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24. November 2018, 07:14 Uhr

Liebeserklärung an die kalte Jahreszeit

Kann man lernen, den Winter zu lieben?

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Die kalte Jahreszeit ist nicht jedermanns Sache. Barbara Schaefer aber wartet mit Begeisterung auf die Minusgrade - und bereist weltweit die schönsten weißen Flecken.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schaefer, er ist grau, nass und macht den meisten Menschen schlechte Laune. Sie hingegen sind November-Fan. Können Sie unsere Stimmung aufhellen?

Schaefer: Für mich ist der November ein richtiger Vorfreudemonat. Wenn die Temperaturen sinken und es regnet, ist der erste Schnee nur noch ein paar Grad entfernt. Dem Winter fiebere ich jedes Jahr richtig entgegen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Ostgrönland überwintert, sich im Schneetreiben durch einen schwedischen Nationalpark geschleppt und eine Pulka über den zugefrorenen Baikalsee gezogen. Frieren Sie eigentlich gerne?

Schaefer: Überhaupt nicht. Dazu kommt es aber auch selten. Im Gegenteil: Wenn man in Schneeschuhen gegen den Wind marschiert, wird einem sehr schnell warm. Man zieht sich ja meist viel zu warm an. Und muss sich manchmal auch sehr beeilen, aus der Daunenjacke rauszukommen. Zum Beispiel, wenn man in Grönland ein Haus betritt - Grönländer heizen sehr gerne ziemlich hoch.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben dem Winter eine 222 Seiten starke Liebeserklärung geschrieben. Was fasziniert Sie an der Jahreszeit?

Schaefer: Frühling, Sommer und Herbst ähneln sich. Der Winter ist fundamental anders. Wasser um uns herum gefriert in Seen und Bächen, Niederschlag fällt als Schnee auf uns herab - was für ein Geschenk des Himmels! Ich liebe es, wenn der Schnee beim Gehen knirscht, das schräge Winterlicht und auch das Mehrdeutige am Winter.

SPIEGEL ONLINE: Den Sommer schön zu finden, ist ihnen zu einfach?

Schaefer: Ja, alle lieben den Sommer. Der Winter dagegen erschließt sich nicht sofort. Winterstimmungen können sowohl etwas Nebulöses haben, als auch etwas kristallin Klares.

SPIEGEL ONLINE: Was sind für Sie die schönsten Wintergeräusche?

Schaefer: Ich liebe das "sch-sch-sch", wenn sich Ski mit Fell bei einer Skitour schrittweise bergauf über den Schnee bewegen. Oder das schnellere "wisch-wisch-wisch" in der Loipe. Aber das aufregendste Geräusch habe ich in Berlin gehört.

SPIEGEL ONLINE: Welches?

Schaefer: Der Schlachtensee war zugefroren und die Sonne schien darauf. Durch die Wärme jagten Sprünge durch die Eisfläche, über den ganze See hinweg. Wie ein großer Resonanzkörper sang das Eis, etwa wie der Ton einer singenden Säge. Faszinierend und unheimlich zugleich.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Reisetipp für Winteranfänger?

Schaefer: Ab in die Berge - aber nicht im Januar, wenn es am kältesten ist, sondern eher Ende Februar. Nicht-Skifahrern lege ich das Unterengadin sehr ans Herz. Beim Winterwandern spaziert man dort auf Sonnenhängen und bekommt richtige Lichtduschen. Auch das Villgratental in Osttirol kann ich sehr empfehlen: Dort gibt es nur einen winzigen Anfängerskilift, ansonsten Loipen und herrliche Skitourenberge. Mit Schneeschuhen durch den Wald zu stapfen, ist auch eine reine Freude.

SPIEGEL ONLINE: Und wer richtig große Winterabenteuer sucht?

Schaefer: Über den zugefrorenen Baikalsee zu wandern, ist ein unvergleichliches Erlebnis. Meterdickes Eis, mit eingefrorenen Strukturen - bildschön. Auch eine winterliche Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn ist unvergesslich. Im Winter sind fast überall viel weniger Leute unterwegs. Außer halt in Ischgl mit seinen Partys

SPIEGEL ONLINE: Wo hatten Sie Ihre eiskalten Glücksmomente?

Schaefer: Mein erstes Nordlicht habe ich in Ostgrönland gesehen. Es war eine kalte, klare Nacht, und von allen Himmelsrichtungen zogen sich grüne und bald lilafarbene Schlieren den Himmel hinauf. Ausgesprochen betörend und auch gruselig. Und es gibt eine Szene in Osttirol, die ich nie vergessen werde: Ich war ganz alleine mit Schneeschuhen im Wald, als plötzlich ein Reh vor mir stand. Wir sahen uns an, dann drehte es sich ruhig um und ging tiefer in den Wald hinein.

SPIEGEL ONLINE: Welche Wintermenschen, die Sie unterwegs getroffen haben, haben Sie besonders beeindruckt?

Schaefer: Mich fasziniert generell die Fähigkeit der Menschen, in unwirtlichen Gegenden zurechtzukommen. In der Toskana zu überleben ist ja keine Kunst. Aber seit Tausenden von Jahren dem Klima in Grönland zu trotzen oder in abgelegenen Alpentälern auszuharren - das zeigt die Stärke der Menschheit.

SPIEGEL ONLINE: Welche Lektionen haben Ihre Winterreisen Sie gelehrt?

Schaefer: Meine Liebe zum Winter hat sich intensiviert. Aus einer langjährigen Schwärmerei ist eine tiefere Zuneigung zur Natur geworden. Weil der Winter Teil des Ganzen ist. Wenn wir durch den Klimawandel den Winter und die Kälte verlieren, gehen nicht nur Schneeballschlachten verloren.

SPIEGEL ONLINE : An was denken Sie genau?

Schaefer: Es sind ja nicht nur die großen Katastrophen wie das schmelzende Eis an den Polkappen und ein steigender Meeresspiegel. Auch im Kleinen hat der Klimawandel fatale Folgen. Eine Biologin des Rocky Mountain Biological Laboratory in Colorado erklärte mir: Wenn es wenig schneit und der Schnee früher schmilzt, blühen Blumen verfrüht. Ist doch schön, mag man denken. Aber dann sind die Bestäuber noch nicht so weit - wenn die Bienen anfangen zu fliegen, sind die Blumen schon verblüht.

SPIEGEL ONLINE : Was ist Ihr Fazit?

Schaefer: Auch wer den Sommer liebt, sollte den Winter nicht gering schätzen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Ort, von dem Sie sagen: Hier wird jeder Winterhasser bekehrt?

Schaefer: Da muss ich passen. Ich mag kein Marzipan, und kein Mensch könnte mich vom Gegenteil überzeugen. Wer den Winter gar nicht mag, soll sich einen Stapel Bücher oder ein Netflix-Abo besorgen, die Monate auf dem Sofa verbringen und weiter im Sommer verreisen. Das hat den Vorteil, dass es im Winter in vielen Regionen weiterhin einsamer bleibt.

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