Zahlen per App Was das Ende des Fahrscheins für Bahn-Kunden bedeutet

Die Bahn testet eine Handy-App, die den Passagier und seine Fahrten überwacht - und den Ticketpreis automatisch kassieren soll. Aber wie sollen Reisende ohne Mobiltelefon zahlen?
Ticketkauf am Fahrkartenautomat

Ticketkauf am Fahrkartenautomat

Foto: Armin Weigel/ picture alliance

Gibt es bald wirklich keine klassischen Bahntickets mehr? Diesen Eindruck konnte bekommen, wer am Wochenende die Meldung vom Ende des Fahrscheins las. Bahnchef Richard Lutz hatte angekündigt, Kunden bräuchten künftig ein Mobiltelefon, wenn sie Bahn fahren wollen . "Der Zug kann dann über das Handy eines Passagiers erkennen, dass er eingestiegen ist", sagte er. "Je nachdem, wo er aussteigt, wird die Fahrt automatisch abgerechnet werden."

SPIEGEL-ONLINE-Leser reagierten verärgert. Sie fürchten den Kontrollverlust über ihre Daten und fragen sich, ob ein solches Bezahlsystem Menschen vom öffentlichen Nahverkehr ausschließt, die entweder kein Handy besitzen oder mit leerem Akku unterwegs sind.

Hier sind Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Thema:

Wann soll das digitale Ticketing starten?

Die Bahn macht dazu keine konkreten Angaben. Laut Konzernchef Lutz befindet sich das digitale Ticketing derzeit im Versuchsstadium. "So etwas wird nicht von einem Tag auf den anderen eingeführt, sondern schrittweise", sagte ein Unternehmenssprecher auf Anfrage.

Werden Menschen noch Bahn fahren können, die kein Handy haben?

Diese Frage stellten auch viele SPIEGEL-ONLINE-Leser im Forum zur Meldung vom Wochenende. "Wie soll das denn für Menschen funktionieren, die kein Handy haben?", hieß es in einem der vielen Leserbeiträge zum Thema.

Die Bahn beschwichtigt: Man habe "die Bedürfnisse aller unserer Kundengruppen im Blick, vom ausschließlich online buchenden Vielfahrer bis zu selten mit der Bahn reisenden Senioren", heißt es in einem Statement vom Montag. "Dazu kann dann gehören, dass wir auf Wunsch eine Papierfahrkarte ausstellen."

Karl-Peter Naumann, Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn, gibt denn auch zu bedenken: "Wichtig ist, dass niemand durch ein digitales Bezahlsystem vom Verkehr ausgeschlossen wird. Es muss auch künftig Alternativen geben."

Trotzdem begrüßt auch er die Erprobung neuer Technologien. "Wenn Bahnfahren sexy sein soll, dann braucht es auch solche Entwicklungen", sagte Naumann dem SPIEGEL. Viele Kunden - junge Leute, aber auch eine Reihe von Geschäftsleuten - wünschten sich bei der Nutzung von Mobilitätsangeboten flexiblere und modernere Bezahlmethoden.

Wie will die Bahn die Daten ihrer Kunden schützen?

Viele Leser beschleicht ein mulmiges Gefühl, wenn sie der Bahn ihre Bewegungsprofile per App zur Verfügung stellen sollen. Sie fürchten den Kontrollverlust über persönliche Informationen. "Der Schutz von Kundendaten hat bei der Bahn allerhöchste Priorität", sagt dazu ein Bahnsprecher. Konkrete Angaben, wie Datenschutz beim digitalen Ticketing künftig funktionieren soll, machte er nicht.

"Es wird immer Menschen geben, die es ablehnen, persönliche Daten preiszugeben", sagt Pro-Bahn-Sprecher Naumann. "Auch für diese Kunden muss die Bahn in Zukunft eine Lösung anbieten."

Die Deutsche Bahn wäre freilich nicht das erste Unternehmen, das Bewegungsprofile von Kunden nutzt. Anwendungen wie Google Maps tun dies auch.

Gibt es bereits vergleichbare Systeme?

Das Bezahlen des Fahrpreises per Chipkarten oder Handy gehört in vielen Regionen Deutschlands schon zum Alltag im öffentlichen Personenverkehr - auch wenn die Mehrheit noch den Fahrschein aus Papier nutzt.

Im Raum Heidelberg etwa können die Fahrgäste Busse und Bahnen nutzen, ohne zuvor ein Ticket zu kaufen, geschweige denn die Tarife zu kennen. Möglich machen das zwei Apps des Verkehrsverbundes Rhein-Neckar (VRN) , mit denen man sich im jeweiligen Verkehrsmittel an- und später wieder abmeldet. Der Fahrpreis wird automatisch ermittelt.

Auch die Deutsche Bahn hatte bereits ein System im Einsatz, bei dem Ticketpreise per Handy-App berechnet wurden: Touch & Travel. Es basierte auf einer Funktion zum Ein- und Ausloggen, ähnlich wie beim VRN. Die Bahn stellte das System allerdings im November 2016 ein - angeblich hätten es zu wenig Kunden genutzt.

Was sind die Vorteile von digitalem Ticketing - und was die Nachteile?

Digitale Bezahlsysteme könnten zu geringeren Mobilitätskosten für den Verbraucher führen, "im günstigsten Fall über eine Bestpreisabrechnung", sagt Karl-Peter Naumann von Pro Bahn. Dabei werden die Fahrten des Kunden automatisch erfasst - egal, wie oft an einem Tag er ein Verkehrsmittel nutzt. Schließlich wird ermittelt, ob mehrere Einzelfahrten in Rechnung gestellt werden oder beispielsweise eine günstigere Tageskarte. Gleiches sei monatsweise denkbar.

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Problematisch ist aus Naumanns Sicht allerdings die Rechnungstellung. "Manchmal benötigt man einen Beleg schnell - etwa um Reisekosten beim Arbeitgeber abzurechnen. Da reicht es dann nicht, wenn man erst am Monatsende eine Übersicht aller Fahrten erhält."

Außerdem fordert Pro Bahn Transparenz. "Ein guter Überblick über alle entstehenden Kosten ist wichtig", sagt Naumann. "Wenn die Bahn so ein System einführt, kommen ja schnell Hunderte von Euro zusammen, sobald man einige Male in den Fernzug gestiegen ist. Das ist eine ganz andere Größenordnung, als wenn man Straßenbahn fährt und dafür 3,20 Euro zahlen muss."

Auch Bahn-Vorstand Berthold Huber wies 2016 darauf hin, dass es für die automatische Abbuchung von Fahrpreisen per App noch keine Kundenakzeptanz gebe. Er sagte in einem Interview mit dem SPIEGEL: "Bislang zeigen die Erfahrungen, dass die Kunden die Kontrolle über die Fahrtkosten nicht abgeben wollen."

Wie fördert die Regierung die Digitalisierung im Personenverkehr?

Seit Jahren gibt es Bestrebungen zur Vernetzung des öffentlichen Personenverkehrs und zur Einführung eines deutschlandweiten E-Tickets für Busse und Bahnen in Städten. Um diese Ziele voranzutreiben, unterstützt die Bundesregierung bis Herbst 2018 zwölf sogenannte Verbundprojekte mit insgesamt 16 Millionen Euro.

Bisher haben laut Bundesverkehrsministerium 370 Verkehrsunternehmen zugesagt, sich am einheitlichen E-Ticket-System zu beteiligen, das über elektronische Chipkarten und Handytickets funktionieren soll. 14 Millionen Chipkarten seien bereits an Kunden ausgegeben worden.

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