Projekte für Menschen mit Behinderung Uneingeschränkt reisen

Zu enge Türen, unebene Pfade oder unflexible Hilfe bei der Bahn - dies kann Menschen mit Behinderungen das Reisen verleiden. Projekte wie "Reisen für Alle" zeichnet Regionen und Angebote für ihre Barrierefreiheit aus.

Dietmar Denger / Alpenregion Tegernsee Schliersee / dpa-tmn

Wenn Menschen mit Behinderungen auf Reisen gehen, sind sie mehr als andere darauf angewiesen, dass sie exakt das vorfinden, was sie gebucht haben. "Eine einzelne Stufe ist im normalen Rollstuhl vielleicht noch machbar", erklärte Peter Epp vom Zentrum selbstbestimmt Leben auf der Reisemesse CMT in Stuttgart. Mit einem schweren elektrischen Rollstuhl, wie er selbst ihn fährt, wird sie unter Umständen zum unüberwindbaren Hindernis.

Wer Einschränkungen hat, geht immer noch seltener als andere auf Reisen - und zwar unabhängig von der Altersgruppe. Eine Befragung im Jahr 2016 im Rahmen der FUR-Reiseanalyse ergab: Während im Schnitt etwa 80 Prozent der Deutschen eine Urlaubsreise pro Jahr antreten, sind es unter den Menschen mit Behinderung nur 45 Prozent.

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Barrierefrei reisen: Projekte in Deutschland

"Wir wollen das ändern, wir wollen die Teilhabe möglich machen", sagt Rolf Schrader vom Projekt "Reisen für Alle" beim Deutschen Seminar für Tourismus. Die vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Initiative kennzeichnet seit 2014 Reiseangebote in Deutschland für ihre Barrierefreiheit. Etwa 2200 wurden bislang überprüft.

Tegernsee Schliersee: Drei barrierefreie Wanderwege

Was das bedeuten kann, hat Holger Wernet erlebt. Er ist Produktmanager Wandern in der Alpenregion Tegernsee Schliersee. 2016 ließ die Region Angebote von "Reisen für Alle" zertifizieren. Bei den Wanderwegen wurde es eng. "Man denkt nicht, wie schwierig es ist, eine Strecke zu finden, die wirklich barrierefrei ist", sagt Wernet. Denn das Problem ist nicht die Beschaffenheit der Wege. Für Rollstuhlfahrer darf die maximale Steigung nach den Kriterien nur sechs Prozent betragen. "Das ist fast nichts", sagt Wernet.

Am Ende wurde man am Spitzingsee auf mehr als 1000 Metern Höhe fündig, und auch rund um den Suttensee ist ein Wanderweg für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen geeignet. Insgesamt hat die Region nun drei Wanderwege als barrierefrei auszeichnen können. Hinzu kommen weitere Wege, bei denen Begleitpersonen empfohlen sind, und Angebote wie Kletter- und Skikurse für Rollstuhlfahrer.

Isny im Allgäu: Vier "Komfortwege"

Im Zuge des demografischen Wandels wird Barrierefreiheit auch für ältere Menschen immer mehr zum Thema. Die Erfahrung hat man auch in Isny im Allgäu gemacht: "Zu 70 Prozent findet hier der Tourismus in Reha-Kliniken statt", sagt Bianca Keybach, Geschäftsführerin bei Isny Marketing.

Jetzt hat die Stadt gemeinsam mit der Nachbargemeinde Maierhöfen erstmals vier barrierefreie "Komfortwege" ausgewiesen. Menschen, die nicht gut zu Fuß sind, haben etwa die Wahl zwischen einem 1,7 Kilometer langen Spazierweg oder einer 4,5 Kilometer langen Tour durch ein Naturschutzgebiet.

Ostfriesland: Lichtsignale in Ferienwohnungen

Als erste Region wurde Ostfriesland von "Reisen für Alle" zertifiziert. Einzelne Orte wie Borkum oder Langeoog mussten dafür gewährleisten, dass nicht nur die Touristeninformation, sondern auch Unterkünfte und Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung entsprechend ausgestattet sind.

