Beschwerdebriefe Wegen der Expo eine Thrombose

Mehr als ein Vierteljahr nach dem Ende der Weltausstellung in Hannover arbeiten die Mitarbeiter der Reklamationsabteilung immer noch die Beschwerden ab. Unter den Posteingängen befindet sich auch manche Kuriosität.


Hannover - Umgeben von unzähligen Ordnern, Ablagefächern und einem Wust von Briefen sitzt Britta Hodgkinson an ihrem Schreibtisch. Da klingelt das Telefon: "Ich habe ihnen schon vor zwei Wochen mein Ticket geschickt, aber die 20 Mark noch nicht erstattet bekommen", dröhnt es aus dem Hörer. Hodgkinson ist Teamleiterin der Reklamationsabteilung bei der Expo-Gesellschaft in Liquidation (Expo i. L.) in Hannover. Zusammen mit ihren neun Mitarbeitern kümmert die 25-Jährige sich um Beschwerden der Expo-Besucher.

"Eine Dame wollte die Entwicklungskosten für ihren Film erstattet haben"
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"Eine Dame wollte die Entwicklungskosten für ihren Film erstattet haben"

Im Juli 2000 hatte die Expo GmbH die Eintrittspreise zur Weltausstellung unter anderem für Senioren verbilligt und die Gebühren für die Parkplätze gestrichen. Viele Besucher hatten deswegen im Vorverkauf zu viel Geld für ihre Eintrittskarten bezahlt. Bis zum 6. November konnten die Erstattungsanträge eingereicht werden.

"Im Januar dieses Jahres hatten wir 22.000 Anfragen vorliegen, mittlerweile sind es noch 15.000", sagt der Bereichsleiter für Tourismus und Ticketing der Expo i. L., Ilja Wegner. Dabei ließen sich die Briefe in drei Kategorien einteilen. "Da sind reguläre Rückerstattungen, beispielsweise wenn Konzerte auf der Expo ausgefallen sind, und so genannte Kulanzerstattungen, insbesondere nach den Preisnachlässen im Juli. Die dritte Kategorie sind Reklamationen aus teils irrsinnigen Gründen."

"Eine Dame wollte die Entwicklungskosten für ihren Film erstattet haben", erinnert sich die Teamleiterin. Der Grund: Auf der Expo war es so windig gewesen, dass die Haare der Besucherin vor die Kamera wehten und so auf den Bildern zu sehen waren. Ein anderer behauptete, er habe wegen der Expo eine Thrombose bekommen: Der Mann musste beim Flambee, der abendlichen Feuer-Show, stehen. Ein weiterer Besucher beschwerte sich, weil er erst auf dem Gelände festgestellt habe, dass die USA gar nicht bei der Weltausstellung vertreten waren. Auch er wollte sein Geld zurück.

Hodgkinson nimmt die unzähligen Reklamationsschreiben und Anrufe mit Humor: "Jeder dieser Briefe ist wie eine Wundertüte. Man weiß nie, was kommt." Dabei gebe es auch viele lustige und nette Geschichten. "Wir bekommen nicht nur Mecker- sondern auch Dankesbriefe mit Fotos und selbstgemalten Bildern." Sie erinnert sich an den Brief einer Familie aus Süddeutschland. Haarklein schilderte sie darin die Geschichte ihres "Expo-Tages", der wegen eines Rohrbruchs ausfallen musste. "Da erstatten wir natürlich die Eintrittskarten - und das ist reine Kulanz."

Auch vor Betrügern sind die Mitarbeiter nicht gefeit. "Viele versuchen es immer wieder, entweder unter einem anderen Vorwand oder jeweils mit ein und demselben Ticket", sagt Wegner. Deswegen müsse jede einzelne Anfrage geprüft werden. "Jeder, der berechtigten Anspruch hat, bekommt sein Geld zurück - spätestens bis zum 30. Juni", verspricht er. Bis dahin aber müssen Hodgkinson und ihre Mitarbeiter noch viele Briefe öffnen, lesen, prüfen und beantworten.



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