Reisepleiten aus der Redaktion Immer Ärger mit Silvester

Wenn eine Party gelingen soll, dann doch bitte zu Silvester! Oft kommt es anders: SPIEGEL-ONLINE-Redakteure erinnern sich an ihre schlimmsten Jahreswechsel - von Magenkrämpfen in Hanoi bis Dauerregen in Patagonien.

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Chiloé in Chile: Hunger und Heimweh

Wir waren mehrere Wochen in Südamerika unterwegs, wollten den Winter auf der anderen Halbkugel abwettern, so jedenfalls die Idee meiner Begleiterin: Strand, Palmen, Drinks mit Schirmchen, in völliger Verkennung der Reiseroute. Einen Sinn für Geografie hatte sie nicht - dafür einen umso ausgeprägteren, geradezu seismischen Sinn für trostlose Orte, die ihr binnen Sekunden aufs Gemüt schlugen (während ich wie ein Clown um Stimmung bemüht war).

Wir nannten es bald ihren inneren Deprografen, wenn wir durch Perus Anden und Chiles Salzwüsten trotteten, von Höhenkrankheit gezeichnet. Den Jahreswechsel wollten wir auf einer Insel im Pazifik rumbringen, und keine Ahnung, was sie sich genau ausmalte - aber sicher nicht Chiloé, eine südchilenische Fischerinsel, die sich in das raue Klima Patagoniens duckt.

Ich hatte mir den Silvesterabend trotzdem ganz romantisch ausgemalt, ein Meeresfrüchtegelage in einem der typischen bunten Stelzenhäuser, literweise chilenischer Wein, vielleicht würde man mit den Tischnachbarn ins Gespräch kommen. Beim Bummel durchs Inselnest dann die Ernüchterung: Alles dicht und verrammelt, das einzige geöffnete Restaurant beherbergte eine geschlossene Gesellschaft - und aus dem nervenzersetzenden Nieselregen wurde bald ein Sturzbach.

Bunte Stelzenhäuser auf Chiloé
imago/ AlexxRobinson

Bunte Stelzenhäuser auf Chiloé

Ich wünschte, ich könnte sagen, wir haben das Beste draus gemacht, so à la Yes-Törtchen-Werbung. Oder hätten Obhut in einer Pinte gefunden, uns mit Pisco volllaufen lassen und mit stämmigen Seebären chilenische Shantys gesungen. Stattdessen schrien wir uns durch den Wind an, die Kapuzen unserer Funktionsjacken grimmig ins Gesicht gezogen, und kauften Chips und Dosenbier am letzten Kiosk, gegen den Hunger und das Heimweh im Bauch, um erschöpft und weit vor Mitternacht in unserer überteuerten Pension wegzudösen.

Florian Merkel, Chef vom Dienst

Amsterdam: Party? Wo ist die Party?

Du bist 18, Du willst es Silvester in einer coolen Stadt richtig krachen lassen - und landest am Ende frustriert bei McDonald's. So ist es mir vor langer Zeit mit zwei Freunden ergangen. Mit dem in Hamburg legendären Billigbusreise-Anbieter Rainbow Tours fahren nach Amsterdam. Auf der Hinfahrt malen wir uns die Partys aus, die uns erwarteten, mit freundlicher Unterstützung eines emsländischen Apfelkornherstellers.

Und dann breitet sich auf einmal die Stadt vor mir aus, mit Leuchtreklame, all den Coffeeshops, Kneipen und Menschen aus aller Welt. Und es passiert - nichts. Auf ähnlichen Trips hatten wir eigentlich immer Leute kennengelernt, Spaß in den abgerocktesten Vierteln gehabt. Zur Not mit dem Kassettenrekorder irgendwo an die Ecke setzen und eine Flasche Bier aufmachen. Der Rest ergibt sich.

Und nun die totale Leere. Kein Plan, wohin es gehen soll. Drei Leute, vier Meinungen an jeder Straßenecke. Wenn es sich einmal schlecht anfühlt, wird es danach nur noch schlechter. Vielleicht auch, weil Silvester eben nun mal im Winter ist und nicht im Sommer. Der Tiefpunkt war auf der Rückreise erreicht: Gefühlt zwei Stunden Pause an einer Raststätte irgendwo in Niedersachen um vier Uhr morgens, damit der Fahrer die Ruhezeit einhält.

Nils-Viktor Sorge, Stv. Ressortleiter Mobilität

Leseraufruf: Ihre Silvesterpleite
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Hamburg: Nudeln von der Tanke

Im Nachhinein lässt sich oft schwer sagen, wer's vermurkst hat. Dabei hatte die Idee eigentlich Charme: Ich besuchte in einem meiner ersten Arbeitsjahre einen alten Studienfreund in Hamburg. Der hatte sich mit anderen Freunden verabredet, die ihrerseits Leute einluden. So entstand eine Gruppe von etwa 15 Mitt- und Endzwanzigern, von denen niemand mehr als zwei bis drei andere kannte.

Ohne groß nachzufragen, hatte jemand einen Tisch in einem Restaurant im Grindelviertel reserviert. Wir setzten uns hin und baten um die Karten, doch der Kellner guckte nur verständnislos: "Karte? An Silvester gibt es nur Menü, 80 Euro pro Nase." Ich kann die Hand nicht mehr für die Summe ins Feuer legen, aber uns allen kam es einfach unglaublich teuer vor. Empört verließen wir das Restaurant.

