Drama am Mount Everest "Ich sterbe"

Er war sich der Gefahr bewusst: Thomas Weber litt an einer Sehbehinderung, die sich in großen Höhen verschlimmerte. Das aber hielt den Deutschen nicht davon ab, sich seinen großen Traum zu verwirklichen, und den höchsten Berg der Welt zu besteigen. Gestern Mittag starb er beim Aufstieg auf den Mount Everest.

Von Andrea Kinzinger


Hamburg - Auf dem Foto, das auf der Website des Reiseführers zu sehen war, hängt er abgesichert an einer vereisten Bergwand - mit dicken Handschuhen und Helm auf dem Kopf. Stolz und erwartungsvoll blickt Thomas Weber in die Kamera. Seit seinem zehnten Lebensjahr habe er sich für das Bergsteigen begeistert, schreibt er in seiner Kurzbiographie. Zuletzt sei er im kirgisischen Pamir-Gebirge, in Südamerika und Afrika geklettert. Auch im Himalaya war er bereits unterwegs. Geboren sei er in Stuttgart. Vor kurzem sei er jedoch nach Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, gezogen. "Dort habe ich an den höchsten Sanddünen trainiert", scherzt der Sehbehinderte.

Gefährlicher Mount Everest: Diese Saison kamen schon 14 Menschen ums Leben
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Jetzt kostete ihn seine Begeisterung für das Bergsteigen das Leben. Gestern Morgen, gegen 9.15 Uhr, ging der Hilferuf ein. Harry Kikstra, ein erfahrener niederländischer Expeditionsführer, meldete, dass Weber komplett erblindet sei, ein weiterer Aufstieg daher unmöglich. Neun Stunden zuvor war die Truppe, bestehend aus Kikstra, Weber, dem Australier Lincoln Hall und fünf Sherpas, von ihrem Camp in 8300 Meter Höhe zum Gipfel des Mount Everest aufgebrochen.

So ist es heute auf der Webseite www.mounteverest.net des Expeditionsführers Alexander Abramov nachzulesen. Gegen Mittag setzte Kikstra einen zweiten Hilferuf ab. Demnach hätte er sich mit Weber und zwei der Sherpas auf den Rückweg gemacht. Auf einer Höhe von 8700 Metern aber sei Weber zusammengebrochen. "Ich sterbe", habe er noch gesagt und das Bewusstsein verloren. 20 Minuten später sei er tot gewesen.

Dabei schien sich Weber der Gefahr für sein Augenlicht stets bewusst gewesen zu sein. So schreibt er: "Seit einigen Jahren leide ich an einer Sehbehinderung. Diese verschlimmert sich, wenn ich in größeren Höhen unterwegs bin, und führt zeitweise zu einer vollständigen Blindheit."

Das Auswärtige Amt in Berlin wollte die Identität des Deutschen nicht bestätigen. "Augenscheinlich ist der Mann in großer Höhe umgekommen, so dass es nicht möglich ist, die Leiche zu bergen", sagte Pressesprecher Michael Ebel zu SPIEGEL ONLINE. "Wir wissen nicht, wo er herkommt. Sein letzter Wohnsitz lag aber außerhalb Deutschlands." Deshalb seien auch noch keine Verwandte benachrichtigt worden.

Während Kikstra um das Leben des Deutschen kämpfte, hatte der schnellere Australier mit drei der Sherpas den Gipfel bereits erreicht. Beim Abstieg aber sei auch er zusammengebrochen. Hall habe sich in den Schnee gelegt und sich nicht mehr selbständig bewegen können, berichteten die Begleiter. Sie meldeten zunächst ebenfalls den Tod des Mannes und stellten als Ursache entweder eine Hirnblutung oder ein Lungenödem fest.

Inzwischen gibt es widersprüchliche Meldungen. So soll auf dem Weg zum Gipfel ein weiterer Alpinist den noch lebenden Mann entdeckt haben, heißt es. Er habe ihm heißen Tee sowie Sauerstoff gegeben und andere Bergsteiger per Funk informiert. Der Expeditionsleiter des Australiers habe daraufhin Sherpas und Sauerstoff hinauf zu dem Verunglückten geschickt. Er sollte in einer aufwendigen Rettungsaktion zu Tal gebracht werden.

Thomas Weber ist laut Experten-Informationen bereits der 14. Bergsteiger, der in dieser Saison am Mount Everest ums Leben gekommen ist. Grund für die hohe Todesrate sei möglicherweise das außergewöhnlich gute Wetter gewesen, hieß es. Dadurch hätten sich mehr Bergsteiger als sonst auf den Gipfel gewagt.



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