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Chumbe Island: Ökoidylle vor Sansibar

Foto: Florian Sanktjohanser

Sansibars Ökoinsel Biostunde im Luxusresort

Ein Luxusresort im Naturschutzgebiet? Auf Chumbe Island versucht man, krasse Gegensätze zu vereinen. Auf der Zwerginsel vor Sansibar wird Gästen und Schulkindern der Wert eines Korallenriffs vermittelt. Die Idee zur Ökoidylle hatte eine deutsche Auswanderin.
Von Florian Sanktjohanser

Ulfat tastet sich zum Heck des Holzboots, in knöchellangem Kleid und Schwimmweste, mit Taucherbrille und Schnorchel. Sie zögert, dann lässt sie sich auf den schwarzen Gummiring im Wasser plumpsen. Die 16-Jährige aus Sansibar steckt den Kopf in die Unterwasserwelt - und sieht zum ersten Mal in ihrem Leben ein Korallenriff. Wälder von Geweihkorallen, riesige Kuppeln gelber Porenkorallen, ausladende Tischkorallen, Seeanemonen breiten sich vor ihr aus.

Und sie sieht, dass diese Tiere keine bunten Steine sind. Dafür wurden Ulfat und ihre 13 Klassenkameraden nach Chumbe Island eingeladen, auf die Zwerginsel vor Sansibars Hauptstadt Stonetown, vielfach preisgekrönter Zwitter aus Naturschutzgebiet und Luxusresort.

Mawe na miamba, Steine und Felsen. Ein anderes Wort habe es im Kisuaheli für Korallen bis vor 20 Jahren nicht gegeben, erklärt Sibylle Riedmiller, gebürtige Heidelbergerin und Gründerin des privaten Marinereservats Chumbe. Viele Fischer auf Sansibar hätten daher immer noch kein Problem damit, sie beim Dynamitfischen zu sprengen. "Aber wenn man Korallen sieht, dann weiß man, dass sie keine Steine sind, sondern Lebewesen", sagt die 66-Jährige.

Deshalb lädt Riedmiller, die seit 1982 in Tansania lebt und lange für die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) gearbeitet hat, seit 14 Jahren Schulkinder nach Chumbe ein: Um die Fischer von morgen zu überzeugen, dass sich der Schutz der Korallenriffe lohnt.

Solarstrom für die LED-Lampen

Mehr als 5000 Schüler und 800 Lehrer haben seitdem Chumbe besucht - alle gratis. Bezahlt werden die Ausflüge von den wenigen Urlaubern in dem Resort. Maximal 14 Besucher dürfen sich gleichzeitig auf der Insel aufhalten. Die Übernachtung all inclusive kostet in der Hochsaison 270 Dollar, Tagesausflügler zahlen 90 Dollar. Zwischen Palmen und Büschen verstecken sich sieben einfache Bungalows aus heimischen Hölzern, entworfen von Per Krusche, einem Professor der Technischen Universität Braunschweig.

"Das Dach aus Palmblättern ist designt wie eine Riesenmuschel", erklärt Ulrike Kloiber, die 31-jährige Meeresbiologin und Reservatsmanagerin aus Österreich. Die Konstruktion leitet das Regenwasser in ein Filterbecken, von dort fließt es weiter in die 15.000-Liter-Zisterne. Angestellte pumpen das Duschwasser jeden Tag per Hand hoch, Solarpaneele erwärmen es und erzeugen den Strom für die kleinen LED-Lampen. Generatoren gibt es auf Chumbe nicht, auf eine Klimaanlage müssen Gäste deshalb verzichten. "Aber die Bungalows sind so gebaut, dass immer die Meeresbrise durchzieht", sagt Kloiber.

Auch eine Klospülung sucht man vergeblich. "Wenn man die Toilette benutzt, wirft man zwei Schaufeln Komposterde nach für die Zersetzung", erklärt Kloiber. Bisher habe sich kaum ein Gast über die fehlenden Annehmlichkeiten beschwert. "Die Leute wissen, worauf sie sich einlassen, und dass hier die Natur der Luxus ist."

