Mein Lieblingswinterziel Filefjell, die Pistenraupe und ich

Anders Gjengedal / Visitnorway.com

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Ich habe einen Wintersehnsuchtsort. Ich war schon Jahre nicht mehr dort, und trotzdem lässt er mich nicht los. Er heißt Filefjell und liegt in Norwegen. Am Königsweg, der alten Reiseroute zwischen Ost und West.

Ich war ein Teenager und zu einem der letzten Urlaube mit meinen Eltern und meiner kleinen Schwester dorthin aufgebrochen. Ich wollte Snowboardfahren - und wie.

Der Weg dorthin war eine richtige Reise. Wir fuhren erst mit der Fähre nach Oslo, dann mit dem Auto weiter, noch einen halben Tag. Rechts und links der Straße stand der Schnee mindestens einen Meter hoch, auch den Asphalt bedeckte eine durchgehende, festgefahrene Schneedecke. Nur hin und wieder ein paar vereinzelte Häuser, rotes Holz, kleine Fenster, auf dem Dach eine dicke, weiße Mütze.

In Filefjell angekommen, war ich erst mal maßlos enttäuscht. Das Skigebiet war winzig, ein einziger Tellerlift ging rund zwei Kilometer den Berg rauf. Und der lief noch nicht einmal, wir waren eine Woche vor Saisoneröffnung in Filefjell angekommen. Immerhin war die Piste schon präpariert, warum auch immer. Außer mir und dem Fahrer der Pistenraupe war niemand im Skigebiet.

Eine Woche lang schleppte ich jeden Tag mein Snowboard den Berg hinauf und fuhr im feinsten Pulverschnee neben der Piste wieder runter. Fast jede Nacht schneite es, meine Spuren vom Vortag waren weg. Ich hatte den ganzen Berg für mich allein. Nach einer Woche dann öffnete das Skigebiet, doch selbst dann war nicht viel los.

Und genau deswegen muss ich immer wieder an Filefjell zurückdenken. Ich war danach noch oft im Skiurlaub, in der Schweiz, in Österreich, in Italien. Und ja, Skifahren kann man da bestimmt besser, es gibt mehr Pisten, mehr Lifte, mehr alles. Aber mehr Winter gibt es in Filefjell. Nirgendwo habe ich die kalte Jahreszeit so unverfälscht erlebt wie dort. Und nirgendwo war ich mit dem Winter so allein.

Nachts aus der Tür hinaus ins Freie treten. Die schneidende Kälte spüren. In den Himmel blicken, der so klar ist, und in dem die Sterne so hell funkeln, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe. Auf der Erde alles bedeckt von Schnee, der auch in der Nacht leuchtet. Vereinzelt über die Berge verstreut kleine Lichtpunkte, die kleine, rote Häuser markieren, deren Wärme hinter den Fenstern man auch aus der Ferne spüren kann. Stille, kein Geräusch ist zu hören. Dann zurück in die Hütte gehen, sich vor das knisternde Kaminfeuer setzen: Das ist Winter.

Es wird Zeit, wieder nach Filefjell zu fahren.



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