Eingeschneite Airports Ramsauer will gestrandete Passagiere auch nachts ausfliegen

Der starke Schneefall durchkreuzt die Pläne vieler Weihnachtsurlauber, Zehntausende sitzen auf Europas Flughäfen fest. Um die in Deutschland gestrandeten Passagiere an ihre Ziele zu bringen, will Bundesverkehrsminister Ramsauer die Nachtflugbeschränkungen teilweise aufheben.


Berlin - Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer hat sich für eine Teil-Aufhebung des Nachtflugverbots ausgesprochen, um die durch das Schneechaos auf den deutschen Flughäfen festsitzenden Passagiere schneller an ihre Ziele zu bringen. "Ich bitte die Länder, in der aktuellen Lage situationsbezogen Ausnahmegenehmigungen von Nachtflugbeschränkungen zu erteilen", sagte der CSU-Politiker der "Bild"-Zeitung laut Vorabbericht vom Montag. Gerade in der Weihnachtszeit müssten insbesondere gestrandete Reisende, die etwa zu ihren Familien unterwegs seien, schnellstmöglich an ihr Ziel gebracht werden.

Schnee und Eis werfen seit Tagen die Flugpläne in ganz Europa durcheinander. Zehntausende Passagiere sind deswegen gestrandet. In Deutschland sind besonders der Frankfurter Flughafen und die Lufthansa betroffen, die in Frankfurt ein Drehkreuz betreibt. Bisher mussten rund 340 von gut 1360 geplanten Flügen gestrichen werden. In den Terminals warteten einige tausend Passagiere auf ihren Weiterflug, wie ein Sprecher des Flughafenbetreibers Fraport sagte. Auch in den kommenden Tagen müsse mit Verspätungen und Flugausfällen gerechnet werden. In den Hallen wurden mehr als tausend Feldbetten aufgestellt. Clowns sollten die Wartezeiten für die Passagiere verkürzen.

Auch an anderen Flughäfen wie in Berlin, Düsseldorf und München wurden am Montag etliche Flüge annulliert. Auf den Hauptstadt-Airports wurden bis zum Mittag mehr als hundert Flüge gestrichen. Auf den großen Flughäfen in Großbritannien und Frankreich kam es auch am Montag zu Verspätungen und Flugausfällen.

"Wir setzen alles ein an Zügen, was wir haben"

Die Lage an den Flughäfen belastete den Verkehr der Bahn zusätzlich. Am Montag musste laut einem Unternehmenssprecher weiterhin mit Verspätungen und Zugausfällen gerechnet werden. Besonders angespannt sei die Lage auf den Strecken Hamburg-München, Berlin-Ruhrgebiet und Köln-Frankfurt. "Wir setzen alles ein an Zügen, was wir haben", sagte der Bahn-Sprecher. Am Bahnhof in Halle hatten Züge aus Nordrhein-Westfalen in Richtung Leipzig zum Teil bis zu drei Stunden Verspätung.

In ganz Deutschland sei die Höchstgeschwindigkeit der ICE und Intercitys auf 200 km/h begrenzt, um Schäden an den Fahrzeugen zu vermeiden. Auf die Frage, ob die Wintervorbereitungen ausreichend gewesen seien, antwortete der Sprecher: Angesichts der starken Schneefälle handelte es sich um eine "Extremsituation", die Straßen, Flughäfen und die Schiene gleichermaßen treffe. Weil Fluggäste zur Bahn wechselten, seien die Züge sehr voll. Der Sprecher empfahl, sich vor der Fahrt einen Sitzplatz zu reservieren. Sollte eine Verbindung ausgebucht sein, sei in der Regel in dem früheren oder späteren Zug noch etwas frei.

SPD-Verkehrsexperte Uwe Beckmeyer sprach von "dramatischen Wartungsmängeln" am Schienennetz. "Die Deutsche Bahn ist nicht winterfest", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

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Schneechaos in Europa: Nächte am Flughafen
Auch die Autofahrer hatten zu Beginn der Weihnachtswoche weiter mit Schnee und Eis zu kämpfen. In Nordrhein-Westfalen hatte sich nach dem winterlichen Unwetter vom Wochenende die Verkehrslage etwas entspannt. Das Fahrverbot für Lkw wurde in den Bereichen der Regierungspräsidien Münster, Detmold und Arnsberg wieder aufgehoben, blieb allerdings zunächst noch in den Regierungsbezirken Köln und Düsseldorf in Kraft.

