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12. Februar 2001, 18:28 Uhr

Deutsche Touristen

Nichts wie weg

Die Reiselust der Deutschen ist ungebrochen: Italien, Österreich und die Türkei sind als Ziele besonders beliebt. Die Verlierer heißen Spanien und Deutschland, wie eine neue Studie ergab.

Minuspunkte für den "Teutonengrill" in Spanien
GMS

Minuspunkte für den "Teutonengrill" in Spanien

Ihrem Ruf als Reiseweltmeister werden die Deutschen auch in diesem Jahr gerecht. Dem eigenen Land indes kehren sie zunehmend den Rücken und bevorzugen Ziele im Ausland. Die Zahl der Inlandsreisen ab fünf Tagen Länge hat im Jahr 2000 den tiefsten Stand seit zehn Jahren erreicht. Das geht aus einer neuen Studie des Hamburger BAT-Freizeitforschungsinstituts hervor. Nur 31 Prozent aller urlaubshungrigen Deutschen hielt es im vergangenen Jahr im eigenen Land, 1990 waren es noch 43 Prozent.

Ganz anders sieht es für Deutschland bei den Kurzreisen aus. Für Untergangsstimmung gebe es keinen Anlass: "Der deutsche Markt kann weiter wachsen, allerdings liegt die große Chance in den Kurzreisen", so das Forschungsinstitut. Auch nach Ansicht von Joachim Scholz, Marktforscher bei der Deutschen Zentrale für Tourismus, werden "deutsche Regionen als Kurzreiseziele immer beliebter": "Bei Übernachtungen verzeichnen wir ständig Zuwächse."

Insgesamt könne "die Tourismusbranche beruhigt sein", erklärte Horst Opaschowski, Leiter des Forschungsinstituts. Denn 52 Prozent der Befragten zog es im Jahr 2000 in die Ferne, ebenso viele wie im Jahr zuvor. Spanien hat als zweitliebstes Urlaubsland der Deutschen jedoch an Attraktivität eingebüßt: Nur noch 16 Prozent zog es in die klassischen Tourismuszentren zwischen Mallorca und Gran Canaria, ein Prozent weniger als im Vorjahr. "In Spanien zeigen sich erste Grenzen des Massentourismus", so Opaschowski, "viele Feriengebiete auf den Balearen und Kanarischen Inseln gelten als überlaufen". In spanischen Urlaubsregionen stimme aus Sicht vieler Reisender das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr; vor allem der Service lasse oft zu wünschen übrig. Die TUI Deutschland äußerte sich trotzdem optimistisch. In Spanien habe der Reiseveranstalter zwar eine Stagnation der Gästezahlen hinnehmen müssen. Doch dabei handele es sich nur um eine Korrektur der Rekordzahlen von 1998/99. "Für das kommende Jahr rechnen wir wieder mit Zuwächsen in Spanien", erklärte TUI-Sprecher Bernd Rimele.

Klare Gewinnerländer sind laut BAT-Studie Italien (neun Prozent), Österreich (sieben Prozent) und die Türkei (fünf Prozent). Alle drei Urlaubsziele konnten im Vergleich zum Vorjahr um jeweils zwei Prozent zulegen. "Also zieht die Tourismuskarawane weiter", sagte Opaschowski, "der Trend zu den Auslandsreisen scheint jedenfalls unumkehrbar".

Inzwischen achten die Touristen aber mehr auf den Geldbeutel. Billigere Hotels, weniger Souvenirs, seltener ins Restaurant und vor allem weniger Ausflüge - so versuchen die Deutschen, ihre Kosten zu senken. "Zwischen Sparzwang und Schnäppchenjagd hin- und hergerissen entscheiden sich die Urlauber für die Devise: Nichts wie weg - aber bescheidener am Urlaubsort", lautet die Einschätzung Opaschowskis.

Rosige Zeiten prophezeien die Freizeitforscher den großen Pauschalreiseveranstaltern. Jeder zweite Pauschalreisende sei mittlerweile der Meinung, er könne seinen Urlaub individuell gestalten - für die Urlauber scheint der Unterschied zu verschwimmen. Und so laufen nach Ansicht von Horst Opaschowski "auch bisherige Individualreisende in die offenen Arme der Reiseveranstalter".

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