Fotostrecke

Buch über New York: Die Welt mit anderen Augen sehen

Foto: BRENDAN MCDERMID/ REUTERS

Spaziergänge durch New York Eine Frage der Perspektive

Wie verschieden nehmen Menschen ihre Umgebung wahr? Das versuchte eine US-Psychologin auf Spaziergängen durch New York zu erkunden. Sie zog mit einem Geologen los, einem Sounddesigner und einem Kleinkind - und war überrascht, wie spannend die eigene Stadt sein kann.

Schuld waren die Hunde, mal wieder. Müsste sie mit ihnen nicht mindestens zweimal am Tag hinaus auf New Yorks Straßen, hätte Alexandra Horowitz sich vielleicht niemals so intensiv mit ihrer Umgebung beschäftigt. Auf den ewig gleichen Streifzügen mit Leine hat sie sich schließlich für ein bisschen Abwechslung von den Tieren führen lassen - und sah so, was sie all die Jahre zuvor nicht wahrgenommen hatte.

"Ich bekam das Gefühl, dass wir den Großteil unseres Lebens nur schlafwandeln", sagt Horowitz. Sie beschloss, das für sich zu ändern, und begab sich auf bewusste Wanderschaft. Über eineinhalb Jahre lang streifte sie durch Straßen, die sie zu kennen glaubte, und holte sich dafür Begleiter an die Seite, die sie durch ihre eigene Sichtweise eines Besseren belehrten - vom Insektenexperten über den Sounddesigner bis zu einer blinden Frau. Und natürlich durfte auch ein Hund nicht fehlen, die Spezies, der sie in ihrem ersten, sehr erfolgreichen Buch "Was denkt der Hund?" ein Denkmal gesetzt hat. Am Barnard College  der Columbia-Universität forscht die Psychologin zu Wahrnehmungs- und Denkprozessen von Tieren.

25 bis 30 begleitete Spaziergänge hat sie gemacht, sagt sie, von elf ausgewählten erzählt sie in "On Looking" , das unter dem Titel "Von der Kunst, die Welt mit anderen Augen zu sehen" Ende Dezember auf Deutsch erscheint - ein Buch, das so nachdenklich, offen und amüsiert daherkommt wie Horowitz, wenn sie Fragen dazu beantwortet. Man kann es als ein Sachbuch über Wahrnehmung lesen, erklärt sie darin doch auch, was bestimmt, wie wir sehen, wie unsere Entwicklung verläuft und was das Gehirn wie steuert. Vor allem aber ist es ein Plädoyer für mehr Aufmerksamkeit auf scheinbar ausgetretenen Pfaden.

Im Urlaub ist die Welt neu und aufregend - zu Hause nicht mehr

"Wenn wir im Urlaub sind, ist die Welt neu", sagt Horowitz. "Eine neue Stadt ist in jeder Hinsicht aufregend, sogar in Bezug auf die Höhe der Gebäude, die Art der Fußwege oder das Kopfsteinpflaster darunter. In unserer heimischen Umgebung verhalten wir uns so, als seien diese Dinge nicht interessant, aber sie sind es. Wo du lebst, macht auch immer jemand anders Urlaub." Sie versuchte, die eigenen Gewöhnungseffekte durch Perspektivenwechsel aufzuheben.

Man muss die Leute nur erzählen lassen und ihnen zuhören, um selbst etwas Neues im scheinbar Bekannten oder Nebensächlichen zu entdecken. So zumindest Horowitz' Erfahrung von Begegnungen mit Menschen, die einen besonderen Blick auf die Welt haben. Da ist der Typograf, der seine Umwelt nach seltenen Schriftarten absucht; der Geologe, der die Herkunft der Mauersteine bestimmen kann und versteinerte Hinweise auf längst verstorbene Tiere erkennt; der Tierforscher, der in Mauerspalten Lebensräume sieht und Vogelarten an Gesang und Gefieder identifiziert, wo andere höchstens Gezwitscher wahrnehmen.

Eine "fast intime Erfahrung" sei es gewesen, sich die anderen Weltsichten erklären zu lassen, sagt Horowitz. Besonders gern sei sie mit ihrem Sohn, der damals 19 Monate alt war, um den Block gelaufen. "Für ihn gibt es nichts, das nicht interessant genug ist zum Anschauen oder darüber Nachdenken. Da waren die Müllsäcke auf der Straße genauso spannend wie ein architektonisches Detail. Und gerade um diese Eigenschaft von Kindern ging es mir."

Manche Menschen gehen aufmerksamer durch die Welt

Dass wir nicht alles gleichwertig wahrnehmen, hat einen Grund: Haben wir uns erst an etwas gewöhnt, können wir unsere Aufmerksamkeit anderen Dingen zuwenden. "Die Evolution hat uns darauf vorbereitet", sagt die Psychologin: "Wenn wir immer alle Details wahrnehmen würden, könnten wir nie das wirklich Wichtige identifizieren." Dennoch gibt es Menschen, die aufmerksamer sind als andere - auch durch ihren Beruf. Maira Kalman  etwa, eine Künstlerin, die Horowitz begleitete, kommt durch Spaziergänge auf Ideen für ihre Illustrationen, ohne Nachdenken, nur durchs Schauen. "Wie Magie" sei das, sagt sie. "Ich sehe das ganze Leben, wenn ich spazierengehe - Menschen, Hunde, Mode, Kraft, Leidenschaft, Humor, Verzweiflung, Verwirrung. Alles."

Für Horowitz ist das bewusste Erfahren der Umwelt aber nicht nur eine Möglichkeit, den eigenen Horizont zu erweitern, sondern auch eine Gelegenheit, mittels Achtsamkeit Kontrolle wiederzuerlangen. "In vielen Metropolen fühlt man sich manchmal so, als würde die Stadt einen angreifen", sagt sie. "Menschen rempeln einen an, es ist laut und dreckig. Wenn man bewusst zuhört, bewusst schaut, fühlt es sich eher so an, als könnte man das Erlebte regulieren." Als sie mit einem Sounddesigner durch die Straßen wanderte, wartete sie beispielsweise freudig auf das nächste Geräusch, um es aufnehmen zu können, anstatt wieder einmal genervt zu sein von dem Lärm.

New York, die Stadt, in der Horowitz lebt, hat sich für sie durch ihr Buch, durch die Spaziergänge, durch die vielen neuen Ansichten verändert. Es ist für sie zugänglicher geworden, sagt sie, überraschender. Selbst in Straßen, die sie früher nicht mochte, findet sie jetzt immer etwas, das ihr gefällt. Nur eines hat sich nicht geändert: Es sind immer noch Hunde, mit denen sie am liebsten spazierengeht.

Buchtipp

Alexandra Horowitz:
Von der Kunst, die Welt mit anderen Augen zu sehen

Elf Spaziergänge und das Vergnügen der Aufmerksamkeit.

Springer Spektrum; Dezember 2013; gebunden; 384 Seiten; 24,99 Euro.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.