Brasilien-Reisen Wie Veranstalter auf die Amazonasbrände reagieren

Das Paradies steht in Flammen - und die Regierung Brasiliens in der Kritik. Reiseveranstalter wie Studiosus und Hauser verurteilen die Politik von Präsident Bolsonaro.

Gustavo Frazao/ Shutterstock

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Als mächtiger Strom fließt der Amazonas durch den südamerikanischen Regenwald, rund zwei Drittel des Flussbeckens liegen im Norden Brasiliens. Das Ökosystem gilt als die grüne Lunge der Erde. So schön, so nützlich - ein Wunder der Natur und faszinierend für Touristen.

Das Wunder ist in Gefahr. Niemand kann vorbeischauen an den Bildern, die um die Welt gehen: Amazonien in Flammen, verkohlte Baumstammgerippe und Rauchwolken, die bis nach São Paulo ziehen. In diesem Jahr brennt der Regenwald in einem schockierenden Maße. Mehr als 80.000 Feuer wurden bereits registriert.

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Reiseland Brasilien: Sehnsuchtsziel Amazonas

Auch wenn die touristischen Zentren, etwa rund um Manaus und Santarém, bisher nicht von den Waldbränden betroffen sind, melden sich angesichts des Infernos international tätige Reiseveranstalter zu Wort. Das US-Unternehmen G-Adventures etwa, das Amazonastouren in Peru anbietet, bezeichnet die Situation als eine handfeste "Umweltkrise", die das Potenzial habe, den Tourismus zu schwächen.

"Die negativen Schlagzeilen könnten Touristen über Monate oder gar Jahre vertreiben", fürchtet G-Adventures-Inhaber Bruce Poon Tip laut dem US-Onlinemagazin TravelPulse. "Brasiliens Führung hat nun die Chance hervorzutreten und das Amazonasgebiet vor einer weiteren Zerstörung zu bewahren. Oder sie steht einfach da und sieht zu, wie der Nutzen (des Regenwaldes, Red.) für alle verloren geht."

Hauser im "symbolischen Boykott"

Auch das deutsche Unternehmen Hauser Exkursionen sieht die Politik in der Pflicht. Der nach eigenen Angaben größter deutschsprachiger Anbieter für Wander- und Trekkingreisen will Brasilien - anders als geplant - bis auf Weiteres nicht in den Katalog aufnehmen. Zuletzt hatte der Veranstalter das Land 2017 im Programm - mit mäßigem Erfolg. Große Umsätze brachten die Reisen nicht ein.

Doch Hauser-Geschäftsführer Ovid Jacota sieht in dem südamerikanischen Land "ein Riesenpotenzial". Er sagt: "Für Reisende bietet Brasilien so viel Inspiration - sowohl in der Natur als auch hinsichtlich möglicher Begegnungen mit Einheimischen." Sein Wunsch: eine Aktivrundreise zu kreieren, die sich für die Kunden und für das Unternehmen lohnt. Doch diese Pläne hat der Veranstalter aus München vorerst gestoppt.

Mit einem "symbolischen Boykott" will Jacota seine persönliche und die Haltung des Unternehmens verdeutlichen: "Wir möchten diese Entwicklung nicht unterstützen." Der globale Wert des Amazonas scheine der Regierung nicht klar zu sein, von einem respektvollen Umgang mit Natur und Mensch könne keine Rede sein.

Erst wenn Präsident Jair Bolsonaro klare Anstrengungen oder zumindest ein Bekenntnis zum Schutz des Amazonas erkennen lasse, könne sich Jacota vorstellen, wieder Brasilien-Reisen anzubieten. Der Amazonas habe nun mal Einfluss auf den ganzen Planeten, sagt er. "Er ist wichtig für die ganze Menschheit."

Studiosus: "Sympathiewerte für das Land werden stark sinken"

Brasilien spielt wegen seiner riesigen Waldgebiete eine bedeutende Rolle im Kampf gegen die Erderwärmung. Doch Bolsonaro, der den menschengemachten Klimawandel anzweifelt, hat seit seinem Amtsantritt zu Jahresbeginn eine Reihe von Schritten veranlasst, die das Vordringen der in Brasilien sehr mächtigen Agrarwirtschaft in das wald- und artenreiche Amazonasgebiet erlauben.

