Expo-Kritik Andorras tolle Tüten

Der Kleinstaat in den Pyrenäen will auf der Expo bemerkt werden, um beim Besucher in Erinnerung zu bleiben. Für vergessliche Zeitgenossen hat der Pavillon schon vorgesorgt.
Von Thorsten Pifan

Hannover - Eine Tüte soll sogar schon in Boston auf der anderen Seite des Atlantiks gesichtet worden sein. Auf der Expo erblickt man sie jedenfalls allenthalben. Wer beim Stand von Andorra vorbeischaut, verlässt ihn nur schwerlich ohne Papierbehältnis - und trägt dann den Namenszug des Ministaates in alle Welt. Wer einen Blick "in" die Tüte wirft, stellt fest: Sie birgt viele Überraschungen.

Der Schriftzug "Andorra" fällt dem Besucher, der Halle 15 durchstreift, unweigerlich ins Auge. Er prangt überdimensional vor dem Stand und ist deshalb nicht zu übersehen. Kleines Fürstentum ganz groß. Ähnlich wie die Tüten sind die Buchstaben eine Attraktion, misst man ihre Anziehungskraft am Blitzlichtgewitter, das tagtäglich auf "Andorra" niederprasselt.

Ein Wasserfall begrüßt die Besucher vor dem Stand. Wenige Schritte weiter liegt rechter Hand ein kleiner See, umgeben von idyllischer Natur - die andere Seite des Wasserfalls. Ein scharfer Blick hindurch lohnt sich. Er fällt auf bildhafte Impressionen Andorras: Heiße Quellen, die auf verschlungenen Wegen ein Thermalbad speisen. Sportereignisse, Naturschauspiele - nur projizierte Augenblicke.

Unter einem romanischen Rundbogen hindurch geht es in die nächste Abteilung. Das 65.000 Köpfe zählende Volk blickt auf ein reichhaltiges Kulturerbe aus romanischer Zeit. Dazu zählt auch die einzige erhaltene Rundturmkirche Europas.

Aber nicht nur die architektonischen Schätze locken Touristen ins Land. Mit 275 Kilometern Länge verfügt das winzige Andorra über das größte Skigebiet der Pyrenäen.

Wer Andorra besuchen will, muss auf das Flugzeug verzichten. Es gibt keine Landebahn. Und auch keinen Bahnhof. In das Fürstentum geht es lediglich mit dem Bus.

Voller Stolz präsentiert Andorra seine virtuelle Universität. Der Fortschritt der Technologie. Ihr ist der zweite Teil der Ausstellung gewidmet: Virtuelles Lernen und moderne Telekommunikation in dem Fürstentum.

Am Ende der Präsentation können sich Besucher mit Hilfe einer Landkarte selbst ein Bild von dem Land machen, das von Hannover rund 1800 Kilometer entfernt ist. Neben der Karte steht stets ein freundlicher Mitarbeiter, der geduldig die Fragen der Neugierigen beantwortet.

Andorra. Den meisten Deutschen ist der Name ein Begriff. Der Autor Max Frisch nannte eines seiner Werke nach dem kleinen Pyrenäen-Staat, auch wenn er darin eher die Schweiz beschrieb. Das Stück ist Pflichtlektüre auf vielen deutschen Schulbänken. Wie die Realität in dem fürstenlosen Fürstentum aussieht, das wissen die wenigsten. Es gibt viele Fragen.

Einige beantwortet der Film, der in rund acht Minuten die vier Jahreszeiten Andorras facettenreich erzählt: Der Frühling mit einer herrlichen Blütenpracht. Der heiße Sommer, in dem sogar Tabak gedeiht. Der farbenprächtige Herbst und der eiskalte Winter, in dem Andorra tief eingeschneit ist.

Im Kino kann das Land aus vier Perspektiven betrachtet werden. Der Zuschauer blickt in einen Kasten, der an allen drei Seiten eine Leinwand bietet. Impressionen flimmern auch über die Decke. Zuweilen spiegeln sich die Eindrücke im Wasser wider, das den Boden des Kinos bildet.

Wer noch Fragen hat, muss sich der besagten Tüte bedienen. Denn diese bietet reichhaltiges Informationsmaterial über den 468 Quadratkilometer großen Kleinstaat.

Schon ist die Reise durch den Pyrenäen-Staat vorüber. Klein, wie man ihn erwartet hat, abwechslungsreich, dass es überrascht. Inzwischen ist Andorra unter den Besuchern der Expo zu einem Geheimtipp geworden. Einmal muss der Besucher hier vorbeipilgern. Denn woher soll er sonst die tolle Tüte bekommen?

Bewertung:
Note: 2+
Prädikat: inhaltsvoll
Verweildauer: Die Tüte gibt's sofort. Wer sich intensiver mit Andorra beschäftigen will, muss mindestens zehn Minuten Zeit mitbringen.
Erholungswert: Zwischen den Buchstaben von "Andorra" ist genug Platz, ein wenig die Beine baumeln zu lassen.


Expo-Porträt: Andorra
Auf einen Blick: Von A bis Z - Die Expo-Teilnehmer

Mehr lesen über Verwandte Artikel