Hier bemüht man sich inzwischen, Barrierefreiheit weiterzudenken. Neben Menschen mit Gehbehinderung denke man an jene, die beim Sehen und Hören eingeschränkt sind. Dazu gehören neben Prospekten in Blindenschrift auch Ferienwohnungen mit Lichtsignalen statt Klingeln. "Auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen haben wir dabei im Fokus", sagt Wiebke Leverenz von Ostfriesland Tourismus.

Häufig genug werde Barrierefreiheit nur von Gehbehinderungen aus gedacht, klagt Rüdiger Leidner, Vorstand des Vereins Tourismus für Alle Deutschland (Natko). "Für ganz viele ist da noch nichts dabei, und das liegt nicht an den Kosten." Denn Hotels für Schwerhörige und Sehbehinderte zu gestalten, sei bei jeder Renovierung möglich. Dazu gehörten besonders kontrastreiche Beschriftungen für Menschen, die schlecht sehen, oder Induktionsschleifen, mit deren Hilfe Audiosignale an Hörgeräte übertragen werden können.

Bundesgartenschau: Rückzugsräume und Sauerstofftankstelle

Bei der diesjährigen Bundesgartenschau (Buga) in Heilbronn hat man sich bemüht, an all das zu denken. Ein Infostand für Gehörlose, wo Menschen in Gebärdensprache kommunizieren, gehört ebenso dazu wie Speisekarten in Braille-Schrift und taktile Markierungen am Boden. Auch eine Sauerstofftankstelle für Menschen mit Atemhilfe hat man in Heilbronn eingerichtet, ebenso wie Rückzugsräume für Menschen, die zwischendurch etwas Ruhe brauchen. Auch als Arbeitgeber will die Buga Menschen mit Behinderungen einbinden.

Dafür wird der Veranstalter neben drei weiteren Angeboten auf der Reisemesse CMT vom Zentrum selbstbestimmt Leben mit dem "Goldenen Rollstuhl" ausgezeichnet - noch bevor die Buga im April überhaupt ihre Tore öffnet. Besonderen Wert habe man auf den Umbau des Hauptbahnhofs gelegt, sagt Hanspeter Faas, Geschäftsführer der Buga Heilbronn.

Deutsche Bahn: App "DB Barrierefrei"

Denn die Anreise, das ist auch die Erfahrung von Peter Epp, ist immer noch ein großes Hindernis. Wenn an einer S-Bahn-Station der Fahrstuhl nicht funktioniert, ist er aufgeschmissen. Ein großes Hindernis sei, dass die Bahn bei Reisen ins Ausland zwei Tage im Voraus wissen wolle, wann jemand verreist. Innerhalb Deutschlands müssen die Reisen am Vortag bis 20 Uhr bei der Mobilitätszentrale angemeldet werden. Doch: "Was ist, wenn ich kurzfristig weg muss?", fragt sich der Mann im Elektrorollstuhl. Er setzt sich daher meist lieber ins Auto.

Bei der Bahn bemüht man sich einer Sprecherin zufolge seit 15 Jahren, Menschen mit Behinderungen eine möglichst selbstbestimmte Mobilität zu ermöglichen. Dazu gehört auch die App "DB Barrierefrei", die auflistet, welche Aufzüge und Rolltreppen aktuell funktionieren, und Anzeigen an den Bahnhöfen akustisch oder visuell wiedergibt. Doch alle Hilfen im virtuellen Raum sind nutzlos, wenn die Menschen gar nicht erst zum Zug kommen. Bundesweit sind von rund 5400 Bahnhöfen erst knapp 80 Prozent stufenlos erreichbar.

Am Ende zählen aber nicht nur die Möglichkeiten, um Menschen mit Behinderungen zum Reisen zu bringen, ist Peter Epp überzeugt. "Es kommt immer darauf an, wie die Leute informiert werden", sagt er. Wenn entsprechende Angebote bekannter werden, ist er überzeugt, werden sich auch mehr auf den Weg machen.

Annika Grah, dpa



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