Bremerhaven Morgenland am Nordseestrand

Es sieht aus wie das Hotel Burj al-Arab in Dubai, steht aber in Bremerhaven: Im 140 Meter hohen Atlantic Hotel Sail City steigen morgen die ersten Gäste ab. Das Hotel ist Mittelpunkt mehrerer maritimer Neubauten - ihr Nutzen für die Stadt ist jedoch umstritten.

Von Reinhild Haacker


Der erste Blick auf die Havenwelten erinnert an die Visionen arabischer Ölscheichs. Tiefblau bis orangefarben schimmert der Abendhimmel hinter den leuchtenden Monumenten aus Glas und Stahl, deren Spiegelbild im Wasser geheimnisvoll verschwimmt. Was zunächst noch als Bildmontage auf der Internetseite zu sehen ist, soll bald reales Fotomotiv werden: "Durch den Bau der Havenwelten hat sich Bremerhavens Mitte bereits sichtbar verändert. Doch die Seestadt-Silhouette von morgen wird noch viel spektakulärer sein", heißt es selbstbewusst in der Beschreibung des Großprojekts.

Ein Highlight der Havenwelten feiert die Stadt an diesem Wochenende: Am kommenden Samstag eröffnet das Atlantic Hotel Sail City, das durch seine futuristische Form eines gewölbten Segels auffällt und insgesamt 140 Meter in den Himmel ragt. Das Vier-Sterne-Hotel hat 120 Betten und erstreckt sich über acht Etagen des Gebäudekomplexes. Der Rest wird als Büroraum genutzt.

Ehrgeizige Hafenwelt

Bremerhaven hat sich viel vorgenommen, um Touristen in die Stadt zu locken. Eine Million zusätzliche Besucher sollen ihren Weg hierher finden und im bereits eröffneten Deutschen Auswandererhaus, einem Erlebniseinkaufszentrum, diversen Restaurants oder am neu gebauten Yachthafen verweilen. Die letzten Baukräne verschwinden im Frühjahr 2009, wenn die interaktive Ausstellung zum Thema Klima fertig ist, das Klimahaus Bremerhaven 8° Ost.

Die Bremerhavener Entwicklungsgesellschaft Alter/Neuer Hafen (Bean) schätzt, dass durch die Havenwelten 1500 Arbeitsplätze entstehen. Rund 300 Millionen Euro lässt sich die Kommune das Projekt kosten, das Geld stammt hauptsächlich vom Bund.

Durch die neuen Jobs und das moderne Ambiente hoffen die Stadtplaner auch auf ein neues Image: Bremerhaven wird immer wieder als Armenhaus Westdeutschlands bezeichnet, die zu Bremen gehörende Stadt hat eine der höchsten Arbeitslosenquoten im Land. Nirgendwo sonst in der Republik gibt es so viele minderjährige Mütter wie in Bremerhaven.

Entsprechend kritisch werden die Bauaktivitäten von Einwohnern und Organisationen beäugt. "Wie das Hotel wächst, so wächst auch die Kinderarmut in der Stadt", klagt Eberhard Muras, Chef des Diakonischen Werks in Bremerhaven im SPIEGEL. "Die Stadt baut eine gewaltige Kulisse auf, hinter der die Armen bloß versteckt werden sollen", fürchtet auch Wolf Hast, Vorsitzender des Bremerhavener Topfs, eines Zusammenschlusses von 50 Selbsthilfegruppen.

"Jede Stadt hat ihre Brennpunkte"

Gina Frenk, Mitarbeiterin der Bremerhaven Touristik, sieht Bremerhaven in ein falsches Licht gerückt: "Das Problem ist, dass in der Stadt selbst diese trübsinnige Stimmung nie so existent war, wie man sie von außen darstellt", sagt sie.

Allein das neue Auswandererhaus habe die Stadt bei einem internationalen Publikum bekannt gemacht. Viele amerikanische Touristen kommen in das Museum, um hier die Beweggründe ihrer Vorfahren für den Aufbruch in die neue Welt nachzuvollziehen.

