Essay über das Reisen Setzt euch der Fremde aus!

2. Teil: Das Unerwartete betört


Irgendwo zwischen Tonka und Timbuktu steuern wir unsere Pinasse ans Ufer und spazieren in ein nahes Dorf. Grundlos, ohne Absicht. Die Sonne rollt über die Dünen davon. Die Männer des Dorfes sitzen auf Matten im Sand und lauschen – ermattet nach einem langen Arbeitstag – einem Lehrer, der mit einem Bambusstock auf eine Schiefertafel zeigt. Der Lehrer bedeutet, wir mögen uns dazusetzen. Die Männer, darunter einige mit spitzen weißen Bärten, sprechen das angeschriebene Wort nach, zerlegen es in seine Silben, sprechen die Silben nach, zerlegen sie in die einzelnen Buchstaben, sprechen die Buchstaben nach, bevor sie diese wieder zu Silben und Wörtern zusammenzusetzen.

Die Männer, allesamt Bauern, bestimmen selbst, wann und wo sie Lesen und Schreiben lernen wollen. Sie geben sich einige Male in der Woche, in der Stunde des Sonnenuntergangs, alle Mühe. Ihre Kinder schicken sie aber nicht in die Schule, aus Angst, dass sie eines Tages in die Stadt ziehen. Vor Jahren bin ich den Niger entlanggereist, von der Quelle bis zur Mündung, und keine Begegnung und keine Erfahrung hat mich mehr berührt als jene zufällige mit den alten Männern im letzten Tageslicht, dem Zauber der Buchstaben, Silben und Wörter ausgesetzt.

Es ist das Unerwartete, das betört. Die meisten Reisenden kehren mit eigenwilligen Schätzen heim – mit scheinbaren Nebensächlichkeiten. … In einer Gasse, wir hatten uns verlaufen, da war diese Kneipe, in der ein paar Minenarbeiter gegessen haben, sie haben uns hereingewinkt, wir haben einen Bohneneintopf gegessen …

Und plötzlich ist ein Zauber spürbar, den keine Planung und kein Angebot bereithalten können. Es ist auch heute, selbst in unserer globalisierten Welt, nicht so schwierig, für sich selbst ein anderes Reisen zu entdecken. Wie wäre es, wenn wir unsere unergiebige Rastlosigkeit an drei Maximen ausrichteten, die vielleicht banal klingen und doch nur selten von Reisenden beherzigt werden? In einem Satz: Reise allein, reise ohne Gepäck und reise langsam, möglichst zu Fuß. Wer so reist, durchwandert die Schatten des Offensichtlichen.

Gepäck stört in der Fremde

Kaum beginnt die Reise, ist gemeinhin das eigene Gepäck in Gefahr. Aber wenn die Fremde dem Reisenden nach dem Gepäck trachtet, liegt es da nicht nahe, sich des Gepäcks zu entledigen? Ist nicht die Gefährdung des Gepäcks gerade eine Chance bei der Begegnung mit der Fremde? Damit ist nicht nur der meist überflüssige Inhalt unserer Koffer und Taschen gemeint, sondern im übertragenen Sinne auch unsere Vorurteile und Besserwissereien, die wir unterwegs in Gefahr bringen wollen, je heftiger, desto besser.

Aber auch die Kleidungsstücke, die wir mitschleppen, stören in der Fremde. Sie stellen alle möglichen Behauptungen auf, gegen die man sich nicht wehren kann, da man selten die Gelegenheit hat, der allgemeinen oberflächlichen Einordnung etwas Persönlicheres, Differenzierteres entgegenzuhalten. Man bekommt fast überall auf der Welt all das, was man – zumindest für das jeweilige Land – zum Überleben braucht. Wer mit leichtem Gepäck reist, der verringert das Maß der Sorgen, der Vorurteile, der Erwartungen.

Überladen sind auch die Reisen in der Gruppe. In Mopti, einem weiteren Ort am Niger, streune ich stundenlang durch die Gassen und sauge Flüchtigkeiten auf, lausche den vielen mir unbekannten Geräuschen. Dann biege ich um eine Ecke, und bevor ich mich versehen kann, falle ich in eine Reisegruppe hinein, der es aufgrund ihrer Größe schwerfällt, durch die Gassen zu schlüpfen. Diese Gruppe erzeugt so viel unvermeidbaren Lärm – das Klicken der Fotoapparate, die Rufe des Führers, die Erregung der vielen Stimmen –, dass die Teilnehmer nicht hören können, wie der Schmuck an den Ohren und Armen der Fulbe-Frauen klirrt, wie der Harmattan durch alle Ritzen rauscht, wie die Sandalen über den lehmigen Boden kratzen.

