"Coast Starlight" Nostalgietrip im Supermodel-Sitz

Eine Fahrt mit dem "Coast Starlight" entlang der US-Westküste ist ein Ausflug in die Vergangenheit - als Reisen noch gemächlich und Sitze geräumig waren und als Johnny Cash über Zugerlebnisse sang. Tim Maxeiner sinniert über die Faszination, die Bahnfahren noch immer ausübt.

Tim Maxeiner

Seine Schuhe wühlen den Staub vom Wüstenboden auf. Nach einem kurzen Sprint parallel zu den Gleisen wagt der Mann den Sprung: Die Hände greifen nach der offenen Tür des Wagons, die Beine heben vom Boden ab. Geschafft. Der Mann sitzt auf dem rauen Holzboden des Wagons und starrt auf die vorbeiziehende Landschaft. Solch eine Szene hat sich im späten 19. und frühem 20. Jahrhundert unzählige Male abgespielt, damals, als heimatlose Wanderarbeiter auf Güterzügen durch Amerika reisten. Einer der berühmtesten der sogenannten Hobos ist Jack London. Nach dem Schriftsteller ist auch der Ausgangspunkt meiner Reise benannt.

Noch ein bisschen schlaftrunken nach einem Abend in den Bars von San Francisco schlendere ich auf den Bahnsteig der Jack London Station in Oakland. Am Abend will ich in Los Angeles sein, nach 600 Kilometern und 13 Stunden mit dem "Coast Starlight". Aus der Ferne tönt ein langes Hupen. Von einem Frachtschiff? Das wäre nicht so abwegig, denn die Jack London Station liegt nicht weit von Oaklands Hafen entfernt.

Dann aber sehe ich den Zug langsam aus der Ferne heranrollen: Scharfe Kanten, eckige Fenster und eine rammbockartige Metallkonstruktion vor der Lokomotive lassen den "Coast Starlight" wie eine Mischung aus Schneepflug und Eisbrecher aussehen. Keine Spur von modernem Styling. In den USA ist eine Eisenbahn noch aus Eisen.

An der Tür des silbernen Doppelstockwagens schickt mich eine Schaffnerin in blauer Uniform die Treppe hinauf zu meinem Sitzplatz. Amerikaner lieben es bequem. Der Waggon ähnelt einem großen Reisebus, aus dem die Hälfte der Sitze entfernt worden sind. Die erstaunlich große Beinfreiheit bringt der ältere Herr, der hinter mir Platz nimmt, auf den Punkt: "Ich nenne sie Supermodel-Seats, denn hier sollten auch Ladys mit extra langen Beinen keine Probleme haben."

Cash und seine Liebe zur Eisenbahner-Tochter

Langsam und leise kommt der Zug ins Rollen - nur das rhythmische Rattern der Gleise ist zu hören. Er passiert die Vororte von Oakland, in denen sich Trailerparks, Industriehallen und Wohnanlagen aneinander reihen. Der "Coast Starlight" fährt hier seit den siebziger Jahren entlang. Nach einer Weile ertönt die Stimme einer Frau in den Zuglautsprechern, die sich als Sally vorstellt. Noch eine halbe Stunde könne man Frühstück im Speisewagen ordern. Aber viel wichtiger, wir lägen bestens in der Zeit. Um genau zu sein, sind wir sogar 20 Minuten zu früh dran.

Das ist nicht immer so. Die halbstaatlichen Amtrak-Züge sind für ihre Verspätungen berüchtigt. Erdrutsche, Gleisarbeiten und langsame Güterzüge halten den Personenverkehr oft auf. In San Jose, dem ersten Halt meiner Reise nach Los Angeles, steige ich aus und will ein wenig frische Morgenluft schnappen. "Ist das der Zug aus Oakland?", fragt ein älterer Herr. Als ich mit "Ja" antworte, bricht er in lautes Lachen aus: "Ein Amtrak-Zug zu früh! Dass ich das noch erlebe, das gibt's doch gar nicht."

Ich genieße die gemächliche Fahrt in meinem Supermodel-Sitz und sinniere über die Faszination, die die Eisenbahn noch immer auf die Menschen ausübt - als Symbol für Romantik, Fernweh und Reisen. Willie Nelson, Jimi Hendrix, Bob Dylan, Elvis Presley oder Bruce Springsteen - all diese Musiker sangen über ihre Zugerlebnisse. Johnny Cash hat so viele Songs geschrieben, die von der Reise auf den Schienen erzählen, dass man ein ganzes Album damit füllen könnte. In "Waiting for a Train" wird Cash von einem Bahnarbeiter als "Railroadbum" beschimpft und in Texas aus dem Zug geworfen. In "The Evening Train" singt er über den Verlust einer Frau. Mit "Daughter of a Railroad Man" widmet er sogar einer Eisenbahner-Tochter ein Lied.

Große Farmen mit riesigen Gemüsefeldern bestimmen inzwischen das Landschaftsbild. Mexikanische Saisonarbeiter sitzen tief gebückt in den Feldern. Wir passieren den Ort Gilroy, der mit dem Slogan "Garlic Capital of the World" wirbt. Angesichts von so viel Knoblauch bin ich froh, dass der Zug hier nicht hält. Kurze Zeit später rauschen wir durch eine weitere Gemüse-Metropole - Castroville - laut Eigenwerbung "Welt-Zentrum der Artischocke".

