Ein Jahr nach Lawinenunglück am Everest Alter Berg, neue Probleme

Es war das schlimmste Unglück am Mount Everest: 16 Sherpas starben in einer Lawine, Hunderte Bergsteiger brachen ihre Tour ab. Ein Jahr danach ist alles beim Alten am höchsten Berg der Welt - fast.

AP

Wie jedes Jahr erwacht der Pfad zum Mount Everest im April zum Leben. Unzählige Träger laufen darauf, gebückt, um die Stirn hängt ein Trageband - mit bis zu 60 Kilogramm schweren Lasten, manchmal so hoch wie sie selbst. Maultiere schleppen sich über Hängebrücken und unter blühenden Kirschbäumen hindurch. Am Wegesrand verkaufen Sherpas Tee und Kekse oder bieten Schlafplätze an.

Auch die ausländischen Wanderer und Bergsteiger sind wieder da. Wie zu jedem Frühlingsbeginn geht es am höchsten Berg der Welt rege zu. Und doch ist nun manches anders als sonst.

Denn vor einem Jahr, am 18. April 2014, passierte das schlimmste Unglück in der Geschichte des Berges: Ein gigantischer Eisbrocken brach aus dem Khumbu-Eisfall, krachte auf den Gletscher herab und löste eine Lawine aus, die donnernd über die Everest-Aufstiegsroute fegte. 16 Nepalesen starben unter Eis und Schnee.

"Meine Mutter sagt, sie möchte nicht, dass ich noch einmal den Everest erklimme", sagt Temba Tsheri Sherpa. Der Bergführer bleibt nun in Katmandu und arbeitet als Geschäftsführer der Agentur Dreamer's Destination Treks and Expeditions. Büro statt Berg. Temba Tsheri kennt 15 Sherpas, die nach der Katastrophe ihren Beruf gewechselt haben.

Dabei ist der Touristenandrang nach wie vor groß. Rund 300 ausländische Bergsteiger sind nach offiziellen Angaben wieder nach Nepal gereist, um den 8848 Meter hohen Everest zu besteigen. Viele von ihnen waren schon im vergangenen Jahr da. Sie wollten den Mount Everest besteigen, mussten ihr alpines Vorhaben jedoch abbrechen, weil die Sherpas wenige Tage nach dem Unglück alle Touren absagten und in den Streik traten.

Gipfelticket: 11.000 US-Dollar

Hunderte Bergsteiger packten damals in Nepal ihre Sachen und hofften, bei einer Expedition in diesem Jahr dabei zu sein. Doch ob die erworbenen Lizenzen für den Aufstieg 2015 gültig sein würden, war lange unklar. Erst im März verlängerten die Behörden die Gipfelgenehmigungen - zu spät für manch einen Veranstalter. Weil die Entscheidung erst so spät fiel, mussten einige Hotels und Flüge wieder storniert, gebuchte Träger wieder entlassen werden.

Bergsteigerin Amy Liu hatte Glück, für sie kann es nun losgehen. "Unser Team ist physisch und psychologisch besser vorbereitet, wir wollen das jetzt verwirklichen", sagt die Chinesin. Diesmal solle es klappen. Im Jahr 2013 bestiegen mehr als 300 Menschen den Gipfel. Im vergangenen Jahr schaffte es nur ein Team: die Chinesin Wang King und ihre Sherpas. Sie nahmen allerdings als erste Expedition überhaupt den Helikopter über den Eisfall hinweg bis zum Camp zwei - was großes Grummeln in der Bergsteigergemeinde auslöste.

Auch die zunehmende Kommerzialisierung des Berges stößt vielen unangenehm auf. Jeder Ausländer muss nun 11.000 US-Dollar (etwa 10 400 Euro) für eine Genehmigung zahlen, das sind 1000 Dollar mehr als im vergangenen Jahr.

Sherpas beschweren sich, dass die Millionen in die Taschen der Regierung fließen statt dafür verwendet zu werden, die niedrigen Versicherungssummen der nepalesischen Bergführer und Träger zu erhöhen. Oder den Hinterbliebenen der Opfer eine bessere Entschädigung zu zahlen. Kurz nach dem Unglück hatten die Sherpa von der Regierung auch verlangt, Gipfelbesteigungen absagen zu dürfen, wenn sie dies für richtig hielten.

Neue Routen, mehr Sicherheit

Temba Tsheri findet, die Behörden sollten lieber die fitten Bergsteiger auf den Berg lassen statt diejenigen mit dem meisten Geld. "Es dürfen ja sogar Leute hoch, die nicht einmal mit Steigeisen umgehen können", klagt er. Das mache das Bergsteigen für alle gefährlicher. Hinzu komme, dass die Zahl der Agenturen zunehme. "Wir unterbieten uns gegenseitig mit den Preisen."

