Absturz des Kletterers Brad Gobright "Wir haben keine Knoten in die Enden gebunden"

Mit Brad Gobright ist ein Kletterer gestorben, der alles in seinem Leben nach seiner Leidenschaft ausrichtete. Sein Kletterpartner erzählt, wie es zu dem Unfall in Mexiko kam.

Brad Gobright in einer Trad-Route: Klemmkeile und sogenannte Friends sichern ihn im Nachstieg
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Brad Gobright in einer Trad-Route: Klemmkeile und sogenannte Friends sichern ihn im Nachstieg

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Brad Gobright war bekannt für seine ausgeprägte Risikofreude: Als er 2017 zusammen mit Jim Reynolds den Geschwindigkeitsrekord der berühmten Kletterroute "The Nose" am El Capitan im Yosemite Nationalpark knackte, kletterte er die letzte Seillänge ohne Sicherungen. Er steckte seine Mittelfinger durch die Bohrhaken in der rund 1000 Meter hohen Kletterroute und zog sich daran empor - damit es schneller geht.

Die beiden Profikletterer schafften die "Nose" in 2 Stunden, 19 Minuten und 44 Sekunden. Ein Jahr später wurden sie von Tommy Caldwell und Alex Honnold unterboten, die die Route in unter zwei Stunden kletterten.

In der Kletterszene galt Gobright als der ulkige Underdog, der in seinem vermüllten Honda Civic lebte und jede freie Minute ins Klettern steckte. Er war bekannt für seine außerordentliche Fingerkraft, seine zahlreichen Free-Solo-Begehungen (Klettern ohne Seil in großen Höhen) und seine frechen Sprüche. Er baute alles in seinem Leben rund ums Klettern - seine größte Leidenschaft.

Der Film "Safety Third" aus dem Jahr 2017 porträtiert den aus Kalifornien stammenden Gobright und seine oft waghalsigen Klettereien. Darin ist unter anderem zu sehen, wie er sich bei einem Sturz aus Absprunghöhe schwer verletzt und mehrere Rippen bricht.

Am Mittwoch starb der 31-Jährige bei einem Unfall in El Potrero Chico, einem weltberühmten Sportklettergebiet im Norden von Mexiko. Wie mehrere US-Medien berichten, wollte er dort die berühmte Kletterroute El Sendero Luminoso zusammen mit dem US-Amerikaner Aidan Jacobson klettern.

Die 450 Meter lange Route wurde bekannt, als Alex Honnold sie im Jahr 2014 Free Solo kletterte. Die schwersten Stellen der 15 Seillängen haben eine Schwierigkeitsbewertung von 9+ (UIAA-Skala), was einem sehr fortgeschrittenen Niveau entspricht. Zum Vergleich: Die schwierigste je gekletterte Route in der norwegischen Flatanger-Höhle wurde 2017 von Adam Ondra geklettert und mit einer 12 bewertet.

Gobrights 26-jähriger Kletterpartner Jacobson sagte dem "Outside-Magazin", dass die beiden die El-Sendero-Luminoso-Route am frühen Mittwochmorgen starteten. Was dann genau passierte, ist noch nicht vollständig geklärt. Jacobsons Aussagen zufolge schafften die beiden Kletterer die Tour im Freistil, also mit Seil und Sicherungen, aber ohne künstliche Hilfsmittel, die das Klettern erleichtert hätten. Um wieder zum Boden zu gelangen, wollten sie sich - wie üblich im Klettersport - abseilen. Dazu nutzten sie dem Bericht zufolge jedoch eine umstrittene Technik: das synchrone Abseilen.

Dabei wird das Seil durch den in die Wand gebohrten Ring gezogen und jeder Kletterer lässt sich mit einem dafür vorgesehenen Sicherungsgerät an einem Seilstrang ab. Wichtig ist dabei, dass die Kletterer sich gleichmäßig hinunterlassen, da ihre Körper jeweils als Gegengewicht für den anderen dienen. Beim Abseilen werden Knoten in die Seilenden gebunden, da sonst die Gefahr besteht, dass das Sicherungsgerät einfach durch das Seilende rutscht und der Kletterer nicht mehr gesichert ist.

