Chaos im Luftverkehr Tausend Feldbetten für den Frankfurter Flughafen

Nach der Luftraumsperre geht am Frankfurter Flughafen nichts mehr: Vor den Schaltern bilden sich lange Schlangen, das Personal verteilt Getränke, der Transitbereich wird zum Schlafsaal. Der Vulkanausbruch auf Island hat das größte Chaos seit den Terroranschlägen vom 11. September ausgelöst.

Von , Frankfurt am Main


Ganze Familien haben es sich auf dem Fußboden bequem gemacht, Kinder schlafen auf vollgepackten Gepäckwagen. Menschenschlangen winden sich durch den Terminal 1. Eine, die zu Schaltern der Lufthansa führt, ist Hunderte Meter lang. "So etwas habe ich noch nie gesehen", sagt ein Mann erschrocken, der gerade angekommen ist.

Dementsprechend blank liegen die Nerven der Wartenden am Freitagmittag am Flughafen von Frankfurt. Deutschlands größtes Luftverkehrsdrehkreuz gleicht einer einzigen großen Wartehalle.

Ein kleines Mädchen schluchzt wild, ein paar Meter weiter ist eine Frau ebenfalls den Tränen nah. Und Andrea Schinzel sieht hundemüde aus. Um vier Uhr am Morgen ist die 38-Jährige Fränkin von zu Hause aufgebrochen, "seit acht stehe ich in der Schlange", sagt sie. Jetzt ist es kurz vor elf. Und die Frau mit dem blonden Haaren ist noch geschätzt 30 bis 60 Minuten von den Mitarbeiterinnen der Lufthansa entfernt, die verzweifelt versuchen, das Chaos unter Kontrolle zu bringen.

Mindestens noch bis 20 Uhr werden alle Flüge an dem Airport ausfallen, das weiß Schinzel allerdings noch nicht. Eigentlich sollte das ihr großer Tag werden. Sie will nicht einfach in den Urlaub fliegen, sondern auswandern: "Nach Arizona zu meinem Freund", sagt sie. Als sie am Morgen die Haustür schloss, dachte sie aufgeregt, es sei das letzte Mal für lange Zeit.

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Frankfurter Flughafen: Stillstand wegen Aschewolke
Nun könnte sich der Aufbruch ins neue Leben um Tage verzögern. Die Vulkanasche aus Island hat den Großteil des Luftverkehrs über Europa lahmgelegt. Allein am Freitag werden 17.000 Flüge ausfallen, wie die europäische Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol erklärte. 60 Prozent des gesamten Verkehrs. Zwölf Länder in Europa, darunter Deutschland, haben ihren Luftraum ganz oder teilweise gesperrt.

Größter Ausfall seit dem 11. September

Wann der Alptraum für die Reisenden vorbei ist und sie endlich weiterkönnen, lasse sich "zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen", teilt eine Sprecherin der Deutschen Flugsicherung (DFS) nüchtern mit. Mindestens 24 Stunden wird die Wolke den Flugverkehr jedenfalls noch lähmen.

Der Ausfall stürzt die Flughäfen in das größte Chaos seit den Terroranschlägen vom 11. September. Am Flughafen in Frankfurt etwa steht der Betrieb seit acht Uhr morgens endgültig still. Besonders hart trifft es die Transitreisenden, die nur umsteigen wollten und kein Visum für Deutschland haben. Sie müssen in dem abgesperrten Transitbereich warten, bis sie weiterkommen. Man tue für sie alles, was möglich sei, sagt ein Sprecher. Schon am Donnerstagabend wurden wegen zahlreicher Flugausfälle tausend Feldbetten aufgestellt, am Freitagabend sollen noch einmal 500 dazukommen. Getränke und warme Speisen werden ausgeteilt. Trotzdem dürften die Reisenden sich fühlen wie eingepfercht.

Wenn der Luftraum länger gesperrt sei, müssten "sicherlich noch weitere Überlegungen angestellt werden", wie man die Lage erträglicher machen kann, sagt der Flughafensprecher. Mehr wisse man nach der nächsten Lagebesprechung.

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Flugverkehr in Europa: Warten auf die Wolke
An solchen Tagen muss man als Airport-Angestellter starke Nerven haben, Flexibilität zeigen. Dutzende Kollegen aus den Lufthansa-Büros im Obergeschoss sind schon am Morgen dem Schalterpersonal zu Hilfe geeilt. Nun gehen sie an den Warteschlangen auf und ab, verteilen Schokoriegel und informieren.

Trotz des Großeinsatzes werden die Warteschlangen vor den Schaltern aber länger und länger. Irgendwann geht ein Angestellter mit einem Megafon durch den Terminal, fordert die Leute auf, einfach zum Airport-Bahnhof zu gehen und einen Zug zu nehmen. Das Gepäck, so es denn schon aufgegeben sei, werde nachgeschickt. Auch das Ticket ersetzt. "Sie bekommen Ihr Geld zurück", beschwört der Mann in Lufthansa-Uniform die Umstehenden. Der Umtausch des Flugtickets in einen Bahn-Voucher, den die Lufthansa sonst anbietet, ist nun offenbar nicht mehr nötig. Schließlich stehen sich die Leute auch an dem dafür vorgesehenen Schalter die Beine in den Bauch.

Allerdings ist die Lage in den Untergeschossen des Flughafens, wo Autovermieter und die Bahn ihre Dienste anbieten, kaum besser. Im Reisezentrum stehen die Kunden Stunden, bevor sie drankommen. "Ich muss nach Graz und bin seit gestern Abend unterwegs", sagt ein Geschäftsmann, der gerade einige Tage in Indien war. Die Zugfahrt wird, wenn er eine Verbindung und ein Ticket hat, nochmal mindestens neun Stunden dauern. Es ist ein Alptraum. "Aber es kann ja niemand etwas dafür", sagt er.



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