Jede Gruppe neigt zur Blindheit und Taubheit, und sie zieht Gefahr an. Mungo Park, der junge Schotte, der vor mehr als 200 Jahren alle Geheimnisse des Nigers lüften wollte, unternahm seine erste Expedition fast allein, es begleiteten ihn nur ein Dolmetscher und ein Diener. Es war eine erlebnisreiche Reise, über die er einen spannenden Bericht verfasste. Bei seiner zweiten Expedition führte er 38 britische Soldaten ins westafrikanische Binnenland. Von dieser Reise kehrte er nicht heim.

Eine Reise vom Ich zum Selbst

Besonders schwer fällt es uns Beschleunigten, langsamer zu treten. Das fatale Diktat, das in dem Wort "Sehenswürdigkeit" steckt, treibt uns zu immer dichteren Reiserouten. Es gilt geradezu als verschroben, wer sich in seinem Urlaub nur mit einem Fleck, einer Altstadt oder einem See etwa beschäftigt. Und als völlig verrückt muss jener gelten, der zu Fuß aufbricht. Dabei fördert die Fußreise eine Wachheit, die den Reisenden wie eine Bogensehne spannt. Er ist einer Wirklichkeit ausgesetzt, die sich mit kleinen spitzen Steinen durch die Sohlen drückt, die schwer an den Riemen des Rucksacks hängt, die sich durch schmerzende Glieder, Schweiß und Dreck bei jedem Schritt aufdrängt.

Wer mit dem Auto, dem Bus, dem Zug oder dem Motorrad durch die Landschaft fährt, sieht mit den Augen – mehr oder weniger. Wer sie aber zu Fuß durchstreift, der sieht mit dem ganzen Körper. Und er ist den Einheimischen gleichgestellt, er fällt in die tradierte Kategorie des müden Wanderers, dem Menschen weltweit mit den Mitteln der vertrauten Gastfreundschaft begegnen. Durch die Windschutzscheibe betrachtet, schaut die Fremde aus, als sei sie schlecht in die eigene Sprache übersetzt.

Keiner von uns kann sich bei jeder Reise völlig nackt machen, und es ist nicht vorstellbar, dass Milliarden von Menschen Eigenwege nehmen. Aber es lohnt sich, seine Aufbrüche zu hinterfragen, um das Schöne am Reisen zu entdecken oder wiederzuentdecken. Dazu muss man nur das Risiko eingehen, die eigene Wahrnehmungen und Prägungen über den Haufen zu werfen. Denn wahre Reisen führen nicht von der Heimat in die Fremde und wieder zurück, sondern verwandeln Fremde in Heimat.

Unternimm eine Reise, mein Freund, sang einst der Sufi-Dichter Rumi, vom Ich zum Selbst. So eine Reise verwandelt die Welt in eine Goldmine. Und sie folgt niemals vorgegebenen Wegen, sondern unserem jeweils eigenen Weg.