Fehler beim Abseilen als häufige Unfallursache

Da Kletterseile gewöhnlich eine Länge zwischen 60 und 80 Metern haben, muss der Vorgang mehrere Male wiederholt werden, bis der Boden erreicht ist. Dazu müssen die Knoten an jedem Standplatz wieder aufgeknöpft werden, damit das Seil beim Abziehen nicht im Ring stecken bleibt - das kostet Zeit. Die Knoten haben einen weiteren Nachteil: Beim Hinunterwerfen der Seilenden können sie sich leicht in Felsspalten verhaken. Aus diesem Grund entscheiden sich manche Kletterer entgegen der alpinistischen Regeln für die risikoreiche Variante und verzichten auf die Knoten, so wie auch Gobright und Jacobson.

In der DAV-Unfallstatistik werden Fehler oder mangelnde Sorgfalt beim Abseilen als eine der häufigsten Unfallursachen im Alpinklettern genannt. 2015 starben die österreichischen Kletterprofis Albert Precht und Robert Jölli ebenfalls beim synchronen Abseilen.

Jacobson berichtet, dass die beiden auf dem Weg hinunter abgewogen hätten, sich auf einen Felsvorsprung abzulassen. Ihr Seil sei jedoch nicht lang genug gewesen, daher hätten sie sich dafür entschieden, noch einen Zwischenstopp einzulegen. "Da es bis dort hin nur ein kurzer Abschnitt war, haben wir das 80 Meter lange Seil nicht ganz bis zur Mitte durch den Ring gezogen", sagte Jacobson. "Wir dachten, das reicht."

Während Jacobsons Seilende beim Hinunterschmeißen den Felsvorsprung berührte, habe sich Gobrights Ende in einem Busch verheddert. Seile, die sich in Felsspalten oder anderen Hindernissen verfangen, lassen sich vom Standplatz aus oft nur schwer befreien, da sie in einem ungünstigen Winkel stecken bleiben. Zudem kostet es Zeit und Kraft, das komplette Seil wieder nach oben zu ziehen, zu entwirren und erneut hinunterzuwerfen. Viele Kletterer wählen daher die Variante, sich bis zu der Stelle abzulassen, um das Seil dann von dort aus zu befreien.

Offenbar entschied sich auch Gobright dafür: "Ich habe ihn gefragt, ob wir das so machen können und er meinte, er könne es auf dem Weg nach unten entwirren", sagte Jacobson. "Wir haben keine Knoten in die Enden gemacht und angefangen, uns abzuseilen." Jacobson sei etwas oberhalb von Gobright gewesen, am linken Seilende.

"Dann plötzlich habe ich einen starken Ruck gespürt", sagt der 26-jährige Jacobson. "Ich dachte erst, der Bohrhaken oben ist herausgebrochen und habe erwartet, dass Brads Gewicht mich nach unten reißt." Doch die Seilspannung sei weg gewesen, sie seien parallel gefallen. Jacobsons Sturz wurde durch einen Busch abgefedert, er verletzte sich den Knöchel. Gobright hatte weniger Glück.

Was am Mittwoch genau passierte, lässt Raum für Spekulationen. So wie Jacobson es erzählt, lässt sich vermuten, dass Gobrights Seilende kürzer war, als die beiden Kletterer geschätzt hatten. Als der 31-Jährige an der Stelle ankam, wo sich das Seil verfangen hatte, muss sein Sicherungsgerät durch das knotenlose Ende gerutscht sein und er stürzte 300 Meter in die Tiefe. Das war vermutlich der Moment, in dem Jacobson den Ruck verspürte: Gobrights Körper hing nicht mehr als Gegengewicht am anderen Seilende, und damit stürzte auch er hinunter.

Gobright war zweifelsohne ein leichtsinniger Kletterer, der bereit war, ein gewisses Risiko auf sich zu nehmen, um seine Ziele zu erreichen. Doch ebenso war er ein starker und erfahrener Kletterer, der sich mit Sicherungstechniken und den Begebenheiten am Fels bestens auskannte. Soweit bekannt ist, waren Gobright und Jacobson lediglich zum eigenen Vergnügen unterwegs: Sie versuchten keine Rekorde aufzustellen. Sie nutzten lediglich eine unsichere Technik, die leider im Klettersport immer noch eine weitverbreitete Praxis ist.

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