Bahnunglück bei Hordorf Verkehrsexperte hält Unfallzug für veraltet

Schwere Vorwürfe gegen Bahnunternehmen: Bei dem Unglück in Sachsen-Anhalt hätten Todesfälle vermieden werden können, sagte ein Verkehrsexperte der Zeitung "Die Zeit" - die Züge hätten wie viele auf deutschen Gleisen nicht den EU-Normen entsprochen. Die Bahnindustrie weist die Kritik zurück.

DPA

Berlin - Bei dem schweren Bahnunglück in Sachsen-Anhalt am Wochenende hätte es nach Ansicht eines Verkehrsexperten weniger Tote geben können, wenn die Züge nach EU-Normen gebaut worden wären. Knautschzonen an den Triebwagen des Personenzugs und an der Lok des Güterzugs hätten Menschenleben retten können, sagte der Leiter des Fachgebiets Schienenfahrzeuge der Fakultät für Verkehrs- und Maschinensysteme an der Technischen Universität Berlin, Markus Hecht, der Wochenzeitung "Die Zeit".

Laut Vorabbericht vom Mittwoch sagte er weiter: "Während die Bahnen in Frankreich und den Niederlanden die EU-Sicherheitsstandards schon vor Inkrafttreten befolgten, werden in Deutschland noch immer Züge neu gebaut, die sie nicht erfüllen. Das Beharrungsvermögen ist bei der deutschen Eisenbahn besonders ausgeprägt." Die Bahnindustrie wies die Kritik zurück.

Die meisten ICE und auch der in Sachsen-Anhalt verunglückte Zug aus zwei fast neuen Triebwagen des Herstellers Alstom seien nicht mit den erforderlichen Knautschzonen ausgestattet, sagte Hecht der Zeitung. Den EU-Normen von 2009 zufolge sollen der Lokführer und alle Insassen den Frontalzusammenstoß ihres Zuges mit 36 km/h, eine Kollision mit einem auf dem Gleis stehenden 80 Tonnen schweren Güterwagen sowie den Zusammenprall mit einem Lastwagen an einem Bahnübergang überleben.

Dem Experten zufolge würden mehr als 90 Prozent aller Personenzüge auf deutschen Gleisen den im EU-Recht vorgeschriebenen Crashtests nicht genügen. Das Ignorieren der Vorschriften ist laut Hecht nur deshalb zulässig, weil die Züge ohne ausreichende Knautschzone nur innerdeutsche Strecken befahren. Rechtlich verbindlich sei die EU-Norm nur für den grenzüberschreitenden Verkehr.

Bahnindustrie: Kritik ist spekulativ und unseriös

Der Verband der Bahnindustrie (VDB) in Deutschland wies die Kritik zurück. Die Analyse von Schäden im Zusammenhang mit jüngsten Unfällen im Schienenverkehr sei die Aufgabe von Expertenkommissionen. "Mutmaßungen im Vorgriff auf deren Erkenntnisse sind reine Spekulation und in keiner Weise seriös", sagte VDB-Geschäftsführer Axel Schuppe.

Die in Deutschland gefertigten Züge seien sicher und entsprächen immer den Normen und Gesetzen. Die EU-Norm zu den Anforderungen bei Crashs gelte seit Inkrafttreten für alle begonnenen Neuentwicklungen von Schienenfahrzeugen.

Auch ein Sprecher der Deutschen Bahn reagierte "mit Unverständnis" auf die Äußerungen Hechts. "Seit Inkrafttreten der EU-Norm im Jahr 2009 bestellen wir alle neuen Fahrzeuge gemäß dieser Norm", sagte er. Ein Nachrüsten älterer Fahrzeuge sei oft schon aus technischen Gründen nicht machbar.

Ein Sprecher des Schienenfahrzeugherstellers Bombardier sagte, das Unternehmen fertige seine Züge nach den anerkannten Regeln der Technik und auf Basis der für den jeweiligen Markt geltenden aktuellen Sicherheitsvorschriften. "Anders sind Zulassungen auch nicht zu bekommen", fügte er hinzu. Die eingesetzten Fahrzeuge hätten einen erheblichen Anteil daran, "dass die Schiene der sicherste Verkehrsträger in Deutschland ist".

Bei dem Zugunfall auf der Strecke Halberstadt-Magdeburg wurden am Samstagabend zehn Menschen getötet und 43 verletzt.

Matthias Jekosch, dapd




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