Die Kritik, das Havenwelten-Projekt sei eine überdimensionierte Strukturhilfe für einen sozialen Brennpunkt, lässt Frenk nicht gelten: "Jede Stadt hat ihre Brennpunkte", außerdem sei man als Stadt am Meer "immer noch ein bisschen Einwandererstadt". Auch die Statistik spreche bereits für einen Aufwärtstrend in Bremerhaven, sagt Frenk. "Die Hotels in der Stadt haben im vergangenen Jahr bereits steigende Übernachtungszahlen gemeldet – und das ohne die 'Sail'." Die "Sail Bremerhaven", ein großes internationales Windjammertreffen, findet alle vier Jahre statt. In diesem Jahr gibt es Ende August die "Lütte Sail", zu der Schiffe aus 21 Nationen erwartet werden.

Am kommenden Wochenende wird zeitgleich zur Eröffnung des Hotels ein großer Heißluftballon eingeweiht. In dem Fesselballon mit dem Motiv der Havenwelten können Touristen künftig lautlos über die Stadt gleiten. Als Werbeträger dürfte der Ballon seine besondere Symbolfunktion nicht verfehlen: Bremerhaven will nach oben.



insgesamt 14 Beiträge
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Saskia, 29.02.2008
1. Bremerhaven als Tourist
Ich war nach 20 Jahren, letzten Herbst das erste mal wieder für ein paar Tage als Tourist in Bremerhaven und war so faszieniert und begeistert, das ich es als Städtereise durchaus auch mal als Alternative zu Hamburg empfohlen habe. Ich denke das Konzept kann mit ein wenig Selbstbewustsein der Einwohner schon aufgehen. Denn es ist durchaus aufgefallen, dass die Einheimischen überhaupt kein Verständniss für unsere Begeisterung aufgebracht haben und viele Angestellte in der Gastronomie von außerhalb kamen und durchaus verstehen konnten warum wir uns in Bremerhaven wohl gefühlt haben.
chrome_koran 29.02.2008
2. Typisch .de: kein Erfolg ohne Gejammer
"Ja ja ja, hier bauen sie was Tolles, nur um davon abzulenken, dass es Leute gibt, die zwar Kinder bekommen haben, sie aber nicht gleich mit Mercedes-Kabrios und Rigentumswohnungen beschenken können..." - wie schrecklich. Jeder Erfolg wird in D so dargestellt, als ob der Erfolgreiche dem Erfolglosen etwas wegnähme. Welch eine absurde Haltung! Jüngst hat auch eine ansonsten ganz normale Freundin beim Anblick eines großen, gerade öffnenden Autohaus-Komplexes zu mir gesagt: "Hier bauen sie ein Auto-Palast... und 100 Meter weiter stehen Sozialwohnungen". Ich: "Na und?" Was haben Äpfel mit Birnen zu tun? Soll sie doch froh sein, dass es Wohnungen sind und keine Slums. Kaum sonst ein Land kann sich nämlich leisten, Sozialwohnungen mit diesem Standard zu unterhalten! Diese neokommunistische Neidhaltung, die sich in diesem immer noch schönen Land so rasant breit macht, macht mir nur eines: ANGST. Ehrlich gesagt, sie macht mir mehr Angst als die braune Suppe.
Equitem, 29.02.2008
3. Einwand
@chrome_koran Ich bin absolut kein Freund von Neiddebatten, aber man muss durchaus fragen dürfen, warum da solch ein Palast hingestellt wird, für das entsprechende Klientel, während die Kinderarmut drastisch steigt, schulen verrotten, kein Geld für Schulmittel zu Verfügung steht, etc.? Denn der Punkt ist doch: Der Prachtbau -300 Mio Euro- wird weitgehend aus Bundesmitteln finanziert. Wäre es ein Privatinvestor, so hätte ich keine Einwände!
hepdepaddel, 29.02.2008
4. Erfolgreicher Unternehmer...
