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09. Oktober 2006, 10:21 Uhr

DDR-Bunker Machern

Das Versteck der Stasi

In der Nähe von Leipzig liegt in zweieinhalb Metern Tiefe ein Stück DDR-Geschichte vergraben: Der unterirdische Stasi-Bunker bei Machern bietet einen unheimlichen Einblick in die Arbeit des Geheimdienstes. Über schummrige Treppen steigen Besucher hinunter in die Vergangenheit.

Machern - Auf den ersten Blick verrät nichts auf dem 5,2 Hektar großen Gelände im idyllischen Naherholungsgebiet Lübschützer Teiche, welche eigentliche Bestimmung das Objekt hatte. Getarnt war es als Ferienanlage des VEB Wasserversorgung und Abwasserbehandlung Leipzig. Lediglich die Umzäunung und die als Sichtblenden aufgestellten Wände auf dem Gelände ließen erahnen, dass sich hier mehr als ein harmloses Urlaubsdomizil befand. Bei genauerem Hinsehen erkennt der Besucher schwarze, an Riesenpilze erinnernde Konstruktionen auf dem Rasen - Belüftungsrohre und Notausstiege des Bunkers.

Der sollte im "Ernstfall" als Unterkunft für die Führungsriege der Bezirksverwaltung Leipzig des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) dienen. "Nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 hatte Stasi-Chef Erich Mielke 1966 angeordnet, für alle Stasi-Bezirksverwaltungen Ausweichquartiere einzurichten", berichtet Tobias Hollitzer vom Leipziger Bürgerkomitee. Der aus der Bürgerbewegung der Wende hervorgegangene Verein ist Träger der Gedenkstätte im ehemaligen Hauptquartier des Leipziger Stasi-Generals Manfred Hummitzsch und betreibt auch das Museum im einzigen heute für Besuchern zugänglichen Stasi-Bunker, der zwischen 1968 und 1972 unter dem Decknamen "Ufer" gebaut wurde.

Den 2500 hauptamtlichen Mitarbeitern der Stasi hätten im Verteidigungs- und Krisenfall gut 600 konspirative Objekte, von der Wohnung über Einfamilienhäuser bis hin zu Gaststätten und Schulungsheimen, zur Verfügung gestanden. "Die Arbeit der Stasi sollte ungehindert weiterlaufen, egal, ob Bomben gefallen wären oder es zum inneren Notstand gekommen wäre", sagt Hollitzer.

Als die Bürger der DDR im Herbst 1989 die Wende erzwungen hatten, konnten die zur Auflösung der Stasi gebildeten Komitees erstmals Einblick in die Planungen der Geheimdienstler nehmen. Nahezu zeitgleich entdeckte der damalige Pfarrer von Machern den Bunker an den Lübschützer Teichen. Hier hätte Hummitzsch im Ernstfall mit rund 120 Mitarbeitern sowie sowjetischen Verbindungsoffizieren Unterschlupf finden sollen.

"Aufspüren, bekämpfen, liquidieren"

Wie Hollitzer erklärt, hätte der Führungsstab vom Bunker aus dafür sorgen sollen, dass die "staatliche Sicherheit gewährleistet" worden wäre. Dazu gab es unter anderem umfangreiche Listen mit Personen, die interniert und isoliert werden sollten, waren Pläne entwickelt worden, wie "feindliche Elemente liquidiert, eingeschleuste Gruppen aufgespürt und Staatsverbrecher bekämpft" werden sollten. Im Bunker standen dafür 16 Arbeits- und Schlafräume zur Verfügung, hinzu kamen Küche, Sanitärräume und eine Krankenstation.

Herzstück der Anlage war die Nachrichtentechnik. Besucher des Bunkers sehen auf dem Gelände unter anderem das Wohnhaus des Bunkerkommandanten, Aufenthaltsräume, Feuerlöscheinrichtungen - nicht einmal die Feuerwehr hätte im Fall eines Brandes auf das Gelände gedurft - und eine große Halle. An beiden Seiten der Halle sind noch die Laufanlagen zu sehen, an denen nachts Hunde das Gebäude sicherten. In der Halle selbst stehen Kisten und Ausrüstungsgegenstände, geben Informationstafeln Auskunft über die Arbeit des DDR-Geheimdienstes.

Auf Knopfdruck rollt eine schwere Betonplatte beiseite und gibt eine Treppe frei, über die es in die Tiefe des Bunkers geht. An einer Eingangsschleuse hätten die Stasi-Offiziere bei Bedarf chemisch, biologisch oder atomar verseuchte und verstrahlte Kleidung ablegen und anschließend duschen sollen. Eingeschweißt liegen noch immer frische Uniformen bereit. "Allerdings ist nicht alles original aus diesem Bunker, viele Gegenstände haben wir aus anderen Stasi-Bunkern geholt", erklärt Hollitzer.

Staatliche Plünderer

Denn der Bunker bei Machern war - wie viele andere Stasi-Objekte auch - von den Geheimdienstlern selbst geräumt oder schlicht geplündert worden. Und zu den Plünderern gehörten zur Wendezeit mitunter sogar staatliche Organe: "Eine Telefonanlage mit 70 Anschlüssen hat sich die Polizei zur eigenen Verwendung geholt", berichtet Hollitzer lächelnd. Der Stasi-Bunker beherbergte nämlich Technik, wie sie andere Organisationen zu DDR-Zeiten niemals bekommen hätten. Gar nicht mehr vorhanden ist die russische Verschlüsselungstechnik. "Die haben die Sowjets selbst noch herausgeholt, in manchen Stasi-Bunkern mit vorgehaltener Kalaschnikow."

Dem Leipziger Bürgerkomitee ist es gelungen, eine deutschlandweit einmalige Gedenkstättenkombination einzurichten: In der sogenannten Runden Ecke, dem Dienstsitz der Stasi-Bezirksverwaltung Leipzig, informiert sie über den bürokratischen Teil der Geheimdienstarbeit, im Bunker steht die militärische Tätigkeit der Geheimpolizei im Mittelpunkt.

Jörg Aberger, AP

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