Bahnfahrplan-Krise in Frankfurt "Schlimmer wäre ein Unfall"

Zugausfälle, Verspätungen und Ersatzzüge: Am Frankfurter Hauptbahnhof verkünden die Anzeigetafeln stetig Fahrplanänderungen. Die Passagiere sehen es meist gelassen. Insgesamt bleibt trotz des Ausfalls zahlreicher ICE-Verbindungen ein Chaos auf den Bahnhöfen aus.

Frankfurt/Main - Eben noch glaubte Andrea Simon an eine gemütliche ICE-Fahrt von Frankfurt nach München, nun blickt sie unbequemen Stunden zwischen stehenden Fahrgästen entgegen. "Ich finde das eine Unverschämtheit", sagt die Mutter mit drei Kindern im Schlepptau. Die reservierten vier Plätze für Familie Simon im Wagen 34 wird es an diesem Samstag nicht geben. ICE 621 nach München ist halb so lang wie sonst. Zu den fehlenden acht Wagen gehört auch jener mit der Nummer 34.

"Ich kann es nicht fassen", schimpft Simon. Doch die Anzeigetafeln im Hauptbahnhof Frankfurt verkünden in Endlosschleifen fehlende Wagen, ausfallende ICE-Fahrten und verspätete Ersatzzüge. Die Bahn zieht wegen der ungeklärten Sicherheit der Achsen fast alle ihrer 67 Hochgeschwindigkeitszüge vom Typ ICE T mit Neigetechnik bis auf weiteres aus dem Verkehr.

An den Gleisen 5, 6 und 7 wird der Frankfurter Hauptbahnhof vom Knotenpunkt des Bahnnetzes zum Zentrum der deutschen Fahrplankrise. Hunderte Fahrgäste drängeln sich. Hier fällt ein ICE Richtung Flughafen und Wiesbaden aus - eine Durchsage schickt die Reisenden zur S-Bahn.

Hier wartet Andrea Simon auf ihren halbierten Zug. Und hier fährt ein Ersatzzug aus Sachsen ein, dessen alte IC-Wagen einen schnittigen ICE ersetzen. Die 19-jährige Maria-Eva Koch sagt: "Ich weiß noch gar nicht, wie ich nun weiter nach Köln komme." Wut auf die Bahn hat sie nicht. "Es geht ja um die Sicherheit", sagt sie. "Und das Personal im Ersatzzug war gut drauf - dafür, dass es an dem ausgelassen wird."

Bahn: Verkehr läuft stabil

Trotz der Schwierigkeiten in Frankfurt hält sich das befürchtete Chaos auf den deutschen Bahnhöfen in Grenzen. Der Ersatzfahrplan greife und der Verkehr laufe stabil, teilte die Bahn am Samstagmittag in einer ersten Bilanz mit. Größere Probleme gebe es lediglich zwischen Berlin, Leipzig und München, wo es zu Verspätungen von bis zu 30 Minuten kommt. Zwischen Frankfurt/Main und Leipzig verkehrten die Züge mit bis zu 15 Minuten Verspätung.

Auf den Bahnhöfen, wo zusätzliches Personal eingesetzt werde, laufe der Betrieb weitestgehend normal. Für den Sonntag empfiehlt die Bahn, möglichst frühe Züge zu nehmen, und Verbindungen am Nachmittag oder frühen Abend wegen des starken Fahrgastaufkommens zu meiden.

Gelassen lehnt auch Rentner Kurt Seidel an der Rückseite einer Wurstbude. Er hatte aus der Zeitung vom Ausfall seiner Verbindung erfahren. Nun wartet er in Frankfurt vor Gleis 5 auf einen Zug nach Leipzig. Drei Stunden wird er länger unterwegs sein. "Schlimmer wäre ein Unfall wegen einer beschädigten Achse", sagt der 79-Jährige. Den Kopf schüttelt er über die ICE-Hersteller: "Ich verstehe nicht, dass unsere Industrie so einen Pfusch abliefern kann." Die Bahn informiert auf Flugblättern über "nicht belastbare Garantien der Hersteller".

Doch am Infoschalter in der Haupthalle sind am Vormittag nur zwei der vier Arbeitsplätze besetzt. "Wir haben uns selber informiert", sagt die Reisende Claudia John. Sie kommt von einem Kanaren-Urlaub zurück. "Am Nachmittag soll es ja noch schlimmer werden", habe sie gehört und lacht. Gelassen wie Claudia John ist an Gleis 6 Pena Vega, die mit Begleitern aus den Ferien auf Kuba zurückkehrt. "Wir profitieren eher", sagt sie. Der gebuchte ICE fällt aus, sie dürfen einen Zug früher fahren.

Auf dem Gleis gegenüber steigt Gabriela Osterkamp aus einem kurzen ICE aus München. "Wir kamen kaum durch, in den Gängen stapelten sich die Koffer", schildert sie. "Aber es gibt wirklich Schlimmeres." Anders als Mutter Simon hatte sie Glück in der Sitzplatzlotterie: Der Wagen mit ihrem reservierten Platz war dabei.

Frank van Bebber, dpa

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