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Namibia: Kolonialnamen von der Landkarte getilgt

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Von Lüderitz zu !Nami=Nüs Namibia trennt sich von deutschen Ortsnamen

Die deutsche Kolonialherrschaft war bis vor kurzem in die Landkarte Namibias eingebrannt: mit Orten wie Lüderitz und Schuckmannsburg. Doch nun müssen sich deren Bewohner an Namen mit Klicklauten gewöhnen - nicht alle sind damit einverstanden.

Hamburg - Lüderitz und Schuckmannsburg klingen zwar deutsch, doch Orte dieses Namens liegen an der Südwestküste Afrikas - in Namibia. Sie erinnern noch heute an die Kolonialherren, die das Land zwischen 1884 und 1919 beanspruchten. Damit ist laut der Zeitung "The Namibian" nun Schluss.

Nach dem Willen der namibischen Regierung heißt die Hafenstadt Lüderitz nun !Nami=Nüs, wobei die Zeichen in dem Wort für die Klicklaute der indigenen Bevölkerung stehen. Die 800-Einwohner-Ortschaft Schuckmannsburg erhält ihren alten Namen Luhonono zurück, und auch der bei Touristen beliebte Caprivi-Streifen wurde auf den Namen Sambesi umgetauft.

Es handelt sich bei Letzterem um eine Region, die aus dem ansonsten eher rechtwinklig geformten Land herausragt wie ein Wurmfortsatz. Dieser Zipfel wurde Teil Namibias, als der deutsche Graf Georg Leo von Caprivi den Landstrich bei einem Gebietstausch mit den Briten einforderte: während London die Hochseeinsel Helgoland und eben den Caprivi-Streifen abtraten, gab Berlin seine Gebietsansprüche an der Ostküste Afrikas auf.

Caprivi war zwischen 1890 und 1894 Reichskanzler und direkter Nachfolger Bismarcks. Namenspaten für die anderen beiden Orte waren der deutsche Tabakhändler Adolf Lüderitz und Bruno von Schuckmannsburg, kaiserlicher Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika.

Widerstadt gegen die namibischen Namen

Die nun erfolgte Umbenennung dieser Orte steht zwar im Zusammenhang mit einer Verwaltungsreform. Doch offenbar steckt mehr hinter der Aktion. So wie in der Vergangenheit auch in anderen Staaten wie Indien Städte von ihrem kolonialen Beigeschmack befreit wurden - heute heißt es zum Beispiel Mumbai statt Bombay -, so will offenbar auch Namibia zu seinen Wurzeln zurück. "Durch die Namensänderung werden viele Menschen mehr über die Geschichte lernen", sagte Jan Scholtz, Lokalpolitiker in Lüderitz.

Doch in Internetforen echauffieren sich die Ersten schon über den Vorstoß. Unter den Artikeln im "Namibian" streiten sich die Leser darüber, wie sinnvoll es ist, neue Namen zu vergeben - und machen ihrem Ärger Luft. "Die deutsche Kolonialperiode - und damit auch die Ortsnamen - sind Teil von Namibias Geschichte", schreibt ein Leser namens Rudolf. Viele begrüßen die neue Bezeichnung aber auch und freuen sich, nun nicht mehr "Caprivier" zu sein. "Wie ich es gehasst habe, nach einem deutschen Kolonialisten bezeichnet zu werden", schreibt Leser Sinambao.

Warum der Landstrich, der wie ein Korridor Angola und Botswana trennt und der für seine Nationalparks mit wilden Gewässern und Tieren berühmt ist, aber ausgerecht in Sambesi umbenannt wurde, dafür hat manch ein Bürger kein Verständnis. "Wir haben doch schon den Fluss Sambesi", schreibt Junior wobubeli. Und wie man den neuen Namen des ehemaligen Lüderitz' aussprechen soll, ist einigen Lesern schleierhaft. "Kann das mal jemand phonetisch wiedergeben?", schreibt Giordano Stolley.

Um gegen die Umbenennung in !Nami=Nüs zu protestieren, haben einige Namibier sogar eine SMS-Kampagne gestartet. Sie geben an, nicht in den Umbenennungsprozess einbezogen worden zu sein. Diesen Vorwurf weist der an der Verwaltungsreform beteiligte Alfred Siboleka jedoch zurück. Alle Kommissionstreffen seien öffentlich gewesen, sagte der Richter laut "The Namibian".

Auch in der deutschsprachigen "Allgemeinen Zeitung", die in Namibias Hauptstadt Windhoek erscheint, kommen verärgerte Anwohner - wohl deutscher Abstammung - zu Wort. "Ich habe noch immer die Hoffnung, dass dies ein Missverständnis ist und lediglich der Wahlkreis umbenannt wurde und nicht die gesamte Stadt", sagt der Lüderitzer Hotelier Ulf Grünewald. "Ich halte überhaupt nicht viel davon", sagt der Historiker Andreas Vogt. "Die Identität der Stadt wurde zerstört, das ist kultureller Raubbau." Ein weiterer Leser sieht es gelassen: "Ich gebe dem Streit um die neuen Ortsnamen einen Monat - dann ist er Geschichte."

jus