Brauner Schilderwald Werbung an der Autobahn soll Touristen anlocken

"Rosenstadt Hildesheim", "Herrenhäuser Gärten", "Schloss Heidelberg": Solche Werbeschilder werden künftig in immer kürzeren Abständen deutsche Autobahnen zieren und zu einem Abstecher in die jeweilige Region einladen. Bislang war nur alle 20 Kilometer ein solches Schild erlaubt.


Braunes Hinweisschild: Zeit für einen Abstecher
GMS

Braunes Hinweisschild: Zeit für einen Abstecher

Während das Urlaubsziel Adria vielleicht dank eines kilometerlangen Staus in weite Ferne gerückt ist, liegt die spontane Erholung ganz nah. Ein braunes Schild an der Autobahn weist auf das Schloss Heidelberg hin, wahrscheinlich wäre man sonst an der Ausfahrt zur Stadt im Schritttempo vorbeigeschlichen. Ein paar Minuten Erholung, ein kurzer Sightseeing-Trip: Autofahrer sind anschließend entspannter, und der Tourismusverband freut sich über die Besucher.

Am Straßenrand darf nach neuesten Beschlüssen demnächst häufiger mit solchen Tafeln auf historische Bauwerke, Naherholungsgebiete oder Sehenswürdigkeiten hingewiesen werden. Während im benachbarten Ausland, vor allem in Frankreich und Österreich, oftmals im Kilometerabstand für touristische Abstecher von der Autobahn geworben wird, sind die zwei mal drei Meter großen Schilder mit braunem Grundton und weißer Schrift in Deutschland noch relativ selten. Dabei ist diese Form der Reisereklame laut dem ADAC in München sogar eine deutsche Erfindung. Die ersten "Werbeschilder" sind Mitte der sechziger Jahre auf Initiative des Automobilclubs aufgestellt worden.

Bislang musste zwischen zwei solcher Schilder mindestens 20 Kilometer Abstand sein - der Autofahrer verbrachte die Strecke ahnungslos, was nun gerade in der Stadt neben der Autobahn los ist. Laut der Bundesanstalt für Straßenwesen (BAST) in Bergisch-Gladbach liegt das an den zwar schon viele Jahre alten, aber noch immer vorläufigen Richtlinien für Touristische Hinweistafeln (RTH). Darin, so BAST-Experte Rüdiger Hotop, werde empfohlen, von diesen Schildern "nur sparsam Gebrauch zu machen". Schließlich hätten die Tafeln für die Verkehrssicherheit keine bedeutsame Funktion und seien letztlich nichts anderes als Werbung für die jeweilige Region, die den Autofahrer vom Straßenverkehr ablenken.

Schloss Heidelberg: Unweit der Autobahn
DPA

Schloss Heidelberg: Unweit der Autobahn

Tourismusverbände, Regionalpolitiker und Verkehrsvereine lehnen seit Jahren diese Richtlinien RTH ab. Sie wollen vielmehr die Autofahrer zu einem Abstecher in ihre Region animieren und vielleicht sogar zu einem Kurzurlaub verführen. Mittlerweile scheinen diese Forderungen auf offene Ohren gestoßen zu sein. Nach Angaben von Rüdiger Hotop werden die Richtlinien für die Hinweisschilder jetzt tatsächlich geändert, und der vorgeschriebene Mindestabstand von 20 auf 10 Kilometer gesenkt.

Um die Behörden kommen die Tourismusverbände dennoch nicht herum: Der Verwaltungsweg muss weiterhin eingehalten werden. So dürfen die Hinweistafeln nur dann aufgestellt werden, wenn es dazu eine offizielle verkehrsrechtliche Anordnung gibt. Diese müssen die Interessenverbände laut Hotop zunächst bei den Verkehrsbehörden beantragen, zumeist beim Regierungspräsidenten. Erst wenn von dort grünes Licht kommt, dürfen Sehenswürdigkeiten entlang der Autobahn beworben werden. Die Kosten dafür trägt nach Hotops Angaben nicht der Steuerzahler, sondern der Antragsteller - also der Verkehrsverein oder ein Tourismusverband.

Laut dem ADAC darf die Beschilderung allerdings nicht zu einer Ablenkung der Autofahrer führen. Der bisherige "Sichtbarkeitsgrundsatz", wonach die Sehenswürdigkeit vom Straßenrand aus tatsächlich auch zu sehen sein müsse, könne zwar nach Angaben von ADAC-Verkehrsexperte Norbert Klassen aufgeweicht werden. Auch der festgelegte Abstand von etwa 1000 Metern zur nächsten Ausfahrt sei nicht unbedingt nötig. Doch dürfe nicht wahllos auf jedes Ziel hingewiesen werden. Die Sehenswürdigkeiten sollten wirklich "sehenswert" und etwa auch in Reiseführern verzeichnet sein. Dadurch wird es für den Autofahrer zusätzlich zu einer kleiner Lerntour, was Deutschland alles zu bieten hat.



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