Brasiliens ultrarechter Staatschef hatte zuvor die internationale Kritik an seiner Umweltpolitik zurückgewiesen. Auch die vom G7-Gipfel im französischen Biarritz bewilligte Soforthilfe hatte Bolsonaro zunächst abgelehnt. Deutschland und Frankreich warf er vor, die brasilianische Souveränität über die Amazonasregion mit den Hilfen in Höhe von 20 Millionen Dollar (18 Millionen Euro) "kaufen" zu wollen. Später lenkte Bolsonaro ein und erklärte, unter bestimmten Bedingungen internationale Unterstützung zu akzeptieren - sofern seine Regierung die Kontrolle über die Gelder behalte.

"Wir gehen davon aus, dass vor dem Hintergrund dieser Politik die Sympathiewerte für das Land und auch die Nachfrage unserer Kunden stark sinken werden", sagt auch Peter-Mario Kubsch, Geschäftsführer des Reiseveranstalters Studiosus. "Wir verurteilen die Politik der Bolsonaro-Regierung zum Erhalt der Amazonas-Regenwälder und gegenüber den indigenen Minderheiten."

Studiosus hat Brasilien-Rundreisen mit Namen wie "Wunderland am Zuckerhut mit Amazonas" im Portfolio. Da die angesteuerten Ziele nach derzeitigem Stand nicht von den Bränden beeinträchtigt sind, sagt das Unternehmen auch keine Touren ab.

Mit Hauser Exkursionen gehen pro Jahr gehen etwa 7000 Menschen auf Tour. "Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass viele von ihnen eine Reise an den Amazonas derzeit ohnehin nicht buchen würden", sagt Geschäftsführer Jacota. Seine Kunden seien Naturliebhaber - sie würden die Vorgänge in Brasilien sicher nicht unterstützen.

Travel to Nature: "Folgenschwere Auswirkungen auf Klima und Biodiversität"

Im "Land voller Schönheit" ist auch der Reiseveranstalter Travel to Nature mit Sitz in Baden-Württemberg unterwegs. Dessen Gründer Reiner Stoll rief vor wenigen Tagen das brasilianische Fremdenverkehrsamt auf, Einfluss auf die Regierung zu nehmen. "Eine nachhaltige Waldbewirtschaftung ist das Ziel", zitiert die Branchenzeitschrift "fvw" den Touristiker Stoll.

"Die schnelle Ausbeutung des Ökosystems Regenwald wird mittel- und langfristig folgenschwere Auswirkungen auf unser Klima und die Biodiversität haben." Die Waldbrände überstiegen nicht nur das normale Maß bei Weitem, sondern seien auch politisch bedingt, sagt Stoll laut "fvw". "Nach Einschätzung vieler Wissenschaftler trägt die Politik des jetzigen Präsidenten Bolsonaro einen großen Anteil an dieser Katastrophe."

Welche politischen Missstände konkret dazu führen, dass am Amazonas die Wälder brennen, will Hauser-Chef Jacota nicht bewerten. Doch die Ergebnisse - gerodetes Land, brennende Bäume - empfindet der Naturliebhaber als schmerzlich. Dazu komme die wirtschaftliche Komponenten: "Als Veranstalter von Aktivreisen leben wir von einer intakten Natur."

Mit Material von AFP

insgesamt 13 Beiträge
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drnatas 06.09.2019
1. 20 Millionen = ein Witz!
Die G7 haben sage und schreibe 20 mio für den Schutz des Amazonas Regenwaldes locker gemacht. Respekt! Wenn ich da am die Milliarden an schwachsinnigen Ökostrom Subventionen denke. Die wären zum Schutz und Aufforstung von Regenwäldern sicherlich sinnvoller investiert. Aber daran hätte bei uns ja niemand etwas verdient.
brathbrandt 06.09.2019
2. zweierlei Maß
Unter dem linken Präsidenten Lula brannte der Regenwald noch öfter, um das ehrgeizige Ethanol-Programm umzusetzen. Damals interessierte das keinen. Der Präsident war ja ein linker.
Interzoni 06.09.2019
3. Die Sympathiewerte werden stark sinken
Die sind doch schon längst am Boden, nachdem der rechtsextreme Bolsonaro gewählt wurde. Niemals würde ich da als Tourist hin wollen.
Interzoni 06.09.2019
4. @ brathbrandt
Ein Beleg für Ihre Behauptung wäre hilfreich, aber bitte nicht aus Breitbart ,-)
jetie 06.09.2019
5. Geht wieder nur um Geld
Die Reiseveranstalter jammern, weil der brennende Regenwald ihnen das Geschäft verdirbt, mit Sorge um den Regenwald hat das nicht zu tun. Wie den Regenwald-Killern geht es ihnen nur um Geld. Sie sind so gesehen kaum besser, als Bolsonaro und sein kriminellen Farmer.
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