Aber nicht nur Gemüse blüht in dieser Gegend. Salinas, die "Salad Bowl" Amerikas, ist durch den Nobelpreisträger für Literatur, John Steinbeck, bekannt geworden. In Salinas selbst befindet sich das "John Steinbeck Center", wo unter anderem Steinbecks "Rosinante" ausgestellt ist, das Auto, mit dem er seine große Amerika-Rundreise unternahm. Dieses Abenteuer inspirierte ihn unter anderem zu seinem Buch "Travels With Charley - In Search of America".

"Sonst werden wir noch Fluchthelfer"

Die Gleise führen weiter in Richtung Paso Robles. "Alle Passagiere werden herzlich zu einer Weinprobe in den Speisewagen eingeladen", sagt Sally durch. Im Speisewagen treffe ich Troy. Er kommt aus Kanada, sitzt schon seit Seattle im Zug und ist seitdem sozusagen auf einer durchgehenden Weinprobe - unterbrochen von dem ein oder anderen Bier. Serviert werden Weine aus der Region. Weiß und Rot. Troy erzählt mir ganz stolz, dass seine Familie mehrere Häuser besitzt, verteilt auf die ganze Welt. Er würde normalerweise immer fliegen, aber die Aussicht aus dem "Coast Starlight" sei einfach unschlagbar und "außerdem gibt's im Flugzeug keine Weinprobe".

Die Szenerie könnte nicht kontrastreicher sein. Auf der rechten Seite des Zuges zischt eine atemberaubend grüne Hügellandschaft vorbei, die immer wieder von Felsen zersetzt ist. Auf der linken Seite kann der Reisende die Architektur des "Salinas Valley State"-Gefängnisses bewundern. Es dauert nicht lange, bis Witze durch den Wagon fliegen. Troy meint trocken: "Zum Glück ist betrunken Zugfahren kein Vergehen." Selbst der Lokomotivführer zeigt bei seiner Durchsage Humor und teilt mit: "Wir bemühen uns um eine schnelle Weiterfahrt, sonst werden wir noch zum Fluchthelfer."

Später, hinter Paso Robles, verläuft der "State Highway 101" streckenweise parallel zu den Bahngleisen. Truck an Truck ziehen an unserem Fenster vorbei. Der Zug fährt ein bisschen schneller als ein roter Truck auf dem Highway. Wenn sich der Fahrer also an die Geschwindigkeitsbegrenzung hält (was Trucker im Normalfall nicht tun), sollten wir ungefähr mit 60 Meilen pro Stunde unterwegs sein. Zugfahren in Amerika ist ziemlich entspannt.

Der nächste Halt ist San Louis Obispo. Ich mache es mir im Panorama-Wagen gemütlich, denn das spektakulärste Stück der Strecke kommt jetzt. Der Zug biegt hier Richtung Westen zur Küste ab. Auf einer einsamen Straße neben den Gleisen läuft ein Kerl, der einem Hippie-Film entsprungen zu sein scheint - barfuß und mit einem bunten "Flowerpower"- Rucksack bepackt. Wie er da so steht und dem Zug hinterher schaut, könnte er einem fast leid tun. Dabei kostet das Zugticket nicht die Welt. 52 Dollar für die 600 Kilometer von San Francisco nach Los Angeles. Das sind zirka 0,08 Dollar pro Kilometer.

Surfer-Sehnsucht "The Ranch"

Neben mir nimmt James Platz. Wir kommen schnell ins Gespräch, denn auch er ist wie ich Surfer und freut sich schon auf den Küstenabschnitt zwischen Point Conception und Santa Barbara. Das auch als "The Ranch" bekannte Gebiet ist bei wellenhungrigen Surfern besonders beliebt und bietet ein paar der besten Wellen Kaliforniens. Einziges Problem: "The Ranch" ist in Privatbesitz. Somit sind die Möglichkeiten, um zu diesen Surfspots zu kommen, begrenzt. Entweder man besitzt ein Boot (was die meisten nicht tun) oder man nimmt eine längere Wanderung auf sich und betritt das Land illegal (was die meisten nicht wagen).

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"Coast Starlight": Immer mit der Ruhe
"Ich wünschte, ich könnte aus dem Zug springen", sagt James sichtlich leidend, als die ersten Wellen in Sicht kommen. Auf der rechten Seite des Zuges taucht die Sonne in den Ozean, auf der linken rast der zunehmende Verkehr Richtung Los Angeles. In der Ferne sind schon die Lichter der Millionenmetropole auszumachen. Der Zug rollt ruhig dahin.

"Endstation Union Station" schallt es durch den Lautsprecher. Der Bahnhof ist durch Hollywood-Filme wie "Speed", "Pearl Harbor" oder "Star Trek" berühmt geworden. Kaum zu glauben, dass 13 Stunden Zugfahrt so schnell vorbeigehen können. Als ich durch das hektische Treiben des Bahnhofs laufe, hat mich die Realität wieder. Schade eigentlich.



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