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12. Januar 2009, 06:19 Uhr

Essay über das Reisen

Setzt euch der Fremde aus!

Statt sich im Unbekannten zu finden, zahlen Urlauber Geld, um Überraschungen aus dem Weg zu gehen. Der Sinn des Reisens bleibt so auf der Strecke, meint Bestsellerautor Ilija Trojanow. Sein Rat: Reise allein, reise ohne Gepäck und reise langsam.

Ein jeder ist unterwegs. Wir suchen das Unbekannte und landen oft im schmerzlich Vertrauten: Blechlawinen auf Autobahnen und Ringstraßen; Parkplätze, dichter besetzt als je ein Friedhof; Flughäfen, auf denen im Minutentakt Flugzeuge landen; kilometerlange Warteschlangen vor Seilbahnen und Museen.

Kaum ein Fleck der Erde ist vor unserer Mobilität sicher. Wo die Sonne hinscheint, steht schon eine Liege bereit. Wie die Heuschrecken schwärmen wir über jedem Schlaraffenort aus. Und wenn es uns abenteuert, tauchen wir zu Schiffswracks hinab, schweben in Heißluftballons über die Savanne oder brechen uns einen Weg durch das nicht mehr ganz so ewige Eis.

Wahrlich, wir sind viel unterwegs, aber reisen wir überhaupt noch? Wir fahren durch die Welt, aber wie viel erfahren wir von ihr? Sollte Reisen nicht über die Veränderung der Lokalität hinausgehen? Sollte Reisen nicht ein metaphysischer Akt des Erkennens sein? Wie sehr gilt für uns noch das maurische Sprichwort, nur der Reisende kenne den wahren Wert des Menschen?

Einst beinhaltete die Reise – als Metapher wie auch als Realität – ein hohes Maß an Läuterung und Wandlung. In den meisten Religionen galt das Reisen als rechte Lebensführung, als Instrument der Katharsis, als Mittel zur Erleuchtung.

In dem hinduistischen Lehrbuch "Aitareya-Brahmana" etwa steht geschrieben: "Es gibt kein Glück für den Menschen, der nicht reist. In Gesellschaft von Menschen wird auch der Beste zum Sünder … also brich auf. Des Wanderers Füße sind wie eine Blume: seine Seele wächst, erntet Früchte; seine Mühen verbrennen seine Sünden. Also brich auf! Wenn du rastest, rasten auch deine Segnungen; sie stehen auf, wenn du aufstehst, sie schlafen, wenn du schläfst, sie regen sich, wenn du dich regst. Gott ist der Freund der Reisenden. Also brich auf."

Indien: Seßhaftigkeit birgt alle Sünden

Ähnlich den christlichen Wandermönchen von einst ziehen noch heute indische Asketen, sadhus genannt, durch das Land. Die orthodoxeren unter ihnen verbringen keine zwei Nächte am selben Lagerplatz. Denn die Seßhaftigkeit berge alle Sünden in sich, ob Gier, Egoismus oder Gewalt. Wer aber in die Seßhaftigkeit hineingeboren ist, wer von ihr geprägt und geschult worden ist, kann das Reisen nur als einen seltenen Ausstieg erleben, als Auszeit von seinem All- und Eintag.

Reisen solcher Art sind keineswegs ein Luxus. Traditionell haben Pilger sie unternommen, ob auf Hadsch nach Mekka, zu Gipfeln des Himalaja oder auf dem Jakobsweg. Sie waren oft Suchende ohne finanzielle Mittel, die sich manchmal ein Leben lang auf die eine große Reise vorbereiteten.

Eine andere althergebrachte Form des Reisens verdankt sich dem Handel. Zu großen regionalen Märkten, wie etwa dem Montagsmarkt in Djenné im Herzen Malis, strömen Händler aus mehreren hundert Kilometern Entfernung, manche auf Kamelen, andere zu Fuß, die meisten aber in klapprigen Peugeots, die so überladen sind, dass ihre Ankunft wie ein Wunder erscheint. In Afrika oder Asien existieren noch vielerorts solche Kreuzungspunkte; die Händler müssen große Widerstände und Entfernungen überwinden.

Komfort statt Herausforderung

Das höchste Ideal des Reisens ist wohl die profunde Veränderung des Reisenden. Reisen, die solchen Ansprüchen genügen, sind aufwändig und anstrengend, sie erfordern Zeit und Mühsal, sie fordern den Einzelnen heraus – wenig haben sie gemein mit dem modernen, komfortablen Tourismus.

