Drama am K2 Retter erreichen italienischen Bergsteiger

Er hat Erfrierungen an den Füßen, ist geschwächt und wartete verzweifelt auf Hilfe: Nach dem Lawinenunglück am K2 in Pakistan war der italienische Bergsteiger Marco Confortola tagelang auf sich allein gestellt. Jetzt haben ihn die Retter endlich erreicht.


Islamabad - Ein amerikanischer und drei pakistanische Bergsteiger trafen am späten Montagabend auf den letzten Überlebenden des Lawinenabgangs am K2. Der 37-jährige Marco Confortola hatte seit Freitag um sein Leben gekämpft. Die Retter übernachteten mit ihm am Berg, da Confortala zu schwach war, weiter abzusteigen. Es war die vierte Nacht, die der Italiener in über 6000 Meter Höhe am zweithöchsten Berg der Welt verbringen musste.

Am Dienstagmorgen gelangte die Gruppe in ein Lager in 6000 Meter Höhe, dort soll ein Hubschrauber Confortala abholen und ins Krankenhaus in der nordpakistanischen Stadt Skardu bringen. Bisher verhindert jedoch starker Nebel am Berg einen Flug. "Seit dem frühen Morgen, ist das Wetter sehr diesig und wolkig. Es gibt ein Sichtproblem", sagte Major Farooq Firoz, ein Armeesprecher.

"Confortola war total erschöpft. Seine Füße sind sehr geschwollen, und die Stiefel sitzen nun viel zu eng", sagte Mohammed Akram, Vizepräsident der pakistanischen Abenteuer-Gesellschaft. "Er kämpft und ist schwach, aber guten Mutes." "Er bekommt medizinische Versorgung im Lager, aber wollen ihn so schnell wie möglich hier haben, damit er besser behandelt werden kann", sagte Faizanul Haq, Sprecher der italienischen Botschaft in Islamabad.

Trotz großer Erschöpfung und schweren Erfrierungen an den Füßen war der 37-jährige Bergführer am Montag am zweithöchsten Berg der Erde abwärts gehumpelt. "Gewiss, gewiss mache ich weiter. Stellt euch vor, wenn ich jetzt schlapp machte", hatte der Leiter einer italienischen Seilschaft Confortola nach einem Gespräch per Satellitentelefon zitiert. Im Basislager am K2 konnten Bergkameraden seinen Weg abwärts verfolgen. "Die Menschen im Basislager beobachten ununterbrochen seine Bewegungen und beten für ihn", sagte Akram.

Seile an den falschen Stellen

Am Montag, am zweiten Tag nach dem Lawinendrama am K2 in Pakistan, sind zwei von Erfrierungen gezeichnete niederländische Bergsteiger in ein Militärkrankenhaus geflogen worden. Wilco van Rooijen und Cas Van de Gevel konnten zuvor mit Hilfe anderer Kletterer zum Basislager in 5000 Meter Höhe absteigen.

Van Rooijen sagte der Nachrichtenagentur AP telefonisch aus dem Krankenhaus: "Bis zum Lager vier ging alles gut, auf dem Weg zum Gipfel ging alles schief." Mehrere Expeditionen hätten den ganzen Juli auf gutes Wetter gewartet, um auf den K2 zu steigen. Am Freitag, als der Wind nachgelassen habe, hätten sie dann entschieden, den Aufstieg zu wagen.

Einige der ersten Kletterer hätten Seile an den falschen Stellen gelegt, darunter auch in der besonders schwierigen Stelle, die als "The Bottleneck" (Flaschenhals) bekannt ist, sagte van Rooijen: "Wir waren überrascht. Wir mussten es ändern. Das brachte uns viele, viele Stunden vom Kurs ab. Einige kehrten um, weil sie dem nicht mehr trauten", sagte der 40-Jährige.

Diejenigen, die weiter gingen, erreichten den Gipfel kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Als die schnellsten Kletterer in der Dunkelheit wieder durch den rund 350 Meter unterhalb des Gipfels gelegenen "Flaschenhals" abstiegen, brach ein großer Eisblock ab. Van Rooijen sagte, ein Norweger und zwei nepalesische Sherpa seien in die Tiefe gerissen worden. Seine eigene Gruppe wurde in der Dunkelheit getrennt.

Die Lawine riss auch Seile und Haken im Abstieg des Bottlenecks mit sich. Die "Leute liefen runter, aber wussten nicht wohin", sagte van Rooijen: "So verliefen viele sich auf der falschen Seite des Berges, auf der falschen Route, und dann hast du ein großes Problem". Dann gab es eine "Weißblendung", wie van Rooijen sagte. Wolken waren aufgezogen, die es fast unmöglich machten, den weiteren Weg vom Gipfel herunter zu erkennen. Er sei aber weitergegangen, weil er Anzeichen von Schneeblindheit gespürt habe.

Beim Abstieg sei er an drei Koreanern vorbeigekommen, die einen Unfall hatten. Sein Angebot der Hilfe hätten sie aber abgelehnt. "Sie versuchten zu überleben, aber ich versuchte auch zu überleben." Er und zwei andere Kletterer hätten die Freitagnacht zusammengekrümmt im Schnee über dem Bottleneck verbracht, bevor er abgestiegen sei.

Der Italiener Marco Confortola erzählte über Satellitentelefon seinem Bruder Luigi: "Dort oben war die Hölle", berichtet die italienische Nachrichtenagentur Ansa, "Während des Abstiegs, in über 8000 Meter Höhe, schlief ich wegen der Höhe und der Erschöpfung im Schnee ein. Als ich aufwachte, wusste ich nicht, wo ich war."

Messner erhebt schwere Vorwürfe

Nach Angaben der pakistanischen Behörden kamen bei dem Unglück ein Franzose, ein Norweger und ein Ire ums Leben. Zudem sollen ein Serbe, drei Südkoreaner, zwei Nepalesen und zwei Pakistaner gestorben sein. Unklar blieb, ob es noch Vermisste am Berg gibt. Eine Reihe von Bergsteigergruppen hatte den Aufstieg versucht.

Der K2 im pakistanisch-chinesischen Grenzgebiet im Himalaya gilt als schwerer zu besteigen als der rund 240 Meter höhere Mount Everest. Er ist steiler, felsiger und bekannt für heftige Wetterumschwünge. Der Extremsportler Reinhold Messner warnte am Montag vor weiteren Unfällen und erhob schwere Vorwürfe gegen die Touranbieter.

jdl/abl/AP/Reuters



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