Bahnstreik Zwei Drittel der Züge fallen aus

Bahnkunden bekommen den Lokführerstreik mit voller Wucht zu spüren. Im Regionalverkehr wurden zum Teil fast alle Verbindungen gestrichen, auf den Straßen bilden sich kilometerlange Staus.

Hauptbahnhof in Frankfurt am Main: Zwei Drittel der Verbindungen musste die Bahn wegen des Streiks streichen
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Hauptbahnhof in Frankfurt am Main: Zwei Drittel der Verbindungen musste die Bahn wegen des Streiks streichen


Berlin - Bundesweit stehen Pendler und Geschäftsreisende vor leeren Gleisen. Der bisher längste Lokführerstreik bei der Deutschen Bahn hat am Mittwoch im Güterverkehr begonnen. Um 2 Uhr nachts weitete die Gewerkschaft GDL den Ausstand auf den Personenverkehr aus.

Im Fernverkehr fallen seitdem zwei Drittel der Verbindungen aus. Im Regionalverkehr sind die Streikauswirkungen unterschiedlich spürbar - während in Süddeutschland etwa 60 Prozent der Züge nicht fahren, sind es in Westdeutschland 70 Prozent und in Ostdeutschland sogar bis zu 85 Prozent. Dort ist die GDL am besten organisiert.

Die Züge fahren "ausgedünnt, aber weitgehend stabil", teilte die Deutsche Bahn mit. Reisende und Pendler seien dennoch von massiven Beeinträchtigungen betroffen. "Sie müssen sich auf Zugausfälle einstellen und mit längeren Reisezeiten rechnen." Die Bahn sei bemüht, einen "reduzierten, aber verlässlichen" Zugverkehr zu gewährleisten". Jeweils 24 Stunden im Voraus soll ein Notfallfahrplan veröffentlicht werden, der alle fahrenden Züge auflistet.

Am Wochenende werden Fußballfans wie während des Streiks im Oktober und auch die Besucher der Mauerfall-Feiern in Berlin nur schwer an ihr Ziel gelangen. Deutschlandweit werde das Zugangebot zu den Bundesliga-Spielen ebenso wie der S-Bahn-Verkehr in Berlin sehr eingeschränkt, sagte ein Bahnsprecher am Berliner Hauptbahnhof.

Bahnfahrer haben schon am Mittwoch begonnen, sich nach alternativen Verkehrsmitteln umzuschauen. Die Buchungen bei den Fernbusunternehmen schossen in die Höhe, Mietwagen sind verstärkt nachgefragt - und so manches Fahrrad wurde wohl wieder aus dem Keller geholt.

Bahnstreik könnte zu Kraftstoffengpässen führen

Vor allem auf den Straßen rund um und in den Großstädten ist das Verkehrsaufkommen durch den Streik der Bahn deutlich erhöht, sagt Klaus Reindl vom Verkehrsklub ADAC. Betroffen seien von Hamburg über Hannover bis München alle Ballungsgebiete, vor allem aber Nordrhein-Westfalen. Im Osten Deutschlands sehe die Lage normal aus. Pendelnde Autofahrer müssten mit deutlich längeren Fahrzeiten rechnen. Anders sieht es auf den Fernstraßen aus, dort macht sich laut Reindl der Streik wenig bemerkbar.

Angesichts der Verlagerung des Personen- und auch des Güterverkehrs auf die Straße unkt die Logistikbranche schon über Engpässe bei der Kraftstoffversorgung. Raffinerien hätten Probleme, die Tankstellen zu beliefern, sagte Gunnar Gburek vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik dem Sender MDR Info. Er rechne mit Engpässen "spätestens Sonntag oder Montag".

Besonders hart werde der Bahnstreik die Auto-, Stahl-, und Chemiebranche treffen. Es werde "auf jeden Fall Produktionsausfälle" geben. Wenn die Logistikkette ins Stocken gerate, werde es bis Mitte der kommenden Woche dauern, bis sich die Abläufe wieder normalisiert hätten, betonte Gburek.

Die Mitglieder der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) wollen mit dem Arbeitskampf fünf Prozent mehr Lohn bei kürzeren Arbeitszeiten durchsetzen. Umstritten ist aber, dass die GDL dies nicht allein für die 20.000 Lokführer verlangt, sondern auch für rund 17.000 Zugbegleiter und Rangierführer. Die Vertretung dieser Gruppe beansprucht die größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) für sich. Die Bahn lehnt konkurrierende Gehaltsabschlüsse ab.