@chrome_koran Man sollte den Hintergrund schon kennen. Dass da ein Luxushotel gebaut wird... na und? Vielleicht recherchieren Sie noch ein wenig... Nervig - aus Sicht eines Steuerzahlers - ist, dass hier wieder (neben diversen anderen Bauprojekten in Bremen) ein Projekt eines Bremer Unternehmers als Schein-Privat daherkommt. Der Unternehmer steht im Zusammenhang mit diversen Verfahren hier in Bremen um Korruption in der Baubehörde, Ankermieter des Bürokomplexes ist eine staatliche GmbH (bremenports), die Tiefgaragen hat eine städtische Betreibergesellschaft auf Jahre hinaus gemietet, quasi ein kostenfreies Fundament und am Deichschutz muss sich der Investor auch nicht beteiligen. Auch bei der Aussichtsplattform oben ist die Stadt mit im Boot. Fazit: Ich habe nichts gegen private Projekte in Bremerhaven. Hier klotzt aber der Staat zu nicht unerheblichem Anteil hin. Wie in Bremen beim alten Polizeihaus - wo der Investor (man rate wer) sich freuen kann, dass die Stadtbibliothek ein Ankermieter ist. Ne - wenn der Staat Infrastrukturinvestitionen tätigt, dann möge er sich da intelligent verhalten. Es mag ja alles sauber sein - aber komisch ist es schon. Man möge sich mal die Lage der anderen Hotels der Kette anschauen, gucken, was so in der Nähe liegt und sich selbst eine Meinung bilden. Als Steuerzahler erwirtschafte ich in Bremen keine Unsummen, aber immerhin Steuerzahlungen im mittleren fünfstelligen Bereich. Da hätte ich es gerne, wenn das Geld dann in Bildung und Investitionen für wirklich Bedürftige ginge, als es in solchen Projekte. Zitat chrome_koran: "Jeder Erfolg wird in D so dargestellt, als ob der Erfolgreiche dem Erfolglosen etwas wegnähme. Welch eine absurde Haltung! " Hier sehe ich das genau so. Equitem hat es schon beschrieben: Es handelt sich zu großen Teilen um Steuergeld. Ein erfolgreicher Unternehmer, der Subventionsfrei ein Hotel hinstellt und dieses erfolgreich betreibt... keiner in Bremen/Bremerhaven hätte wohl etwas dagegen. Gammelnde Schulen parallel zu solchen Status-Projekten der öffentlichen Hand... da nimmt Meiner Meinung nach in der Tat ein "Erfolgreicher" den anderen etwas weg. Gruß Hepdepaddel
BlomQuest 29.02.2008
5. Steuerzahler oder nicht...
sicherlich ist es diskussionswürdig, ob ein solches Projekt unbedingt vom Steuerzahler finanziert werden muss... Aber man sollte auf jedenfall auch die positiven Effekte bedenken. Bremerhaven hat, wie im Artikel erwähnt, mit hohen Arbeitslosenzahlen zu kämpfen und kann ja nun wirklich nicht gerade als Wirtschaftsmetropole bezeichnet werden. Alleine durch die Werftenkrise und dem Zerfall des Bremer Vulkan ist ein wirtschaftliches Standbein Bremerhavens stark geschädigt worden, und es muss nach Lösungen gesucht werden. Eine davon ist eben der Tourismus. Das ganze Projekt ist primär dazu gedacht, Touristen in die Stadt zu locken (ein Besuch lohnt sich jetzt schon!) und nicht, damit die einheimische Bevölkerung schöner einkaufen gehen kann. Für die Einwohner Bremerhavens sind lediglich die Arbeitsplätze - und die sind auch dringend nötig. Laut Artikel 1500 Stück, sicherlich nicht die hochqualifizierten, aber dennoch Arbeit - das ist es, was zählt. Und auch wenn durch dieses Projekt andere Investitionen nach hinten gestellt werden (Bremerhaven ja sowieso dafür bekannt Entscheidungen vor sich her zu schieben - man bedenke die seit 2000 anhaltende Diskussion um ein neues Eisstadion -> das ist mal einen Artikel wert! =) ), so dürften langfristig gesehen alle von einem steigenden Tourismus profitieren - auch die städtischen Sozialbauten ;) Fakt ist, dass irgendetwas gemacht werden musste, denn so ging es nicht weiter. Hoffen wir alle, dass es so verläuft, wie von den Machern gewünscht.
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