Boom der Minijets Taxi über den Wolken

Klein, leicht, mit kurzer Landestrecke - die Minijets sind im Anflug. Die zweistrahligen Düsenflugzeuge sind in den USA bereits der Renner, in Europa erwacht das Interesse. Kritiker befürchten, dass die Kleinen im dichten europäischen Luftraum große Jets behindern.


Frankfurt/Main - Sie sind klein, leicht, vergleichsweise günstig und sollen nach dem Willen der Hersteller den Luftverkehr revolutionieren: Minijets oder Very Light Jets (VLJ) sind der letzte Schrei in der Branche und dringen langsam auch auf den europäischen Markt vor. Zielgruppe sind wohlhabende Privatleute, Geschäftsreisende und vor allem Firmen, die mit den Miniflugzeugen Lufttaxiverbindungen anbieten wollen.

Cessna Citation in Australien: Die VLJ benötigen eine kürzere Landebahn als große Passagiermaschinen.
REUTERS

Cessna Citation in Australien: Die VLJ benötigen eine kürzere Landebahn als große Passagiermaschinen.

Der US-Hersteller Eclipse aus New Mexico ist Vorreiter auf dem Markt. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben bereits über 2500 Bestellungen für seine Eclipse 500 und damit für Jahre volle Auftragsbücher. Das gut zehn Meter lange Flugzeug hat zwei Minitriebwerke, bietet sechs Personen Platz, kann von nur einem Piloten geflogen werden und kostet umgerechnet gut eine Million Euro. Obwohl sie so klein ist wie eine Sportmaschine, kann sie auf über zwölf Kilometer Höhe steigen - wo normalerweise große Verkehrsmaschinen mit Hunderten Passagieren ihre Kondensstreifen ziehen.

Ein Vorteil der kleinen Jets ist, dass sie nur Landebahnen brauchen, die kürzer als 1000 Meter sind. Damit können auch Flugplätze bedient werden, für die bislang Jets nicht in Frage kamen. Nach einer Erhebung der Deutschen Flugsicherung (DFS) sind allein in Deutschland 154 Flugplätze für Very Light Jets geeignet.

In den USA sind dies nach Schätzungen der Luftfahrtbehörde FAA sogar 5000. In einem Land, wo oft Tausende Kilometer zurückgelegt werden müssen, außerhalb der Ballungszentren viel Platz am Himmel ist und der Sprit wenig kostet, sehen Hersteller wie Eclipse sehr gute Erfolgsaussichten für die kleinen Maschinen. Geschäftsreisende etwa könnten mit den Minijets viel Zeit sparen, wenn sie die großen Drehkreuze mit langwierigen Sicherheitskontrollen umgehen. Daneben sparen sie sich lange Anfahrtswege zu den Großflughäfen.

Taxiservice über den Wolken

Firmen wie Linear Air aus Massachusetts bieten in den USA bereits einen Taxiservice an. Die Start-up-Firma Pogo will zudem mit den Jets ab dem kommenden Jahr ähnliche Dienstleistungen im Nordosten der USA anbieten.

Auch andere Hersteller bieten Minijets an, wenn auch nicht so klein wie die Eclipse. In Europa etwa hat bereits die Citation Mustang vom US-Hersteller Cessna eine Zulassung. Modelle weiterer Hersteller sollen folgen. Unter anderen will der japanische Autohersteller Honda in den Markt einsteigen.

Die FAA geht davon aus, dass insgesamt bis zu 500 Maschinen jährlich bis 2020 ausgeliefert werden. Die meisten der Minijets werden an Firmen wie Linear oder Pogo gehen. In Europa wird es eine geringere Nachfrage nach den kleinen Fliegern geben: Nach einer Schätzung der Luftverkehrsbehörde Eurocontrol werden bis zum Jahr 2015 rund 700 Maschinen in Betrieb gestellt sein. Auch Eurocontrol erwartet, dass die meisten Flugzeuge von Lufttaxiunternehmen eingesetzt werden.

Nicht alle in der Luftfahrtbranche sind so begeistert von den Very Light Jets wie ihre Hersteller. Die Maschinen können zwar schnell steigen und sinken, aber auf den Flugrouten im oberen Luftraum nicht mit großen Verkehrsmaschinen mithalten. Die Eclipse 500 etwa kann nach Herstellerangaben mit maximal 685 km/h fliegen. Ein Jumbojet düst dagegen locker mit über 900 km/h über den Wolken.

Skeptiker befürchten deswegen, dass die Minijets im dichten Luftraum Europas große Verkehrsmaschinen behindern. Die Lotsen müssen zudem darauf achten, die Minijets wegen der Luftwirbel nicht zu dicht hinter großen Maschinen fliegen zu lassen.

Eigene Luftstraße für Minijets

Mit einer Simulation will Eurocontrol in diesem Jahr untersuchen, wie die Jets mit ihren Geschwindigkeiten und Flughöhen das Luftfahrtsystem beeinflussen könnten. Unklar ist etwa noch, ob die Maschinen mit einem Kollisionswarnsystem ausgestattet werden müssen, das bislang nur für größere Flugzeuge vorgeschrieben ist.

Auch die DFS, die für große Teile des deutschen Luftraums zuständig ist, beschäftigt sich mit dem Thema. "Es besteht die Möglichkeit, die Luftstraßen so zu planen, dass Very Light Jets von den großen Verkehrsmaschinen getrennt werden", sagt der DFS-Experte Roland Jalaß. Derzeit sei das Verkehrsaufkommen der Very Light Jets aber sehr gering, so dass es noch wenig Erfahrung gebe.

Eclipse prüft unterdessen sogar, einen noch kleineren Jet auf den Markt zu bringen und präsentierte im vergangenen Jahr einen Prototypen. Er hat nur vier Sitze, würde mit einer noch kürzeren Startbahn auskommen und nach Herstellerangaben umgerechnet knapp 700.000 Euro kosten.

Von Thomas Seythal, AP



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