Was die touristische Branche als pauschale oder individuelle Reise verkauft, ist oft die Vermeidung von wahrem Reisen. Der Sinn des Reisens ist auf den Kopf gestellt: anstatt sich der Fremde auszusetzen, zahlt man Geld, um ihr aus dem Wege zu gehen.

Die Vermeidungstouren beginnen auf Prospekten und Landkarten, wo die ganze Welt verführerisch übersichtlich dargestellt ist, in kleinstem Maßstab, auf jedem Quadratzentimeter Informationen über Informationen, so verdichtet, dass man gar nicht durch das gespannte Netz fallen kann. Bevor man aufbricht, weiß man schon, wie die Fremde heißt und welche Ausfahrt zu ihr führt.

Wir trauen uns in jede Fremde, weil uns dort nichts passieren kann. Eine gewaltige Industrie garantiert, dass man von all jenen Irritationen, Verwirrungen und Überraschungen verschont wird, weswegen allein es sich lohnt, sein Zuhause – das Vertraute – zu verlassen. So bleibt das Gefühl der Befremdung auf der Strecke, das Gefühl, sich zu verlieren, das Gefühl, nicht zu verstehen, das Gefühl, nackt zu sein. Es entschwindet die existentielle Überraschung.

Das Unerwartete betört

Irgendwo zwischen Tonka und Timbuktu steuern wir unsere Pinasse ans Ufer und spazieren in ein nahes Dorf. Grundlos, ohne Absicht. Die Sonne rollt über die Dünen davon. Die Männer des Dorfes sitzen auf Matten im Sand und lauschen – ermattet nach einem langen Arbeitstag – einem Lehrer, der mit einem Bambusstock auf eine Schiefertafel zeigt. Der Lehrer bedeutet, wir mögen uns dazusetzen. Die Männer, darunter einige mit spitzen weißen Bärten, sprechen das angeschriebene Wort nach, zerlegen es in seine Silben, sprechen die Silben nach, zerlegen sie in die einzelnen Buchstaben, sprechen die Buchstaben nach, bevor sie diese wieder zu Silben und Wörtern zusammenzusetzen.

Die Männer, allesamt Bauern, bestimmen selbst, wann und wo sie Lesen und Schreiben lernen wollen. Sie geben sich einige Male in der Woche, in der Stunde des Sonnenuntergangs, alle Mühe. Ihre Kinder schicken sie aber nicht in die Schule, aus Angst, dass sie eines Tages in die Stadt ziehen. Vor Jahren bin ich den Niger entlanggereist, von der Quelle bis zur Mündung, und keine Begegnung und keine Erfahrung hat mich mehr berührt als jene zufällige mit den alten Männern im letzten Tageslicht, dem Zauber der Buchstaben, Silben und Wörter ausgesetzt.

Es ist das Unerwartete, das betört. Die meisten Reisenden kehren mit eigenwilligen Schätzen heim – mit scheinbaren Nebensächlichkeiten. … In einer Gasse, wir hatten uns verlaufen, da war diese Kneipe, in der ein paar Minenarbeiter gegessen haben, sie haben uns hereingewinkt, wir haben einen Bohneneintopf gegessen …

Und plötzlich ist ein Zauber spürbar, den keine Planung und kein Angebot bereithalten können. Es ist auch heute, selbst in unserer globalisierten Welt, nicht so schwierig, für sich selbst ein anderes Reisen zu entdecken. Wie wäre es, wenn wir unsere unergiebige Rastlosigkeit an drei Maximen ausrichteten, die vielleicht banal klingen und doch nur selten von Reisenden beherzigt werden? In einem Satz: Reise allein, reise ohne Gepäck und reise langsam, möglichst zu Fuß. Wer so reist, durchwandert die Schatten des Offensichtlichen.

Gepäck stört in der Fremde

Kaum beginnt die Reise, ist gemeinhin das eigene Gepäck in Gefahr. Aber wenn die Fremde dem Reisenden nach dem Gepäck trachtet, liegt es da nicht nahe, sich des Gepäcks zu entledigen? Ist nicht die Gefährdung des Gepäcks gerade eine Chance bei der Begegnung mit der Fremde? Damit ist nicht nur der meist überflüssige Inhalt unserer Koffer und Taschen gemeint, sondern im übertragenen Sinne auch unsere Vorurteile und Besserwissereien, die wir unterwegs in Gefahr bringen wollen, je heftiger, desto besser.

