Diskriminierung am Strand Badeordnung verwehrt Behinderten Zugang

Aufregung in Greifswald: Wegen diskriminierender Formulierungen und Verbote muss die Badeordnung eines Strandbads geändert werden. Dem Beispiel dürften viele folgen: Etliche Saunen, Freibäder und Hallenbäder untersagen "Geisteskranken" den Zutritt.

Hamburg - Das Kleingedruckte am Freibadeingang des Strandbads Greifswald Eldena hat es in sich: "Geisteskranke", so heißt es, haben keinen Zutritt. Ebenso dürfen "Verwahrloste, Epileptiker und Personen mit Anstoß erregenden Krankheiten" nicht hinein. Wer glaubt, dass es sich um einen vereinzelten Badebetrieb in der Provinz handelt, der irrt: Dutzende Badeordnungen deutscher Schwimmbäder enthalten diesen Passus. In der Web-Suchmaschine Google werden Internetsurfer mit den Stichworten "Badeordnung" und "Geisteskranke" schnell fündig.

Dass geistig Behinderte in Badeordnungen als "Geisteskranke" bezeichnet werden, ist nach Angaben von Peter Dietrich von der Bundesvereinigung Lebenshilfe ein altbekanntes Problem - und werde von den Betroffenen als diskriminierend empfunden. Das kommunale Behindertenforum bezeichnete die Formulierungen als "übel" und "pure Ausgrenzung".

"Der Begriff ist immer noch nicht ganz verschwunden. Heute sagen wir 'Menschen mit geistiger Behinderung'", erklärt Dietrich. Bis weit in die achtziger Jahre sei der Begriff 'Geisteskrankheit' offiziell für geistige Behinderung verwendet worden. "Immer noch gehören in den Unfallbedingungen der Unfallversicherer 'Geisteskranke' zum nicht versicherbaren Personenkreis", erklärt Dietrich.

Auch die Formulierung, dass Menschen mit "Anstoß erregenden Krankheiten" keinen Zutritt haben, stößt auf seine Kritik. "Was ist Anstoß erregend? Ein Mensch, der nach gängigem Schönheitsideal korpulent ist, ist natürlich abstoßender als ein junges Mädchen im Bikini", sagt Dietrich. Der Ausschluss von Menschen mit ansteckenden Krankheiten sei hingegen verständlich.

Dagegen sei es umstritten, Epileptikern den Zutritt in Schwimmbäder zu verwehren. "Es wird immer die Gefahr genannt, dass sie unerwartet einen Anfall bekommen könnten", sagt Dietrich. "Allerdings gehört es zum Risiko eines Epileptikers, dass er solche Unfälle in Kauf nehmen muss. Die Konsequenz wäre, dass man Epileptikern auch verbieten müsste, zum Beispiel eine Straße zu überqueren."

Gegen Diskriminierung wehren

Wer auf diskriminierende Passagen in der Badeordnung der heimischen Badeanstalt stößt, kann sich durchaus wehren, erklärt Dietrich. Handelt es sich um ein Bad in kommunaler Hand, empfiehlt der Lebenshilfe-Jurist den Weg über die Gemeindepolitik. Bei Bädern, die von privaten Unternehmen betrieben werden, nimmt die Gleichstellungsstelle in Berlin Beschwerden entgegen. "Die Stelle setzt sich mit beiden Parteien zusammen und versucht, auf dem Überzeugungsweg den für diskriminierend gehaltenen Tatbestand zu entkräften."

Nach einem Bericht in der "Ostseezeitung" über die Badeordnung in Eldena hat der Betreiber des Greifswalder Strandbades reagiert. "Wir werden umgehend eine umformulierte Badeordnung aufhängen", verspricht der Verein VFAS, der vor einigen Jahren das Bad als Pächter von der Stadt übernommen hat. Einen Ausschluss geistig Behinderter gebe es in der Praxis im Strandbad nicht.

Die Formulierung sei vor Jahren aus einer veralteten Mustervorlage übernommen worden, sagte Stadtsprecherin Andrea Reimann der Deutschen Presseagentur. Wann diese Übernahme erfolgte, konnte sie nicht sagen. Die Stadt werde umgehend auf Grundlage einer aktuellen Mustervorlage des Bundesfachverbandes Öffentliche Bäder in Essen eine neue Badeordnung erlassen.

reh

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