Gyanendra Shrestha vom Tourismusministerium verweist hingegen auf die Reformen des vergangenen Jahres. So seien jetzt drei Ärzte im Basislager stationiert, außerdem sei die neue Route durch den Gletscher sicherer. "Unsere Eisfall-Doktoren haben einen neuen Pfad durch den Khumbu geschaffen, der weit von der Stelle entfernt ist, wo im vergangenen Jahr die Lawine verlief." Außerdem müssten nun alle Bergsteiger beim Abstieg mindestens acht Kilogramm Müll mit hinunterbringen.

Doch die Zelte und Sauerstoffflaschen und Gaskartuschen am Berg seien meist gar nicht mehr das Problem, sagen manche Bergsteiger. Sondern die menschlichen Exkremente. "Einige Teile der Route sind voller Scheiße, und der Gestank ist wirklich grausam, wenn man dort langläuft", sagt Lhakpa Sherpa, der den Everest viermal bestiegen hat. "Die Regierung muss etwas tun, damit die Bergsteiger wirklich all ihren Müll wieder mit ins Tal nehmen."

Pratibha Tuladhar und Doreen Fiedler/dpa/jus

insgesamt 6 Beiträge
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Malshandir 13.04.2015
1. Verwunderlich
Also gefrorene Extremente stinken nicht. Sicher es ist eklig, aber dann muss man halt in den Lagern entprechende Gelegenheiten anbieten und dann verbrennen.
h_harz 13.04.2015
2. Ich weiß nicht,
ob gefrorene Exkremente stinken oder nicht und ob sie überhaupt gefroren sind, ich habe damit keinerlei Erfahrung. Allerdings finde ich es total daneben zu fordern, dass dann eben entsprechende Gelegenheiten anbieten "muss" um diese Sachen zu verbrennen. Man sollte eher damit anfangen all diejenigen auszusortieren, die aus reiner Unvernunft und Selbstüberschätzung oder einfach nur, weil sie es sich finanziell leisten können, auf diesen Berg steigen wollen, bzw. sich mit Sauerstoffmasken bewaffnet mehr oder weniger hoch tragen lassen. Ich wäre dafür Sauerstoffflaschen auf diesem Berg komplett zu verbieten, bzw. nur für Rettungseinsätze Damit würde die Zahl der "Besteiger" vermutlich um 98% sinken und gleichzeitig auch die Menge der Hinterlassenschaften. So weit ich weiß haben Messner und andere auch keine Sauerstoffflaschen benutzt.
keksguru 13.04.2015
3. Frage der Qualifikation
vielleicht sollte man mal das Mount Everest Hügelchen für die Leute reservieren, die schon den K2 bestiegen haben oder den Nanga Parbat. Das sind mal Berge, an denen man Können demonstrieren muß und wo einen kein Sherpa helfen wird.
Wiedereinaussteiger 13.04.2015
4.
Über den Everest ist alles gesagt. Beinahe. Man lese Jon Krakauer und vielleicht noch Anatolij Bukrejev. Und nur wen es wirklich interessiert, der sollte sich noch die Geschichten der 1983er und 1988er Kangshung-Expeditionen gönnen. Ich empfehle Stephen Venables, die 1988er. Der größte lebende Autor zum klassischen Himalaya-Bergsteigen. Alleinersteiger ohne Sauerstoff. Auf einer weitaus strapaziöseren Route als dieser Messner. Dann ist absolut klar, dass das heutige Everest-Geschehen mit Bergsteigen im klassischen Sinne null, nada, niente, nothing noch zu tun hat, und viel mehr mit der überbordenden, haltlosen Eitelkeit reicher westlicher und japanischer Möchtegerns, die ihre zuviele Kohle in das Abenteuer senken möchten, mit einer Chance eins zu sechs (dass es klappt / dass es schiefgeht) einmal auf dem höchsten Punkt der Erdoberfläche zu stehen. Was sie weitaus günstiger auch am Mauna Kea haben könnten (höchster Berg - vom nassen Fuß gerechnet) oder am Chimborazo (am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernt). Das einzig interessante an diesem überlaufenen Berg ist noch die Frage, ob er tatsächlich am 29.5.1953 erstbestiegen wurde, oder doch schon bereits am 8.6.1924. Mallory, Irvine - statt Tenzing, Hillary. Alles andere weiß man bereits.
medienanwalt 13.04.2015
5. Das Geld ruft
Solange sich die Besteigung des Berges für Geld verkaufen lässt, so lange wird auch Geld, Blut und die Exkremente weiterhin fließen. Letztere stinken in der Tat auch in der Höhe, denn die Sonne ist dort oben unerbittlich heiß. Man glaubt es kaum. Aber so ist es nun mal. Ein Scheiß Geschäft, wenn man so will.
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