Kurzfristige Flugstornierungen EU-Kommission mahnt Ryanair

Ryanairs extrem kurzfristige Flugstreichungen beunruhigen auch Brüssel. Die EU-Kommission weist den irischen Billigflieger ausdrücklich auf die Rechte der Flugpassagiere hin.

REUTERS


Bis Ende Oktober will Ryanair rund 2000 Flüge aus seinem Programm streichen. Diese Ansage, die der irische Billigflieger am Freitag verkündete, überrascht nicht nur die eigenen Kunden. Diese mussten ihre Reisen bereits am Samstag nach ersten Stornierungen neu organisieren. Auch die EU-Kommission ist beunruhigt über die Blitzansage aus Dublin.

Die Brüsseler Behörde mahnt Ryanair, die europäischen Verbraucherrechte der Passagiere zu achten. Diese hätten bei der Absage eines Flugs eine Reihe von Ansprüchen, sagte ein Kommissionssprecher am Montag.

So müssen nach Fluggastrechte-Verordnung von 2004 Fluglinien eigentlich mindestens zwei Wochen vor Abflug über eine Streichung informieren. Ist die Frist kürzer, müssen sie den Kunden eine neue Verbindung anbieten. Je weniger Zeit bis zum gebuchten Abflug bleibt, desto weniger Spielraum hat die Airline dabei: Werden Kunden weniger als sieben Tage vorher unterrichtet, darf der Ersatzflug nicht mehr als eine Stunde früher abgehen und nicht mehr als zwei Stunden später ankommen als die ursprünglich gebuchte Verbindung.

Schafft die Fluglinie das nicht, muss sie den Kunden entschädigen, wie die Kommission klarstellte. Man erwarte, dass sich Ryanair daran halte, sagte der Sprecher. Für die Durchsetzung der Rechte zuständig seien aber nationale Behörden, in Deutschland das Luftfahrt-Bundesamt in Braunschweig. Je nach Streckenlänge können die betroffenen Kunden bis zu 600 Euro als Entschädigung fordern. Bisher bietet das Unternehmen Umbuchungen und Flugpreiserstattungen an, weist auf seiner Webseite aber auch auf die EU-Richtlinie hin.

Konkurrenz schnappt Piloten weg

Mit der Stornierungswelle will Ryanair laut Pressemitteilung die Pünktlichkeitsrate, die seit Anfang September unter 80 Prozent gefallen sei, verbessern. "Wir haben die Planung der Urlaube der Piloten durcheinandergebracht und arbeiten hart daran, dies auszubügeln", sagte Kenny Jacobs, Marketing-Chef von Ryanair. Nicht nur die desaströse Urlaubsplanung, auch Fluglotsenstreiks und Unwetter seien schuld an den Verspätungen.

Den Ryanair-Kunden hilft das wenig - sie reagierten per Twitter empört. Mit extrem kurzer Vorlaufzeit wurde und wird ihnen per Mail mitgeteilt, dass ihre Flüge ausfallen. Auf der Webseite sind am Montag lediglich die Stornierungen bis Mittwoch angegeben: Gestrichen wurden in diesen drei Tagen 164 Verbindungen, davon 15 ab und zu deutschen Flughäfen.

Das Vertrauen in den irischen Billigflieger, der sich seit Jahren unter Chef Michael O'Leary bemüht, sein Image zu verbessern, ist erschüttert: Die Papiere fielen am Montagvormittag um bis zu 4,8 Prozent auf ein Dreieinhalb-Monats-Tief von 16,25 Euro.

Experteneinschätzung: Hintergrund ist Kampf um Air-Berlin-Slots

Laut "Irish Independent" ist nicht nur der angestaute Urlaubsüberhang der Piloten die Ursache der Personalknappheit. Die irische Zeitung berichtet, dass Ryanair auch Schwierigkeiten habe, überhaupt Personal zu finden, und in diesem Jahr bereits 140 Piloten an den erfolgreichen Konkurrenten Norwegian Air verloren habe. Während ein Sprecher von Norwegian Air dies gegenüber BBC bestätigte, dementierte Ryanair in anderen Medien.

Spekuliert wird auch über einen ganz anderen Hintergrund: Ryanair bereite sich nach Einschätzung des Luftverkehrsexperten Gerald Wissel von der Beratungsgesellschaft Airborne auf den möglichen Fall vor, dass die insolvente Air Berlin ihren Flugbetrieb aus Geldmangel vorzeitig einstellen muss.

"Im Fall eines vorzeitigen 'Groundings' der Air Berlin müssten die begehrten Start- und Landerechte vom zuständigen Koordinator der Bundesrepublik sofort neu vergeben werden", sagte Wissel der Deutschen Presse-Agentur. Den Zuschlag könnten aber nur Gesellschaften erhalten, die dann auch mit entsprechenden Flugzeugen die Strecken tatsächlich fliegen könnten. Dafür wolle Ryanair einige Maschinen in der Hinterhand haben.

Aus dem Bieterkampf um die insolvente Fluggesellschaft hatte sich das irische Unternehmen Ende August zurückgezogen. Kritik erntete sie dennoch: Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller bezeichnete die Airline als "arbeitnehmerfeindliches Unternehmen" mit einem "frühkapitalistischen" Geschäftsmodell.

Wirtschaftlich steht Ryanair derzeit gut da: Sein zweites Quartal von April bis Ende Juni schloss der Billigflieger mit einem Nettogewinn von 397 Millionen Euro ab. Analysten der irischen Finanzberatung Goodbody Stockbrockers schätzen, dass die Stornierungen der Airline rund 34,5 Millionen Euro kosten werden - davon 23,5 Millionen Euro für Entschädigungszahlungen.

abl/dpa/Reuters



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
raoul2 19.09.2017
1. Natürlich versucht MOL nun,
auf Schleichwegen an die begehrten AB-Slots zu kommen, nachdem er (freiwillig) die Frist versäumte, ein tragfähiges Angebot für die insolvente Airline abzugeben. Das arbeitnehmerfeindliche Unternehmen mit frühkapitalistischem Geschäftsmodell, das allenfalls dem Bubi Lindner aus grundsätzlichen Erwägungen heraus gefallen mag, hat sich anscheinend verspekuliert. Daß es Arbeitnehmer (tatsächlich ja nur Schein-Selbständige) "wagen", dem Irren noch schnell von der Schippe zu springen, damit sie nicht noch weiter in Schieflage geraten, muß dem Pausenclown ganz gehörig auf die Klöten gehen. Und das ist auch gut so.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.