wir aber sobald wir möglich weiterfahren werden. Nach einer Viertelstunde ganz ohne Lüftung, lief der Schweiß in Strömen, es waren gefühlte 50 Grad Celsius. So gut wie alle Passagiere setzten sich in Bewegung, um sich etwas zu trinken zu besorgen. Auf dem Weg zum Bistro gab es Waggons, in denen es so heiß war, dass man kaum atmen könnte. So gut wie niemand saß dort drin. Außerdem roch es so stark nach Schweiß, dass es einem die Luft abschnürte.

Im Bordrestaurant angekommen, gab es auch keine Flaschen mit kalten Getränken, da auch diese Kühlung ausgefallen war. Die einzigen Möglichkeiten, die man hatte, waren Cola, 7Up und Wasser aus einem Becher. Natürlich musste man dafür bezahlen. Zum Glück fuhren wir dann weiter, was leider nichts an dem Gestank änderte, den nun auch die Toiletten abgaben. Mit circa einer Stunde Verspätung erreichten wir dann den Berliner Hauptbahnhof, und ich war froh, diese Horrorfahrt hinter mir zu haben.

Susann Müller

insgesamt 2246 Beiträge
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Seite 1
F. Schneider 12.07.2010
1.
Zitat von sysopJetzt greifen Bundesminister ein: Nach der Klimakatastrophe bei der Bahn mahnt Verkehrsminister Ramsauer eine schnelle Überprüfung der Züge an. Der Schienenkonzern sucht noch nach dem Fehler - und gibt jetzt weitere Ausfälle der Kühlanlagen zu. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Früher konnte man einfach das Fenster runterziehen. Das waren noch Zeiten.
Carnival Creation, 12.07.2010
2. .
Wachstum, Wachstum über alles... Solange nur die Gier des Neoliberalen Managements der Bahn zählt, muß man ich über solche unfassbaren Peinlichkeiten nicht wundern. Aber wie konnte man denn auch AHNEN, daß wir so ein heißes Wetter kriegen würden? Davor warnen die 'Klimahysteriker' ja schließlich erst seit 20 Jahren.... Das Spiel beginnt! Jetzt!
idealist100 12.07.2010
3. Hauptsache
Zitat von sysopJetzt greifen Bundesminister ein: Nach der Klimakatastrophe bei der Bahn mahnt Verkehrsminister Ramsauer eine schnelle Überprüfung der Züge an. Der Schienenkonzern sucht noch nach dem Fehler - und gibt jetzt weitere Ausfälle der Kühlanlagen zu. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Hauptsache Gewinn und Marktreif zum verscherbeln. Wo sind die Verantwortlichen ?? Unterdimensionierte Anlagen ausgelegt auf max. 30 Grad schalten bei höheren Temperaturen einfach zur Sicherheit ab.
robert_t_offline 12.07.2010
4.
Zitat von F. SchneiderFrüher konnte man einfach das Fenster runterziehen. Das waren noch Zeiten.
Jo das macht bei 300 sicher Spass ^^ Jetzt sagen sicher manche "Ja dann sollen se langsamer fahren" und dann maulen die anderen "Dann bin ich ja ewig unterwegs" :D Da simmer wieder in Deutschland..kann mer meckern ^^
buktu1975 12.07.2010
5. Das ist doch nix neues...
Das ist doch nichts neues: Hatte ich schon mal im ICE im Rekordsommer 2003. Klimaanlage defekt und lauschige gefühlte (und wahrscheinlich reelle) 50° im Abteil. Der Schaffner hat immerhin kühle Drinks ausgegeben. Ich dachte, die hätten mittlerweile dazugelernt. PS: Im Nahverkehr zum Flughafen hatte ich kürzlich eine klimatisierte S-Bahn! Ich war erstaunt!
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