Zudem gab es nach Angaben der Landesleitstelle der Polizei am Morgen noch insgesamt rund 250 Kilometer Stau auf den Autobahnen des Landes. Zwischen Sonntagmittag und Montagmorgen hatten sich in NRW mehr als 600 witterungsbedingte Verkehrsunfälle ereignet. Dabei wurden acht Menschen schwer und 38 leicht verletzt. Der Schaden belief sich auf rund 1,7 Millionen Euro.

Fahrverbot für Lkw

In Rheinland-Pfalz wurde der Busverkehr teilweise im Donnersbergkreis und im Landkreis Alzey-Worms bis in den Vormittag hinein eingestellt. Auch Schüler konnten nicht befördert werden, wie ein Sprecher des Omnibusverkehr Rhein-Nahe (ORN) sagte. Probleme gab es auch an den Bundes- und Landstraßen zu den Nachbarländern Belgien, Frankreich und Luxemburg. Dort galt noch am Montagmorgen ein Fahrverbot für Lkw über 7,5 Tonnen zulässiges Gesamtgewicht. Wie die Polizei in Trier mitteilte, habe das Fahrverbot zu überfüllten Parkplätzen im rheinland-pfälzischen Grenzgebiet geführt.

In einigen Städten in Rheinland-Pfalz geht wegen Lieferengpässen allmählich das Streusalz aus. Es sei ungewiss, ob die Reserven bis zur nächsten Lieferung ausreichten, sagte ein Sprecher der Stadt Trier. Eine Schiffsladung Salz eines Großhändlers aus Marokko sei überfällig.

Auf den Straßen von Berlin kam es nach bis zu sechs Zentimeter Neuschnee in der Nacht und am frühen Morgen zu 98 Unfällen, bei der S-Bahn gab es erneut auf allen Linien Verspätungen. Im bayerischen Hof stürzte durch die Schneelast das Dach eines Einkaufsmarkts teilweise ein. Der Markt war aber bereits am Vortag für den Kundenverkehr geschlossen worden. Verletzt wurde niemand.

Auch Finnland und Schweden versacken im Schnee

Die Nordeuropäer sind zwar an Schnee gewöhnt, haben aber derzeit mit ungewöhnlichen Wetterverhältnissen zu kämpfen: In Helsinki fielen von Sonntag auf Montag fast 70 Zentimeter Schnee - so viel wie seit 1915 nicht mehr. Die Behörden wissen nicht mehr, wohin mit dem geräumten Schnee. Busse und Straßenbahnen verkehren deutlich langsamer als üblich.

Im südlichen Schweden mussten am Montag 100 von 350 Bahnverbindungen wegen Schneeverwehungen eingestellt werden. Bei allen Verkehrsproblemen aber bleiben die Skandinavier vielleicht eine Spur gelassener als ihre südlicher lebenden Nachbarn. "Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung", sagte die Dänin Ellen Holm, als sie sich zu Fuß zu ihrem Arbeitsplatz im Krankenhaus von Roskilde durchkämpfte. Die Polizei hatte von allen Autofahrten abgeraten.

Schneefälle auch am Dienstag

Der Deutsche Wetterdienst kündigte für das ganze Bundesgebiet am Montag weitere Schneefälle an. Am Dienstag könnten die Niederschläge in Teilen des Landes als Regen fallen. Die Höchsttemperaturen liegen am Dienstag zwischen minus fünf im Nordosten und bis sechs Grad am Oberrhein.

Urlauber und Wintersportler können sich im Gegensatz zu den Verkehrsteilnehmern über wachsende Schneedecken freuen. Im Oberharz lag am Montag so viel Schnee wie noch nie in diesem Winter. Auf dem Brocken, dem höchsten Berg des Mittelgebirges, wurde am Montag eine Schneehöhe von 155 Zentimetern gemessen. In den Wintersportregionen bei Schierke und St. Andreasberg sowie in Torfhaus lagen nach Angaben des Harzer Tourismusverbands mehr als 100 Zentimeter Schnee.