insgesamt 19 Beiträge
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walter sparbier 12.01.2009
1. danke!
herr trojanow, wie ich ihnen für ihren artikel danke! sie sprechen aus, was viele von uns nur im innersten wissen: das reisen an sich, die überraschungen - all das versäumen wir immerzu! ich danke ihnen für ihren artikel, herr trojanow. sie haben - wohl nicht nur - mir die augen geöffnet und von nun an werde ich so reisen, wie sie es für richtig halten! ja, oft bedarf es eines blinden, um uns den weg zu weisen, oft bedarf es eines 'möchtegern' burton, um uns seine ideen und vorstellungen (burtons) zu vermitteln. nun muss ja nicht jeder seinem idol so nahe treten wie sie und gleich dem islam übertreten, aber gut. selten las ich ein langweiligeres buch als ihres (richard burton) und der erfolg ist mir unerklärlich. selten kam mir ein autor so unsympathisch daher. nun hatte ich das glück, sie persönlich kennenzulernen (im beisen ihres vaters). herr trojanow, zu ihrer persönlichen austrahlung, die gleich null ist, kommt das bemühen jemand zu sein, der sie nie sein werden: weltoffen, gebildet und angenehm. ihre anwesenheit und ihre person tangiert zwischen lächerlich und lustig. (und das nicht nur im beisein ihres vaters). warum gerade der spiegel etwas von ihnen veröffentlicht, was offensichtlich so stümperhaft daherkommt ist bedenklich. weiter so, herr trojanow, sie müssen auch leben. vielleicht sollte das nächste buch ein lebendsberater sein? ich traue es ihnen zu! trotz allem: viel glück!
Thomas Hentzschel 12.01.2009
2. reisen und drüber schreiben
ach Herr Trojanow, wie recht sie haben....Die beschriebene Reiseart braucht Zeit und man sollte etwas damit verdienen (zB durch darüber schreiben), oder bedürfnislos wie ein Sadhu sein. Leider will mein Geschreibsel kaum einer lesen, mal sehen, wie eine gaaaanz langsame Reise wirkt. Die habe ich vor. Aber ein deutlicher Widerspruch sei erlaubt: Ich kenne Ihre Frau nicht, aber mit meiner ist es besser als allein, und trotzdem leise! Deswegen besser zu zweit, ohne Gruppe und ohne Organisation.
hägar72 12.01.2009
3. Modernes Reisen
"Was die touristische Branche als pauschale oder individuelle Reise verkauft, ist oft die Vermeidung von wahrem Reisen. Der Sinn des Reisens ist auf den Kopf gestellt: anstatt sich der Fremde auszusetzen, zahlt man Geld, um ihr aus dem Wege zu gehen." So ist es: Man sollte das, was die meisten Menschen heute allsommerlich tun, nicht für das Reisen halten. Man will was anderes sehen als immer nur die eigenen Bürowände und kauft sich eben ein weiteres Produkt, dass uns die zuständige Industrie als "Erlebnis" verkauft. Ich sehe es bei meinen eigenen Kollegen: Man sucht sich per Katalog irgendein Ziel aus, dass völlig austauschbar ist, fliegt dann mit Sack und Pack in irgendein beliebiges Betonhotel, geht niemals vor die Tür, gammelt am Pool und füllt sich am Buffet den Magen mit Schnitzel und Pommes voll. Dann beschwert man sich noch etwas, dass die Klimaanlage tropft oder eine Kakerlake durch die Lobby huscht ... Man fährt zehn Mal nach Ägypten und kennt Falafel nicht! Ich glaube, wenn das Reiseunternehmen die Menschen statt nach Zypern mal heimlich in die Karibik fliegt, das merken die meisten gar nicht. Die ganzen Urlaubsreisen, die die Menschen so teuer bezahlen, die könnte man meistens auch zuhause haben: Jedes lokale Schwimmbad bietet ja heute Wellness und Erlebnis-Buffet. Da muss man nicht um die halbe Welt fliegen und dafür mehrere Tonne CO2 produzieren.
fkrone 12.01.2009
4. Reisen ohne Luxus
Entscheidend ist nicht der Luxus den man während der Reise genießt, sondern die Grundlage überhaupt reisen zu können, das ist der Luxus. Selbst 'günstige' Reisen für ein-zweihundert Euro sind für viele schon ein Traum - auch die Möglichkeit mindestens zwei Wochen Urlaub zu bekommen, ist für viele eine Unmöglichkeit!
Jokuhuna, 12.01.2009
5. jo
Zitat von hägar72"Was die touristische Branche als pauschale oder individuelle Reise verkauft, ist oft die Vermeidung von wahrem Reisen. Der Sinn des Reisens ist auf den Kopf gestellt: anstatt sich der Fremde auszusetzen, zahlt man Geld, um ihr aus dem Wege zu gehen." So ist es: Man sollte das, was die meisten Menschen heute allsommerlich tun, nicht für das Reisen halten. Man will was anderes sehen als immer nur die eigenen Bürowände und kauft sich eben ein weiteres Produkt, dass uns die zuständige Industrie als "Erlebnis" verkauft. Ich sehe es bei meinen eigenen Kollegen: Man sucht sich per Katalog irgendein Ziel aus, dass völlig austauschbar ist, fliegt dann mit Sack und Pack in irgendein beliebiges Betonhotel, geht niemals vor die Tür, gammelt am Pool und füllt sich am Buffet den Magen mit Schnitzel und Pommes voll. Dann beschwert man sich noch etwas, dass die Klimaanlage tropft oder eine Kakerlake durch die Lobby huscht ... Man fährt zehn Mal nach Ägypten und kennt Falafel nicht! Ich glaube, wenn das Reiseunternehmen die Menschen statt nach Zypern mal heimlich in die Karibik fliegt, das merken die meisten gar nicht. Die ganzen Urlaubsreisen, die die Menschen so teuer bezahlen, die könnte man meistens auch zuhause haben: Jedes lokale Schwimmbad bietet ja heute Wellness und Erlebnis-Buffet. Da muss man nicht um die halbe Welt fliegen und dafür mehrere Tonne CO2 produzieren.
Genau meine Meinung. Und vor dem Erlebnisbad kommen alle für 3 Stunden in einen abgedunkelten Bus wo sie durchgeschüttelt und von hübschen jungen Menschen bespaßt werden.
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