Berlin-München Nach "missglücktem" Start - Bahn zahlt Verspätungsbonus

Die Bahn gibt sich mutig: Wer auf der neuen Strecke zwischen Berlin und München mehr als 60 Minuten Verspätung hat, bekommt den Ticketpreis plus Schmerzensgeld erstattet.

ICE bei Erfurt
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ICE bei Erfurt


Pech und Pannen haben die Deutsche Bahn bei der Einführung der Schnellfahrstrecke Berlin-München begleitet. Den Start bezeichnet selbst die Vorsitzende des Vorstands DB Fernverkehr, Birgit Bohle, als "missglückt". Am Sonntag sei keine der besonders schnellen Sprinter-Verbindungen, die die beiden Großstädte in rund vier Stunden verbinden sollen, pünktlich gewesen, sagte Bohle bei einer Telefonkonferenz. Insgesamt seien dort an dem Tag sieben Züge ausgefallen.

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ICE-Neubaustrecke: In vier Stunden von München nach Berlin

Bohle entschuldigte sich bei den Fahrgästen und bietet bis Jahresende eine besondere Kulanzregelung an: Dauern Verspätungen auf der neuen Strecke länger als eine Stunde, zahlt die Bahn den gesamten Fahrpreis zurück und gibt betroffenen Kunden einen Reisegutschein in Höhe von 50 Euro. Mit Glück wird die Rechnung für die Bahn nicht allzu hoch ausfallen: Bis zum Ende dieser Woche sollten die Störungen weitgehend behoben sein, verspricht die Fernverkehrschefin: "Wir kämpfen jeden Tag um jeden einzelnen Zug."

Probleme mit Zugsicherungssystem ETCS

Die große Fahrplanumstellung am Sonntag sei insgesamt "nicht gut gelaufen", sagte Bohle. Das habe auch mit dem Wintereinbruch an jenem Tag zu tun gehabt. Die Probleme mit dem Zugsicherungssystem ETCS (European Train Control System) auf der Strecke seien "nicht systematischer Natur". Es gehe vielmehr um einzelne Fehler, die allesamt mit der Wegmessung in den ICE-Zügen zu tun hätten und vor allem die ICE1-Züge betreffen würden.

Die Folge war nach Angaben Bohles jeweils, dass der Zug vom System automatisch gebremst wurde. Allein am Sonntag mussten deshalb acht Züge auf die alte Strecke umgeleitet werden, die ohne ETCS betrieben wird. Das ETCS in Zügen und an Strecken wird nach und nach in Europa etabliert, um mehr als 20 verschiedene Zugsteuerungssysteme zu vereinheitlichen. Die Leit- und Sicherungstechnik arbeitet elektronisch und per Funk, es gibt keine Streckensignale mehr.

Bohle wies Vorwürfe des Chefs der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, zurück, es habe keine Probefahrten für die Lokführer gegeben. Sie hätten alle Erfahrungen auf der Strecke gesammelt, sagte sie in der Telefonkonferenz, sogar mehr als es die Vorschriften vorsähen. In den ersten Wochen würden sie in Doppelbesetzung auf den ICE-Zügen fahren, außerdem sei das ETCS-System schon 2016 auf dem Abschnitt Erfurt-Halle/Leipzig eingeführt und damit nicht neu.

Schon vor der Eröffnung der Strecke waren allerdings Probleme mit dem ETCS bekannt. Wie Projektleiter Olaf Drescher dem SPIEGEL während einer Fahrt mit einem Erprobungs-ICE sagte, würden Techniker des Zulieferers Alstom noch ein paar Ungereimtheiten des Signalsystems klären. Das sei aber nichts Gravierendes. Jetzt zeigte sich: Sie waren gravierend genug, um der Deutschen Bahn einen peinlichen Auftakt ihrer Prestigestrecke zu verschaffen.

abl/dpa

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
g_bec 13.12.2017
1. Oha.
Oha. Das klingt ja fast nach "Meine Hand für mein Produkt". Aber ob das wirklich hilft, die Verspätungen bzw. deren Ursachen zu beseitigen?
schwerpunkt 13.12.2017
2.
Wie wäre es mit 1% vom Ticketpreis für jede Minute Verspätung. Bei mehr als anderthalb Stunden Verspätung fährt der Kunde so umsonst. Das wäre auf jeden Fall Anreiz für die Bahn, sich für Pünktlichkeit richtig ins Zeug zu legen.
smokyfields 13.12.2017
3. Europäisch?
Nun ja, in der Schweiz fahren die selben Züge mit dem selben Sytem (wohl aber doch nicht ganz?) seit einigen Jahren halbwegs störungsfrei. Vermutlich ist`s wirklich noch ein langer Weg zu einem einigermassen einheitlichen Europa (ETCS)... Das Klingeln des Herrn Weselsky gehört nun mal zum Geschäft. Etwas Schmalspurschulung mag schon sein, doch er übertreibt eben gern ein wenig
grilo 13.12.2017
4. Endlich ehrlich
"...bekommt den Ticketpreis plus Schmerzensgeld erstattet" Das man bei der Bahn Schmerzensgeld zahlen muss ist mir neu! UND irgendwie VERKEHRT, eigentlich sollte man von der Bahn Schmerzensgeld als Vorschuss bekommen, wenn alles gut läuft, dann zahlt man das Geld zurück. Wenn nicht, dann behält man das Geld einfach so, und spart Bürokratie.....(;-DDDD
marty_gi 13.12.2017
5. Einbruch....
Da waren halt noch die Sommerschienen aufgezogen - kommt ja auch total ploetzlich, so ein Winter.... Ganz allgemein hat die Bahn ja sowieso nur fuenf Probleme: Fruehling, Sommer, Herbst, Winter.....und die Fahrgaeste. Wenn das alles nicht waere, liefe der Laden problemlos.
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