insgesamt 182 Beiträge
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Seite 1
dualbore 20.12.2010
1. ..,-
Was wird nur passieren, wenn es nicht mehr schneit? Dann hat SPON nämlich gar kein Thema mehr, das tagelang prominent platziert immer die selbe Nicht-Information durchkaut.
inko.gnito 20.12.2010
2.
Zehntausenden Anwohnern wird der Schlaf geraubt, damit ein paar Urlauber ihr idiotisches Vergnügen haben. Herr, wirf Hirn vom Himmel.
maconaut, 20.12.2010
3. Finnland als Beispiel....
"In Helsinki fielen von Sonntag auf Montag fast 70 Zentimeter Schnee - so viel wie seit 1915 nicht mehr. Die Behörden wissen nicht mehr, wohin mit dem geräumten Schnee. Busse und Straßenbahnen verkehren deutlich langsamer als üblich. " Wenn beispielsweise in Düsseldorf oder Stuttgart (größenmäßig mit Helsinki vergleichbar, ca. 600.000 Ew.) in 24 Stunden 70cm Schnee fallen, fährt keine einzige Bahn oder Bus mehr - weder schnell noch langsam...
AllesGrau, 20.12.2010
4. Jeder wie er will ...
Ich persönlich bevorzuge ja den Winterschlaf, auch wenn der offizielle Winter trotz zugeschneiter Garage noch gar nicht angefangen hat. Also den ganzen Jahresurlaub sammeln und dann die Wochen um Weihnachten zuhause vor dem Ofen einigeln. Mir käme es gar nicht in den Sinn, im Winter in den Urlaub zu fahren. Da kommt man erholt zurück und findet ein Dutzend Anwaltsschreiben, weil Horden von Rentern sich vor dem eigenen Haus auf dem ungeräumten Gehweg ( während der eigenen Kehrwoche) den Oberschenkelhals gebrochen haben. Da kann man gleich Privatinsolvenz anmelden, weil die Versicherung wegen grober Fahrlässigkeit nicht zahlt!
emden09 20.12.2010
5. Versagen von Politik und Wirtschaft auf dem Rücken der Anwohner austragen?
Zitat von sysopDer starke Schneefall durchkreuzt die Pläne vieler Weihnachtsurlauber, Zehntausende sitzen auf Europas Flughäfen fest. Um die in Deutschland gestrandeten Passagier an ihre Ziele zu bringen,*will Bundesverkehrsminister Ramsauer die Nachtflugbeschränkungen teilweise*aufheben. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,735653,00.html
Schon krude, wie hier das Versagen von Politik und Wirtschaft in Planung und Risikomanagement jetzt auf dem Rücken der Anwohner von Flughäfen und An-/Abflugrouten ausgetragen werden soll. Würde Herr Ramsauer sich mal auf den Hosenboden setzen und seine Hausaufgaben machen, statt seine Zeit mit Prestigeprojekten (S21 u.ä.) zu verplempern, dann hätten die Menschen im Land vielleicht auch Verständnis für sein Versagen im Risikomanagement. Nur: Hätte es die aktuelle Krise ohne das Versagen von Politik und Wirtschaft bei Konzeption und Planung von Bundesbahnstrecken überhaupt gegeben. Man darf berechtigt die Annahmen äußern, dass dem nicht so wäre. Es muss nämlich angenommen werden, dass deutsche Hightechstrecken genauso winterfest sein könnten wie Sibirische Hinterwäldlertechnologie und die Mehrzahl der festsitzenden Fluggäste mit der Bahn zumindest innereuropäisch längst an Ort und Stelle gebracht wäre. Wenn, ja wenn Herr Ramsauer und seine Vorgänger im Amt sich nicht mit unnötigem Geldverschleudern in teuren Vorzeigeprojekten (Transrapid, S21 usw) aufgehalten hätten sondern in die Versorgungssicherheit bei Bahn- und Flughafeninfrastruktur investiert hätten. Sorry aber als Anwohner einer Abflugroute am Flughafen Düsseldorf würde ich meinen Anwalt unmittelbar beauftragen, eine einstweilige Verfügung gegen Sondererlaubnisse für Nachtflüge zu erwirken, wenn die NRW-Regierung wirklich so blind wäre, das Versagen ihrer Vorgängerregierung und der amtierenden Bundesregierung auf unserem Rücken austragen zu wollen.
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