Um uns sehr schnell sehr naiv zu fühlen. Denn niemand hatte bedacht, dass wir natürlich ohne Reservierung in keinem anderen Restaurant mehr landen würden - ist doch Silvester! Und bei unserer erfolglosen Suche lernten wir nebenbei: Menü ist absolut üblich. Und der Preis im Vergleich ganz okay.

Bald bekamen wir Hunger. Und Durst. Es war ein Desaster.

Also kauften wir Spaghetti und Fertigtomatensoße an einer Tankstelle, außerdem Bier und Sekt. Zum Tankstellenpreis. Die Nudeln kochten wir in der Wohnung eines Kommilitonen, die eigentlich viel zu klein war. Und hier kam uns die rettende Idee. Mit den Getränken zogen wir schließlich zum Philosophen-Turm der Hamburger Uni. Einer der Teilnehmer hatte nämlich den Schlüssel für ein Büro dort. Schätzungsweise: zehnte Etage.

Und so hatten wir am Ende doch eine schöne Silvesternacht: Zwar mit überteuertem Rotkäppchensekt, aber mit einem traumhaften Blick auf das Hamburger Feuerwerk. Und als Gruppe ganz allein im verlassenen Philosophenturm. Und nicht zuletzt: mit sehr netten Leuten, die zusammen echt schon etwas durchgestanden hatten.

Matthias Kaufmann, Textchef Wirtschaft und Panorama

Auckland: Feuerwerksfan ohne Feuerwerk

Ich bin ein ungewollter, aber riesiger Fan von Feuerwerk. Ich finde es einfach schön - die Farben, den Lärm, den Spaß am Unvernünftigen. Am zweiten Tag meiner Neuseeland-Reise wollte ich Silvester daher dort feiern, wo das neue Jahr mit als Erstes beginnt: in Auckland. Mit Mitbewohnern aus meinem Backpacker-Hostel lief ich auf die höchste Erhebung der Stadt, den knapp 200 Meter hohen, ehemaligen Vulkan Mount Eden - so wie Tausende andere. Trotz Hochsommer war es empfindlich kalt - so wie der Sekt in unseren Metallbechern.

Meine neue Kamera dabei, die besonders gut im Dunklen fotografieren sollte, freute ich mich über den Blick auf ein gigantisches Feuerwerk. 10, 9, ... 3, 2, 1 - und Neujahr! Der Sky Tower, der höchste Turm der Stadt, explodierte quasi - über fünf Minuten hinweg spuckte er Tausende Raketen in den dunklen Himmel.

Und dann? Nichts mehr, kaum eine Rakete, kaum ein Böller. Neuseeländer feiern eben anders - zumindest ohne privates Feuerwerk. Im Dunklen krabbelten wir wieder den Berg hinunter. Die Fotos waren unscharf. Und zudem hatte ich mir so eine heftige Erkältung aufgesackt, dass ich meine geplanten Tauchgänge im Norden Aucklands absagen musste.

Antje Blinda, Ressortleiterin Reise

Neujahr in Hanoi
DPA

Neujahr in Hanoi

Hanoi: Voll übel

Das Jahr 2011 sollte für mich in Hanoi beginnen - mit Moped-Geknatter, drei Lieblingsmenschen und einem kühlen Tiger-Bier. Der Plan war perfekt: Direktflug nach Ho-Chi-Minh-Stadt am 31. Dezember, Inlandsflug in Vietnams Hauptstadt, Ankunft gegen Mittag und noch genug Zeit, um sich im Hostel für die Party auszuruhen.

Blöd nur, dass die zwölf Stunden vor Mitternacht von Pannen geprägt waren: ein durch die Fluggesellschaft verbummelter Reiserucksack, zähes Verhandeln mit den Service-Mitarbeitern der Airline, ein fast verpasster Anschlussflug. Nach einem Sprint zum Gate saßen wir schließlich im Flugs VN 216 - und ich machte erstmals in meinem Leben Gebrauch von der Spucktüte.

Von Magenkrämpfen geschüttelt, erreichte ich den Noibai Airport. Gut, dass wir einen Transfer zur Unterkunft gebucht hatten, dachte ich noch, bevor uns der Hostel-Mitarbeiter in eine komische Gegend fuhr - und in ein feuchtes, dreckiges Zimmer führte. Das hatte ich sicher nicht gebucht! Oder doch?

In Vietnam wird viel Schindluder getrieben mit den Namen beliebter Unterkünfte. Wenn ein Haus von Gästen gut bewertet wird, eröffnen findige Geschäftsleute schnell eine neue Herberge mit exakt demselben Namen - und verwirren damit Touristen. Ich war darauf hereingefallen.

Völlig entkräftet von zwei Tagen Anreise, einem verdorbenen Magen, dem Stress am Flughafen und angeekelt von dem Hostel, startete ich mit meinen Freunden den Streifzug durch Hanoi: Ich erinnere mich dunkel an das Plastikspielzeug auf dem Nachtmarkt und die Lichter am Ufer des Hoan-Kiem-Sees. Durchgehalten habe ich nur bis 23 Uhr.

Julia Stanek, Reise-Redakteurin



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