Deutsche Weltraumtouristin Schwereloser Lebenstraum

Die Firma Virgin Galactic will ab 2009 Reisen ins Weltall anbieten. Ob der Zeitplan eingehalten werden kann, ist noch nicht klar. Dafür gibt es schon eine erste Kundin aus Deutschland. Eine Hagener Kauffrau hat für den teuren Kurztrip sogar einen Kredit aufgenommen.

Von Sebastian Christ


Der Kick kommt in 16.000 Meter Höhe. Dort klinkt das Trägerflugzeug den Raumgleiter aus, die Triebwerke zünden. Eine Druckwelle presst die Fluggäste in ihre frei schwingenden Schalensitze. Ein gewaltiges Donnern ertönt. Und das sechssitzige Gefährt schießt in einer Steilkurve Richtung Himmel. Der ist in 110 Kilometer Höhe nicht mehr blau, sondern schwarz. Und dann kommt dieser Gänsehaut-Moment, wenn der blaue Planet am Fenster vorbeischwebt.

So soll sie aussehen: diese Reise ins All, die jeder machen kann, wenn er nur dafür bezahlt. Angeboten wird der 200.000-Dollar-Trip für Extremreisende von der Firma Virgin Galactic. Firmengründer Richard Branson, der seine Milliarden unter anderem im Unterhaltungsgeschäft verdient hat, ließ dafür eigens ein neuartiges Raumschiff konstruieren. In Deutschland und der Schweiz werden die sechsstündigen Flüge exklusiv von der Firma Designreisen aus München angeboten.

Pauschalreise im Luxussegment

"Das ist das Einzige, was garantiert noch nie jemand gemacht hat", sagt Marion Aliabadi, Geschäftsführerin von Designreisen. Ihre Firma hat sich darauf spezialisiert, maßgeschneiderte Reisen im Luxussegment anzubieten. Pro Tag und Person liegt der Preis dafür bei 350 Euro aufwärts. Kurios: Der Flug in den Kosmos ist die einzige Pauschalreise im Angebot von Designreisen. Nur das Rahmenprogramm ist individuell gestaltbar.

"Wir glauben, dass besonders am Anfang viele prominente Sportler das Angebot buchen werden", ist Aliabadi überzeugt. "Später werden es aber auch normale Leute sein, vielleicht solche, die vor 40 Jahren die Mondlandung im Fernsehen geschaut und seitdem immer davon geträumt haben, ins All zu reisen." Der erste Flug soll Ende 2009 starten. Nach einigen Jahren, in denen die Entwicklungskosten für den Gleiter amortisiert werden sollen, sinkt der Flugpreis voraussichtlich auf 50.000 Dollar. So lautet der Plan bisher.

Doch wie gefährlich der Weg ins All sein kann, wurde erst Ende Juli deutlich. Auf dem Gelände der Firma, die für Branson das sogenannte "Space Ship 2" baut, kam es in der Mojave-Wüste zu einer Explosion. Zwei Menschen starben. Ursprünglich sollte der Raumgleiter Anfang nächsten Jahres vorgestellt werden. Ob der Zeitplan jetzt noch eingehalten werden kann, ist völlig unklar.

Weltweit gibt es schon über 200 Buchungen. Auch aus Deutschland hat sich bereits eine erste Kundin gemeldet: Sonja Rohde aus Hagen ist zwar keineswegs prominent, dafür aber weltraumbegeistert, wie sie selbst sagt. "Ich finde, das Weltall ist Inbegriff von Freiheit und Abenteuer", sagt die Diplom-Kauffrau, die ihr Alter geheim halten will. Das Geld für den wohl teuersten buchbaren Kurztrip aller Zeiten hat sie angespart. Für einen Teil des Preises musste sie jedoch einen Kredit aufnehmen. Dafür wird sie sich nach ihrer Landung mit einem besonderen Titel schmücken können: Dann ist sie die erste deutsche Frau im All.

Zum Schwerelosigkeitstraining in die USA

Urlaub? Daran denkt Sonja Rohde nicht, wenn sie über ihre Reise spricht. Und als Weltraumtouristin sieht sie sich auch nicht. Das klingt zu sehr nach Kleinbildkamera und Pauschalsorglosigkeit. Das Wort "Abenteuerin" gefällt ihr besser. "Das Weltall hat etwas Geheimnisvolles, und ich habe eine Entdeckerleidenschaft in mir", sagt sie. Und betont dabei gleichzeitig, dass auch der Flug nicht ungefährlich wird. Ganz so, als ob sie das Wort "Abenteuer" damit noch einmal betonen wolle.

Ein perfekt organisiertes Abenteuer: Rohde wird auf ihrem Weg zu den Sternen von einer professionellen PR-Armada begleitet. Zitate müssen von einer Öffentlichkeitsarbeiterin autorisiert werden, außerdem vertreibt eine Bildagentur exklusiv Porträtfotos von Frau Rohde. Es scheint, als wolle Virgin Galactic in Sachen Öffentlichkeitsdarstellung nichts dem Zufall überlassen.

Sonja Rohde sagt, dass sie schon als Kind ihre Leidenschaft für das All entdeckt habe. Damals hat sie von ihrer Großmutter ein Kinderlexikon geschenkt bekommen. "Als Kind habe ich dann auch immer gerne 'Captain Future' im Fernsehen gesehen, und später auch 'Space Night'", sagt sie. Natürlich habe sie auch mal davon geträumt, als Astronautin ins All zu fliegen. Doch irgendwann seien die Eltern auf sie zugekommen, beide im Familienunternehmen tätig, und hätten ihr einen realistischeren Beruf nahe gelegt. Aber der Wunsch, einmal in den Weltraum zu fliegen, den habe sie nie verloren. Schließlich habe es auch damals schon Pläne für kommerzielle Raumflüge gegeben. Doch dass es so schnell gehen würde, damit habe auch sie nicht gerechnet.

Von den Weltraumflügen mit Virgin Galactic hörte sie, als diese noch gar nicht in Deutschland verfügbar waren. Bei einer Safari in Afrika hat sie zufällig Virgin-Firmengründer Richard Branson getroffen. Der Multi-Unternehmer und Extremabenteurer hatte ihr von seinen Plänen erzählt, Rohde fing sofort Feuer. "Damals hatte ich wirklich das Gefühl, das ist der Moment, auf dem ich mein ganzes Leben gewartet habe", schwärmt sie. Und doch: Als Branson ihr den Preis für die Reise nannte, musste sie kurz schlucken: 200.000 Dollar sind nicht billig für einen sechs Stunden dauernden Flug.

Momentan durchläuft sie ein mehrstufiges Weltraum-Training, das sie in unregelmäßigen Abständen immer wieder nach Amerika führt. "Besonders das Schwerelosigkeitstraining war ein einzigartiges Erlebnis", sagt sie. Ob sie später auch mal zur ISS fliegen würde? "Klar", sagt sie. Wenn der Flug denn etwas preiswerter werden würde. Der kostet momentan nämlich noch etwa 20 Millionen Dollar.



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