Kritik vom Unterstützer Beamtenbund

Kritik an dem Vorgehen der GDL im Tarifstreit kommt auch vom Deutschen Beamtenbund (DBB), der bislang hinter der GDL stand und deren Streik finanziell unterstützt. Die GDL habe am Mittwoch die Schlichtung mit der Bahn abgelehnt, "das war nicht abgestimmt mit uns", sagte DBB-Chef Klaus Dauderstädt im ARD-"Morgenmagazin". "Ich hätte der GDL empfohlen, sich auf eine Schlichtung einzulassen."

Dauderstädt hält ein sofortiges Einlenken der Lokführergewerkschaft für möglich, sobald die Bahn "faire Verhandlungen auf Augenhöhe" zusage. Er könne sich dann einen Vorschlag der GDL vorstellen, "den Streik auf der Stelle zu beenden". Der Chef des Beamtenbundes kritisierte auch die Bundesregierung. Die hätte das Staatsunternehmen dazu drängen müssen, der Gewerkschaft "endlich ein faires Verhandlungsrecht einzuräumen, dann wäre der ganze Streit gar nicht entstanden".

Wie Sie trotz Streik an Ihr Ziel kommen? Hier finden Sie den Service zum Streik.

Überblick: Der Tarifkonflikt bei der Bahn
Was will die GDL?
Die GDL fordert fünf Prozent mehr Lohn bei kürzeren Arbeitszeiten. Zusammengerechnet ergibt sich eine Steigerung von 15 Prozent. Weselsky will zudem künftig nicht nur Tarife für die rund 19.000 Lokführer aushandeln, sondern auch für die Zugbegleiter und Rangierführer unter den GDL-Mitgliedern. Bislang wurden diese von der Eisenbahn und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vertreten.
Was bietet die Bahn?
Die Bahn bietet eine dreistufige Einkommenserhöhung um fünf Prozent, verteilt auf 30 Monate. Dazu eine Einmalzahlung von rund 325 Euro. Konkurrierende Tarifverträge innerhalb einer Berufsgruppe will der Konzern aber in jedem Fall vermeiden. Die Bahn hatte angeboten, bei Tarifgesprächen künftig parallel mit GDL und EVG zu verhandeln. Sollte dann nur eine Gewerkschaft einem Kompromiss zustimmen, soll dieser auch nur für ihre Mitglieder gelten. Die andere Gewerkschaft soll nach Willen der Bahn dann aber nicht mehr streiken dürfen.
Was kosten Bahnstreiks die Wirtschaft?
Streiks bei der Deutschen Bahn kosten die Wirtschaft nach Prognose von Forschern schnell einen dreistelligen Millionenbetrag, abhängig von Länge und Intensität. "Bei durchgängigen Streiks von mehr als drei Tagen sind in der Industrie Produktionsunterbrechungen zu erwarten", schreibt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). "Die Schäden können dann schnell auf mehr als 100 Millionen Euro pro Tag steigen."

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nick115 06.11.2014
1. Benzinmangel?
Also für Köln und Umland liefert die Shell Raffinerie in Wesseling Benzin und Diesel. Mir war bisher unbekannt, dass diese Flüssigkeiten mit der Bundesbahn zu den Tankstellen gefahren werden....Soll mal zur Abwechslung der Dieselpreis dauerhaft über 1,34 € liegen und man braucht ne Begründung?! Aber Hauptsache die Medien drucken jede nicht belegte Behauptung mal wieder ab. Lächerlich!
joemcbro 06.11.2014
2. Der Grund?
Und alles nur, weil sich ein Herr Weselsky gerne groß fühlen möchte.
KingTut 06.11.2014
3. Ein Drittel fällt nicht aus!
Erfreuliche Nachricht, dass ein Drittel aller Züge nicht ausfallen. Es gibt auch Züge, die planmäßig fahren, wie ich von Bekannten erfuhr. Meine Hochachtung an alle Lokführer, die nicht streiken!
carolian 06.11.2014
4. Nein, wirklich?
Dann fahren ja 1/3 der Züge. Welch ein Erkenntnisgewinn aus Platitüde. Und ich wollte mir schon ein Überlebenskit im praktischen Grossrucksack kaufen.
Anwalt55 06.11.2014
5. Pro Streik
Keinerlei politische Einmischung und schon gar keine Einschränkung des Streikrechtes zugunsten der Gewinnmaximierung für Manager, Vorstände und Aktionäre auf den Rücken der arbeitenden Bevölkerung. 1,66 Millionen Euro verdiente Bahnchef Grube 2013 geteilt durch Lokführergehaltsdurchschnitt von (2700 Euro brutto/mtl x 12 32.400 Euro = 51 "Lokführer" Wer der Meinung ist, dass der Bahnchef (man bedenke, dies ist nur der eine "Chef", exklusive der anderen Vorstände und Manager) soviel arbeitet/ erarbeitet bzw. verdient wie 51 Lokführer, der sollte diese Seite nicht liken...
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