Der tansanischen Regierungsdelegation, die Chumbe nach der Vollendung 1998 besuchte, war diese Spielart des Luxus fremd. "Die Beamten waren überhaupt nicht zufrieden", erinnert sich Sibylle Riedmiller. "Sie sagten, das sei primitiv, kein richtiger Tourismus. Fernseher fehlten, und ein Swimmingpool auch."

Kerngesunde Korallengärten

Nicht nur die Gäste, auch die Schnorchler draußen am Riff scheint das nicht zu stören. "Ich habe drei Schildkröten und einen Oktopus gesehen", ruft Alex aus New York, nachdem sie zurück ins Boot geklettert ist. "Das war besser als das Great Barrier Reef", sagt ihre Freundin Shauna, die gerade auf Weltreise ist und sich einen Tagesausflug nach Chumbe geleistet hat. Die brünette 30-Jährige hat im Reiseführer den Eintrag über das Ökoparadies gelesen - und würde am liebsten abends nicht zurück nach Stonetown fahren.

Es hätten schon Tagesgäste beim Abschied geweint, erzählt Kloiber. Liebhaber der Unterwasserwelt glauben das sofort. Selten bekommt man so kerngesunde Korallengärten zu sehen wie vor Chumbes Westküste. "90 Prozent der Hartkorallen, die in Ostafrika vorkommen, wachsen hier", erklärt die Biologin. Über und zwischen ihnen schwimmen mehr als 400 Arten von Fischen.

Der prächtige Zustand des Riffs ist mehreren glücklichen Umständen geschuldet. Die Strömung zieht das Abwasser Stonetowns nach Norden, von Chumbe weg. Und die Westseite der Insel war lange als militärisches Sperrgebiet für Fischer tabu. "So haben kaum Anker oder Speerfischer das Riff beschädigt", sagt Kloiber. Ein weiterer Grund für den guten Zustand könnte sein, dass Tauchen mit Pressluftflaschen im Meeresschutzgebiet verboten ist. Die meisten Schnorchler bleiben an der Wasseroberfläche, kommen den fragilen Korallen also nicht zu nahe.

Nicht nur Kinder, auch erwachsene Fischer aus Sansibar würden zu Bildungsausflügen nach Chumbe eingeladen, sagt Kloiber. "Sie sollten verstehen, warum sie in der Schutzzone nichts mehr fangen dürfen. Nur verbieten bringt nichts." Anfangs hätten die Fischer heftig reagiert, wenn sie in der Schutzzone von einem Patrouillenboot erwischt und ermahnt wurden. Mittlerweile gebe es kaum noch Reibereien. Die Fischer kämen sogar gern auf Einladung nach Chumbe. Ein nachhaltiges Umdenken erhofft sich Kloiber aber eher von der Arbeit mit den Kindern.

Rotducker und Palmendiebe

Auch auf Sansibar gibt es längst Umweltprobleme. Wer aus dem zugebauten Partyort Nungwi oder dem engen Stonetown anreist, empfindet Chumbe als Fleckchen heile Welt. Dichter Wald überwuchert die 1,3 Kilometer lange Insel. Auch er ist streng geschützt. "Nicht einmal Wissenschaftler dürfen Proben von hier mitnehmen", sagt Kloiber auf dem Spaziergang durchs dichte Grün, "genau wie im Riff."

90 Prozent des Waldes bleiben daher ganz sich selbst überlassen. Deshalb sehen Besucher auch so selten einen der Sansibar-Rotducker. Die vom Aussterben bedrohten Zwergantilopen wurden im Jahr 2000 auf Chumbe ausgewildert. Größer ist die Chance, einem Palmendieb zu begegnen - allerdings nur nachts. Tagsüber verstecken sich die bis zu vier Kilogramm schweren Riesenkrebse in den vielen Höhlen, die neben dem schmalen Weg im scharfkantigen Korallenboden klaffen.

Für Ulfat und ihre Mitschüler geht der Tag auf Chumbe zu Ende. Als sie sich unten am Strand fürs Gruppenfoto versammeln, fragt Ulrike Kloiber, was ihnen am besten gefallen hat. "Das Interessanteste waren das Korallenriff und all die Lebewesen darin", sagt Ulfat brav. Vielleicht werden diese Kinder tatsächlich zu Keimzellen eines grünen Umdenkens in ihren Dörfern. Da sie gesehen haben, dass Korallen viel mehr sind als mawe na miamba.

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