Aber auch die Kleidungsstücke, die wir mitschleppen, stören in der Fremde. Sie stellen alle möglichen Behauptungen auf, gegen die man sich nicht wehren kann, da man selten die Gelegenheit hat, der allgemeinen oberflächlichen Einordnung etwas Persönlicheres, Differenzierteres entgegenzuhalten. Man bekommt fast überall auf der Welt all das, was man – zumindest für das jeweilige Land – zum Überleben braucht. Wer mit leichtem Gepäck reist, der verringert das Maß der Sorgen, der Vorurteile, der Erwartungen.

Überladen sind auch die Reisen in der Gruppe. In Mopti, einem weiteren Ort am Niger, streune ich stundenlang durch die Gassen und sauge Flüchtigkeiten auf, lausche den vielen mir unbekannten Geräuschen. Dann biege ich um eine Ecke, und bevor ich mich versehen kann, falle ich in eine Reisegruppe hinein, der es aufgrund ihrer Größe schwerfällt, durch die Gassen zu schlüpfen. Diese Gruppe erzeugt so viel unvermeidbaren Lärm – das Klicken der Fotoapparate, die Rufe des Führers, die Erregung der vielen Stimmen –, dass die Teilnehmer nicht hören können, wie der Schmuck an den Ohren und Armen der Fulbe-Frauen klirrt, wie der Harmattan durch alle Ritzen rauscht, wie die Sandalen über den lehmigen Boden kratzen.

Jede Gruppe neigt zur Blindheit und Taubheit, und sie zieht Gefahr an. Mungo Park, der junge Schotte, der vor mehr als 200 Jahren alle Geheimnisse des Nigers lüften wollte, unternahm seine erste Expedition fast allein, es begleiteten ihn nur ein Dolmetscher und ein Diener. Es war eine erlebnisreiche Reise, über die er einen spannenden Bericht verfasste. Bei seiner zweiten Expedition führte er 38 britische Soldaten ins westafrikanische Binnenland. Von dieser Reise kehrte er nicht heim.

Eine Reise vom Ich zum Selbst

Besonders schwer fällt es uns Beschleunigten, langsamer zu treten. Das fatale Diktat, das in dem Wort "Sehenswürdigkeit" steckt, treibt uns zu immer dichteren Reiserouten. Es gilt geradezu als verschroben, wer sich in seinem Urlaub nur mit einem Fleck, einer Altstadt oder einem See etwa beschäftigt. Und als völlig verrückt muss jener gelten, der zu Fuß aufbricht. Dabei fördert die Fußreise eine Wachheit, die den Reisenden wie eine Bogensehne spannt. Er ist einer Wirklichkeit ausgesetzt, die sich mit kleinen spitzen Steinen durch die Sohlen drückt, die schwer an den Riemen des Rucksacks hängt, die sich durch schmerzende Glieder, Schweiß und Dreck bei jedem Schritt aufdrängt.

Wer mit dem Auto, dem Bus, dem Zug oder dem Motorrad durch die Landschaft fährt, sieht mit den Augen – mehr oder weniger. Wer sie aber zu Fuß durchstreift, der sieht mit dem ganzen Körper. Und er ist den Einheimischen gleichgestellt, er fällt in die tradierte Kategorie des müden Wanderers, dem Menschen weltweit mit den Mitteln der vertrauten Gastfreundschaft begegnen. Durch die Windschutzscheibe betrachtet, schaut die Fremde aus, als sei sie schlecht in die eigene Sprache übersetzt.

Keiner von uns kann sich bei jeder Reise völlig nackt machen, und es ist nicht vorstellbar, dass Milliarden von Menschen Eigenwege nehmen. Aber es lohnt sich, seine Aufbrüche zu hinterfragen, um das Schöne am Reisen zu entdecken oder wiederzuentdecken. Dazu muss man nur das Risiko eingehen, die eigene Wahrnehmungen und Prägungen über den Haufen zu werfen. Denn wahre Reisen führen nicht von der Heimat in die Fremde und wieder zurück, sondern verwandeln Fremde in Heimat.

Unternimm eine Reise, mein Freund, sang einst der Sufi-Dichter Rumi, vom Ich zum Selbst. So eine Reise verwandelt die Welt in eine Goldmine. Und sie folgt niemals vorgegebenen Wegen, sondern unserem jeweils eigenen Weg.

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