Breaking the Ice "Warum kann Jerusalem nicht jedem gehören?"

Nacht wird es nicht im antarktischen Mittsommer, der normale Schlafrhythmus ordnet sich längst den Ereignissen unter. Die Stimmung ist angeheizt, bei windstillem Wetter konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf die Diskussion unter Deck.


Mittwoch, 7. Januar

Unterwegs entlang der antarktischen Küste: Die "Pelagic Australis" hat eine ruhige Fahrt
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Unterwegs entlang der antarktischen Küste: Die "Pelagic Australis" hat eine ruhige Fahrt

Die "Pelagic Australis" liegt an einem ruhigen Ankerplatz in einer kleinen Bucht auf der Insel Cuverville, nicht weit weg vom Festland der antarktischen Halbinsel. Avihu Shoshani, israelischer Rechtsanwalt und Veteran der israelischen Elite Kampfeinheiten, hat schon einiges erlebt. "Aber nie zuvor" erklärt er, "so etwas. Es ist unglaublich. Atemberaubend. Ich kann nicht glauben, dass ich hier bin."

Die meisten der acht Palästinenser und Israelis an Bord der "Pelagic Australis" sehen das ähnlich: Sie sind voll des Staunens über ein Land und eine Meereslandschaft, die so ist wie nichts, was sie vorher gesehen haben.

Schneebedeckte Berge erscheinen plötzlich dunkelbraun oder schwarz, abhängig von dem Winkel der Sonne. Bei windstillem, sonnigem Wetter spiegeln sich Berge in weiten Fjorden und schmalen Buchten. Hier und dort schwimmen ein paar scharf geformte Eisberge vorbei, ins Wasser gestreute weiße, hellgraue oder blaue flimmernde Eisbrocken. Und zahllose Pinguine springen neben einem ins Wasser, um ihre nächste Mahlzeit zu suchen.

Der antarktische Mittsommer sorgt dafür, dass der normale Schlafrhythmus sich den Ereignissen längst unterordnet. Nacht wird es nicht, die Welt ist ununterbrochen zur Ansicht da.

Nach dem Abendessen ist die Stimmung angeheizt. Sharon-Anhänger Avihu Shoshani und Nasser Quass, palästinensischer Al-Fatah Aktivist aus Jerusalem, geraten aneinander. Avihu ist der Meinung, dass Israel Frieden wolle, aber keinen palästinensischen Partner finden könne, mit dem das möglich wäre.

Nasser widerspricht: "Die gesamte palästinensische Führung unterstützt das Genfer Abkommen, zwei Staaten für zwei Völker zu haben, nebeneinander im Frieden lebend."

"Gebt ihr uns das Land zurück, das ihr 1967 besetzt habt", fügte Al-Khatib hinzu, "und unseren Teil von Jerusalem, und dann ist es kein Problem, Frieden zu bilden. Wir sollten einander nicht bekämpfen. Wir sollten miteinander sprechen, selbst wenn wir nicht über alles einig sein können."

"Ich stimme dir da zu", sagt Shoshani," aber mit wem sollen wir sprechen? Nur Arafat und den islamischen Fundamentalisten wie Hamas und islamischer Dschihad ist es erlaubt zu sprechen. Ihr habt keine Demokratie wie wir in Israel. Ihr könnt nicht sagen, was ihr denkt. Du hast doch sogar Angst in der Öffentlichkeit einige der Meinungen auszudrücken, die du mir privat mitgeteilt hast."

Vorbereitung für den Trek ins Eis
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Vorbereitung für den Trek ins Eis

Der Franzose Denis Ducroz, Bergführer und Videofilmer, schaltet sich ein: "Warum müsst ihr zwei separate Staaten haben? Warum könnt ihr nicht teilen und in Frieden miteinander leben? Nehmt Jerusalem zum Beispiel, warum kann es nicht jedem gehören? Juden, Muslime und Christen? Schließlich ist Jerusalem für alle drei heilig."

Während das keiner der um den Tisch sitzenden Israelis oder Palästinenser Ducroz erklären kann, stimmen sie doch miteinander überein, seine Idee als völlig indiskutabel zurückzuweisen.

"Dann stimmt es wohl," folgert Ducroz, " dass die Wurzel des Problems die Religion ist. Wenn man nicht diese drei Religionen hätte, die immer wieder in Konkurrenz zueinander stehen, wäre die Sache vielleicht anders."

"Vielleicht," sagt Shoshani, "aber so ist es nicht."

Donnerstag, 8. Januar

Nach einer guten Nacht vor Anker geht das Team für eine kurze Schlauchbootfahrt vom Boot an Land.

Die rund 30 bis 40 Zentimeter großen Eselspinguine watscheln auf den schneebedeckten Steigungen von ihren Nestern zum Wasser, auf der Suche nach Nahrung. Unter den Felsen am Ufer liegen einige alte Walfischknochen, offenbar bei Stürmen ans Land gespült.

Nachdem sie die Pinguine besucht haben, finden Avihu Shoshani, Nasser Quass und Suleiman Al-Khatib Zeit, ihre Debatte von der Nacht vorher fortzusetzen.

Nach dem Mittagessen auf der "Pelagic Australis" versammelt Heskel Nathaniel, Initiator der Expedition, die gesamte Mannschaft an Deck. Doron Erel und Skip Novak geben die erste von vielen Anweisungen für den geplanten Trek der Expedition über das antarktische Eis. Das Gewicht ist möglichst gering zu halten, jedes einzelne Stück der Ausrüstung muss überprüft werden: Ist es wirklich notwendig, funktioniert es zuverlässig? Sicherheit ist oberstes Gebot.

Friedenstauben von Menashe Kadishman
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Friedenstauben von Menashe Kadishman

Wenn sie den Gipfel des Berges auf der antarktischen Halbinsel erreicht haben, werden Mitglieder der Expedition eine symbolische Markierungsfahne dort errichten. Und sie werden dem Berg einen Namen geben, der ihre Sehnsucht nach Frieden und ihre Hoffnung, dass die zwei Völker gemeinsam die Hindernisse auf dem Weg zu Frieden überwinden lernen, reflektieren soll.

Noch Tage entfernt vom Erreichen dieses Gipfels, haben die Expeditionsmitglieder ein Gemälde des israelischen Künstlers Menashe Kadishman am Hauptsegel von "Pelagic Australis" angebracht. Über einem blutroten Hintergrund treffen sich zwei Friedenstauben. Sie fliegen über die Expeditionsmannschaft, während diese in Richtung des Berges unterwegs ist.

Wir lichten Anker und entfernen uns langsam von der Insel Cuverville, setzen Segel für die Gerlache Strait und den geplanten Ankerplatz bei Booth Island.



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